„Wir sind schwarz, aber glitzern im Herzen – und setzen jetzt ein Zeichen“. Lauter Jubel brandet auf, als Sandra Hollweck, die sie alle hier nur „Holly“ nennen, auf einem Podest zwischen drinnen und draußen ans Mikrofon tritt. 280 Menschen haben sich in und vor ihrer Bar an der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg versammelt. Über der Menge schweben schwarze und rote Ballons. Viele tragen an diesem schwülen Sonntagnachmittag kreative Trauerkostüme zur Schau, zwischen schwarzem Stoff glänzt nackte Haut in der Sonne, man blickt in aufwendig geschminkte Gesichter.

Donnerstag
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Sie alle haben sich hier zusammengefunden, um sich von ihrer Lieblingsbar zu verabschieden: der Burlesque-Bar „Zum starken August“, die diesen Monat nach zehn Jahren ihre Pforten schließt, mit dem Finale zur Fête de la Musique. Aufgerieben zwischen Lärmstreit mit Nachbarn und immer höheren Mietforderungen. Mit einem symbolischen Trauerzug, der gleichzeitig vehementer Protest gegen das Sterben der Bar- und Kulturszene Berlins ist, gegen die Folgen der Gentrifizierung, geht es unter Polizeigeleit durch Prenzlauer Berg. An vorderster Front: Der in seinem Sarg aufgebahrte, starke August, eine mit einem prächtigem Schnäuzer geschmückte Stoffpuppe. Es ist Trauerbewältigung der besonderen Art. Und im Gespräch mit Teilnehmern wird klar: Für sie hier verschwindet mehr als eine Bar.


Burlesque-Bar in Prenzlauer Berg: „Jeder schätzt den anderen“
„Es war so familiär, wie unser zweites Wohnzimmer“, erzählt Alexandra der Morgenpost, bevor sich der Zug in Bewegung setzt. Sie und ihre Freundin Daria besuchten die Bar seit etwa 7 Jahren. Sie selbst organisierte hier Sketche-Abende. „Das ist seit zwei, drei Jahren unsere Stammkneipe. Für mich ist es die schönste Bar in Berlin“, sagt Maurice. „Es war ein safe space, jeder war willkommen, es gab keinen Stress. Du gehst hier mit bedacht hin, jeder schätzt den anderen“, schwärmt er.
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Um 15 Uhr schließlich setzt sich der makabere Trauerzug laut, fröhlich und traurig zugleich in Bewegung. Angeführt vom verstorbenen starken August und seinen vier Trägern geht es Richtung Kastanienallee. Aus einem portablen Lautsprecher tönen erst schwere Klaviermusik, später unter anderem Johnny Cash und Simon & Garfunkel. Auf einem der selbstgebastelten Schilder steht „Die Berliner Kultur stirbt“. Als sich Betreiberin Hollweck am Kopf des Zuges umdreht und den Abzug einer Seifenblasen-Pistole drückt, wird das mit frenetischem Jubel quittiert. Immer wieder stimmt jemand aus der Menge an, immer wieder wird lautstark geantwortet. Passanten am Straßenrand zucken die Smartphones, als der Tross vorbeizieht. Steffi, eine der Türsteherinnen des „Zum starken August“ streamt live mit. „Vom Stammgast zum Helfer, zum Freund und Familienmitglied“, fasst sie ihre persönliche Reise zusammen. „Du konntest so sein, wie du bist.“

„Zum starken August“ gibt auf: „Ein Ort, den es so nicht nochmal gibt“
„Ich bin seit neun Jahren in den Laden gegangen“, erzählt Leo der Morgenpost. Sein bester Kumpel Chang trägt die Musikbox. „Er hat seine Lebensgefährtin in der Bar kennengelernt“, sagt Leo. „Und meine jetzige Arbeit habe ich durch die Community bekommen“. Sven und Kathrin waren seit sechs Jahren Gäste – obwohl sie in Schleswig-Holstein leben. „Der starke August war unser zweites Wohnzimmer“, sagt Sven. „Ein Fixpunkt fällt weg“.
Über die Oderberger Straße geht es in den gut besuchten Mauerpark. Am Amphitheater angekommen, ergreift Chang das Wort. „Mal wieder ein Ort weniger für Leute, die sich frei fühlten, die zusammenkommen konnten, wie sie wollten. All das, was gerade in Berlin passiert, hat uns auch erwischt. Tschüss zu einem Stück Berliner Kultur, tschüss zu einem Ort, den es so nicht nochmal gibt“. Danach findet sich die Menge auf der Bühne zusammen. In ihrer Mitte: der aufgebahrte August. Nacheinander werden Blumen auf und neben seinen Stoffkörper gelegt, Holly und ihrer Kollegin Betty, die sich unter anderem um das Booking gekümmert hat, wird das Beileid ausgesprochen. Eine Teilnehmerin lässt Konfetti auf den Toten herunterregnen, zwei Ballons schickt sie in den Himmel. Erneut lauter Jubel.

Trauerzug durch Prenzlauer Berg: „Diese immer glatter werdende Stadt“
An der Max-Schmeling-Halle vorbei, geht es schließlich zurück zur Bar. „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns den August klaut!“ In der Gaudystraße tönt „Wish you were here“ von Pink Floyd aus der Box. „Warum? Warum?“ wird aus der Menge gerufen. „Er war doch noch so jung!“
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Um kurz nach 16 Uhr formiert sich die Menge wieder am Ausgangspunkt. Künstlerin Marta Karta, die im „Zum starken August“ viele Abende moderiert hat, ergreift auf dem Podium das Wort, erinnert an Paare, die sich hier kennengelernt haben, spricht von „dem letzten echten Wohnzimmer in dieser immer glatter werdenden Stadt“. Ein Mann mit Tattoos im Gesicht hat mit den Tränen zu kämpfen. „Du warst eine Oase in dieser zunehmend grauen Welt“, sagt Marta Karta, ehe Holly ihre Abschiedsrede hält. Sie wird Berlin verlassen, zu ihren Eltern in die Heimat ziehen, nach Bayern. Was dann kommt, weiß sie noch nicht. Mit der von ihr aufgebauten Marke war sie zuletzt für zwei Shows im „Roadrunner‘s Paradise“ zu Gast. Ob es solche Events auch in Zukunft geben wird, ist noch unklar.


Appell der Betreiberin: „Wir selber müssen solche Orte schützen“
“Die August-Familie hat mir gezeigt, was es bedeutet, zusammenzuhalten und sich in schweren Zeiten beizustehen. Jetzt werde ich sentimental“, sagt sie unter dem Applaus ihres Teams und ihrer Gäste. Und richtet sich mit einem Appell an sie. Der Tod des August gehe auf Nachbarschaftsstreit und „Geldgier von Gewerbeeigentümern“ zurück. „Aber nicht zuletzt zwingt uns auch das veränderte Ausgehverhalten dazu. Wir selber müssen solche Orte schützen. Geht wieder in Bars und Clubs, sitzt nicht zu Hause vor Netflix oder spielt mit dem Handy.“
Und spätestens, nachdem sich auch ihre Kollegin Betty unter Applaus bei allen Anwesenden bedankt hat, dürften auch die letzten Hartgesonnenen schwach werden. Auf Hollys Wunsch hin ertönt die Karaoke-Version von „My heart will go on“. „Near, far, wherever you are I believe that the heart does go on“, schmettern sie alle gemeinsam mit der Betreiberin. Danach, wie kann es anders sein, wird gemeinsam gefeiert. Es steht für den Abend noch eine Menge auf dem Programm. Und die Bar, sie soll leergetrunken werden.





