Nahversorgung

Karow: Händler kämpft um Erhalt seiner Postfiliale

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Eingespieltes Team: Postfilial-Mitarbeiterin Kathrin Winter mit Schmökerzeit-Inhaber Jan Balster.

Eingespieltes Team: Postfilial-Mitarbeiterin Kathrin Winter mit Schmökerzeit-Inhaber Jan Balster.

Foto: Marc R. Hofmann / BM

In Berlin-Karow droht der Verlust der Post. Was den Erhalt der Filiale trotz viel Unterstützung so schwer macht.

Berlin.  „Vergiss Deine Tüte nicht“, ruft Kathrin Winter einem Kunden hinterher. Der Mann dreht sich um, greift den Beutel und verlässt die Postfiliale in Karow mit einem Lächeln. Es herrscht reger Betrieb an diesem Vormittag in der Buchhandlung Schmökerzeit im Norden von Berlin. Dennoch droht der Postpartnerfiliale, die quasi Geschäft im Geschäft ist, wegen Unrentabilität die Schließung. Mit Hilfe von Politik und Kunden will Buchhändler Jan Balster die Post im Ort halten.

„Seit Corona trägt sich die Postfiliale nicht mehr“, sagt er. Seit 2018 führt Balster die Buchhandlung in der Achillesstraße in Karow. Den Laden hatte er damals mit Post übernommen. Das Bonner Unternehmen zahlt dafür eine Grundvergütung. Steigende Ausgaben für Heizung, Strom und Lohnnebenkosten haben die Bearbeitung von Briefen und Paketen inzwischen jedoch zu einem Zuschussgeschäft werden lassen.

Das liegt unter anderem daran, dass die Deutsche Post Marken online günstiger verkauft, die Abgabe eines frankierten Pakets in der Filiale aber fast genauso viel Arbeit macht, so der Inhaber. Weil er selbst mit dem Betrieb der Buchhandlung und der Verwaltung des Geschäfts ausgelastet sei, arbeiten zwei Mitarbeiter nur in der Postfiliale. Einer von ihnen scheide Anfang Februar aus.

Karow: Hohe Kosten und Fachkräftemangel erschweren den Erhalt der Post

Jan Balster hat also zwei Probleme: Neben den Kosten ist es derzeit schwierig, überhaupt neue Kräfte zu finden. „Die Öffnungszeiten der Filiale sind an meinen Buchladen gekoppelt“, sagt er. Montag bis Freitag von 10 bis 18.30 Uhr mit einer halben Stunde Mittagspause und dazu sonnabends von 9 bis 13 Uhr – das ist zu viel für die verbliebene Mitarbeiterin. Dementsprechend versucht er, erst einmal eine Notfallregelung mit verkürzten Öffnungszeiten mit der Deutschen Post zu verhandeln. Der gelbe Riese stellt sich bislang jedoch quer. „Das geht nur, wenn ich auch die Buchhandlung früher schließe. Damit schneide ich mir aber weiter ins eigene Fleisch“, so der Geschäftsmann.

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Während der Buchladen durch viele Stammkunden und Online-Bestellungen gesichert sei, weiß Balster auch um die Bedeutung der Filiale als Frequenzbringer für die umliegenden Geschäftszeile. „Jede Einkaufsstraße braucht eine Post und eine Apotheke“, sagt er. Deswegen habe er gar nicht den Anspruch, mit den Postdienstleistungen Geld zu verdienen. „Ich will aber auch nichts aus dem Buchladen zuschießen müssen“, sagt er. Im vergangenen Jahr seien das mehrere tausend Euro gewesen.

Verschärfend komme seit Oktober 2022 der Mindestlohn hinzu. Zahlte Balster bislang mehr, hat ihn der Anstieg auf 12 Euro mittlerweile eingeholt. Ein Mitarbeiter sei deswegen bei gleichem Verdienst zu einem Arbeitgeber näher an seinem Wohnort gewechselt. Per Aushang, Mundpropaganda und auch auf eBay-Kleinanzeigen sucht Balster jetzt nach einer neuen Kraft. Trotz 48 eingegangener Bewerbungen machte sich jedoch schnell Ernüchterung breit. Homeoffice geht in der Postfiliale naturgemäß nicht, zeitweilig kann die Arbeit durch viel Kundenandrang auch fordernd sein.

„Mir macht die Arbeit Spaß“, sagt Mitarbeiterin Kathrin Winter. Auch wenn die Kunden in der Weihnachtszeit schon einmal bis zum Toilettenhäuschen auf dem Vorplatz stünden oder ein potenzieller neuer Kollege die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen habe, Winter macht die Tätigkeit Freude. „Wir müssen aber zu zweit sein“, sagt sie. Das sei allein wegen Urlaubs- und Krankheitstagen Pflicht. Eine Verkürzung der Öffnungszeiten sei deswegen die Chance, jemand Zuverlässiges zu finden.

Abgeordneter schreibt Brief an die Unternehmensleitung der Post

Jan Balster hat sich dazu jetzt Hilfe geholt. Nachdem er mehrere Politiker angesprochen hat, hat sich Johannes Kraft (CDU), der für Buch, Karow und Buchholz im Abgeordnetenhaus sitzt, bereiterklärt, zu unterstützen. „Ich setze alles daran, die Postfiliale in Karow zu retten“, sagt Kraft. Der Abgeordnete will sich deswegen mit einem Schreiben an den Vorstandsvorsitzenden der Post als auch an die zuständige Vertriebsleiterin wenden. Begleitet werden soll der Brief von einer Unterschriftenliste der Kunden.

Zu ihnen gehört auch Dustin Müller, der gerade ein Paket einliefert. „Ich bin mindestens einmal in der Woche hier“, sagt der 25-Jährige. Müsste die Filiale aufgeben, befürchtet er allein wegen des Ausweichverkehrs auf die Filialen am S-Bahnhof in Karow oder Buch wesentlich längere Wartezeiten. „Das gibt ein Chaos“, ist er überzeugt.

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Annette Clasen, die auch regelmäßig Bücher und Noten in der Buchhandlung bestellt, sagt: „Ich schätze vor allem den persönlichen Kontakt.“ Dass die Filiale gefährdet ist, hat sie gerade erst erfahren. Daraufhin unterschreibt die 57-Jährige sofort auf der Unterstützerliste.

Bis Dienstag hatten bereits rund 700 Bürgerinnen und Bürger unterschrieben. Gleichzeitig schnuppert seit dieser Woche mit Janet Heinsel eine vielversprechende Aspirantin mit in das Tagesgeschäft. „Ich kann mir vorstellen, den Job zu machen“, sagt sie. Ein Lichtstreif am Horizont für die Nahversorgung in Karow. Denn klar ist, eine Lösung muss schnell her. Denn: „Jeder Monat kostet mich viel Geld“, sagt Jan Balster.