„Viele Kunst- und Kulturorte in Prenzlauer Berg schließen. Dazu das Erstarken der Rechten in Pankow“, sagt Mascha Passauer. „Wir müssen ein Gegengewicht bilden und solidarische Orte schaffen, wo man sich vernetzen und in Diskussion treten kann.“ „Was Berlin immer ausgemacht hat, früher aber sehr viel stärker, sind diese Experimentierräume“, fügt Jakob „Tutti“ Turtur hinzu. Es fehle an solchen Orten mit entsprechender Infrastruktur und geringen Mietkosten. Zusammen mit Simon Kiefer bilden sie den Vorstand des gemeinnützigen Kunst- und Kulturvereins DiskoBabel auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs Greifswalder Straße, in direkter Nachbarschaft zum S-Bahnhof.

Donnerstag

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Auf der großen Brachfläche, um deren Nutzung und Bebauung der Bezirk und Immobilienunternehmer Christian Gérôme verhandeln und auf der eine Schule und Wohnungen entstehen sollen, hat der Verein in Zwischennutzung seit 2018 einen stetig wachsenden alternativen Atelierhof auf rund 3000 Quadratmetern errichtet. Als Untermieter gestalten aktuell sechs Kollektive mit zusammen etwa 130 Vereinsmitgliedern Kunst und Kultur. Ein Kollektiv betreibt hier einen eigenen Zirkus, einige sind in Werkstätten am Schaffen, kreieren Kunstinstallationen, arbeiten an Aufführungen und Musik. Es gibt auch einen eigenen Studioraum.

Verein DiskoBabel Pankow
„Viel Freiraum vorhanden, um zu bauen, basteln und sich kreativ auszutoben.“ Der Eingangsbereich des Kunst- und Kulturgeländes von DiskoBabel.© Berliner Morgenpost | Sebastian Struwe

DiskoBabel in Prenzlauer Berg: Bei EBay fündig geworden

An einem frühen Nachmittag unter der Woche begrüßt der Bass einer von einem der Kollektivmitglieder selbst gebauten, imposanten Soundanlage die Morgenpost. Der DJ ist hinter einer Holzbalustrade am Werk, während ein paar Männer direkt daneben an der Fassade arbeiten. „Es ist viel Freiraum vorhanden, um zu bauen, zu basteln und sich kreativ auszutoben“, fasst es Tutti beim Gespräch mit der Morgenpost in einem Container zusammen, der Büro und Aufenthaltsraum ist. Auch Open-Air-Veranstaltungen für ein etwas breiteres Publikum finden auf dem Gelände, das zu großen Teilen aus recycelte Baumaterialien stammen soll, statt. Bis zu 1000 Personen sollen hier Platz finden, wenn alle Bereiche offen sind. Eine Urban-Gardening-Gruppe kümmert sich jeden Sonntag um Pflanzen. „Da kann man sehr easy mit einsteigen“, sagt Tutti. Sinnvoll sei es, sich vorher mit einer schriftlichen Anfrage, anzukündigen, wenn man vorbeischauen will.

Der Verein DiskoBabel wurde 2015 als Kunstgalerie gegründet und befand sich die ersten Jahre auf einer Industriebrache in Kreuzberg. Man habe dort weggemusst, weil der „Nachbar Adidas ein besseres Angebot gemacht hat. Da ist jetzt ein privater Basketballplatz“, erinnert sich Tutti, der von Anfang an dabei war, allerdings wie Mascha und Simon seit etwa zweieinhalb Jahren im Vorstand ist. Auf der Suche nach einer Fläche, um die vorhandenen Container zu lagern, perspektivisch aber einen neuen Kulturort aufzubauen, habe man das aktuelle Gelände bei Ebay Kleinanzeigen gefunden.

Verein DiskoBabel Pankow
Eines der Kollektive betreibt auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs Greifswalder Straße in Prenzlauer Berg einen Zirkus.© Berliner Morgenpost | Sebastian Struwe

Kunst- und Kulturverein in Pankow: „Mit Optimismus im Hier und Jetzt“

Zunächst sei die Nutzung auf zwei Jahre begrenzt gewesen, nun gebe es eine Kündigungsfrist von drei Monaten. Da es aufgrund der Zwischennutzung nicht möglich sei, langfristig zu planen, habe der Aufbau gedauert, erklärt Tutti. „Wir sind schon wesentlicher länger hier, als ursprünglich gedacht und haben viel investiert“. Was passiert, wenn das Gelände geräumt werden muss, wie viele Kollektive mit umziehen würden, ob es finanziell überhaupt machbar wäre: das bleibt unklar. „Wenn wir im Was-wäre-wenn steckenbleiben würden, könnte man das Potenzial des Ortes nicht nutzen“, sagt Mascha. „Daher arbeiten wir mit großem Optimismus im Hier und Jetzt.“

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Zu den konkreten Plänen gehört das Untervermieten weiterer Ateliers. So habe man gerade die Zusage für einen weiteren Seminarraum bekommen. In dem Container soll es unter anderem um das Thema Gesundheit in Kollektivstrukturen gehen. „Gleichzeitig ist die Idee, damit Angebote wie Lesungen und Diskussionen zu schaffen“ erklärt Mascha. Die große Vision der drei: Den Ort grundsätzlich für eine breitere Öffentlichkeit nutzbar zu machen. Dafür allerdings sind Investitionen in die Infrastruktur vonnöten. Vor allem die Wasser- und Stromversorgung seien Simon zufolge eine „Riesenherausforderung“.

Verein DiskoBabel Pankow
Proben mit dem eigenen Soundsystem: Der DJ eines Kollektivs auf dem Gelände von DiskoBabel.© Berliner Morgenpost | Sebastian Struwe

Verein hofft auf Spenden für Wasser- und Stromversorgung

So gebe es keine feste Stromversorgung. Strom werde durch Solarenergie und vor allem für Veranstaltungen durch einen Generator erzeugt. Wasser stehe nur über ein Standrohr zur Verfügung. Auch der Brandschutz müsse ertüchtigt werden. „Das war der Anlass für die Crowdfunding-Kampagne. Diese Summen bekommen wir durch die Mitgliedsbeiträge nicht“, erklärt Simon. Tutti weist darauf hin, dass aufgrund fehlender Planbarkeit nicht die Möglichkeit bestehe, Kredite zu bekommen und Förderungen lediglich projektbasiert seien.

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Gleichzeitig sei der Anspruch, Kunst und Kultur bezahlbar zu lassen und nicht zu hohe Mieten zu nehmen, so Masha, der mehr Barrierefreiheit am Herzen liegt. Sie spricht von einer „großen finanziellen Lücke, mit der wir zu kämpfen haben“. Das hat auch damit zu tun, dass der Verein erst kürzlich viele Tausend Euro an Corona-Hilfen zurückzahlen musste. „Irgendwie haben wir es geschafft. Angenehm war es nicht“, gibt Tutti zu. Gespart werden müsse vor allem bei den Verwaltungsaufgaben. „Das endet damit, dass wir uns in unserer ehrenamtlichen Arbeit selbst ausbeuten“, erzählt Masha, die von bezahlten Stellen innerhalb der Vereinsstruktur träumt. Auch, um Arbeitsgemeinschaften zu etablieren. „Leute haben keine Kapazitäten. Es wäre etwas anderes, wenn ihr Lebensunterhalt gedeckt ist. Aber das ist eine Utopie ist.“

Nostalgischer Blick auf das Berlin der 90er Jahre

Woraus Mascha, Tutti und Simon im Gespräch mit der Morgenpost keinen Hehl machen: Die zeitintensive ehrenamtliche Tätigkeit für DiskoBabel hinterlässt ihre Spuren. „Es ist ein anstrengender Job. Gleichzeitig ist das, was wir hier machen, so viel wert“, so Mascha. „Uns trägt die Leidenschaft für den Ort, Kunst und Kultur. Doch das kann man nur eine bestimmte Zeit lang machen.“ Das sehen auch Simon und Tutti so. Die Rahmenbedingungen in der Stadt hätten sich geändert. Es gebe weniger Freiflächen, die härter umkämpft seien. Gleichzeitig werde alles teurer und die finanziellen Mittel für die Kultur gekürzt. Tutti denkt mit Nostalgie an die 90er Jahre zurück, als er in die Stadt kam. „Für einige Menschen sind wir mittlerweile ein wichtiger Ort“, sagt Tutti, „von denen es in Berlin nicht mehr so viele gibt“.