Angst vor Badetoten

Weißensee: Ordnungsamt Pankow setzt wildem Badespaß ein Ende

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In Weißensee sollen Parkbesucher Ordnung lernen - doch das Seeufer im Bezirk Pankow hat sich über Jahre als zwangloser Partyort für Berliner und Touristen etabliert.

In Weißensee sollen Parkbesucher Ordnung lernen - doch das Seeufer im Bezirk Pankow hat sich über Jahre als zwangloser Partyort für Berliner und Touristen etabliert.

Foto: Thomas Schubert

Pappschilder am Weißen See mahnen die Besucher. Pankow holt sich Hilfe von der Polizei. Und plant eine legale Badestelle.

Berlin. Pünktlich zum ersten Tag, da das Thermometer in Berlin und Weißensee an der 30 Grad-Marke kratzt, sind die Wildbader wieder zur Stelle. Und die neuen Schilder, die sie eines Besseren belehren sollen. Zur Erinnerung: Ein Badeverbot für den Weißen See, schon vor Langem ausgesprochen durch das Bezirksamt Pankow, wird seit Jahren geflissentlich ignoriert. Um das unerlaubte Abtauchen endlich zu unterbinden, hat die zuständige Stadträtin Manuela Anders-Granitzki (CDU) nun zweierlei Maßnahmen lanciert:

Zum einen weisen seit Mittwoch grellgrüne Pappschilder mit Piktogrammen an Laternenmasten auf die Regeln hin. Die Botschaft: Aus Rücksicht auf die Natur sollen Parkbesucher nicht nur auf unerlaubtes Baden verzichten, sondern etwa auch auf Shisha-Rauchen und Radfahren. Oder auf das Stören brütender Vögel. Zum andern startet Pankow – weil Pappschilder allein nicht reichen dürften – eine Begleitmaßnahme: Schwerpunkteinsätze des Ordnungsamts mit der Polizei.

Ordnungsamt Pankow erwartet Weißensees Wildbader am Ufer

Aus taktischen Gründen möchte Anders-Granitzki keine Termine für diese Sonderaktionen verraten. „Wir haben aber jetzt schon die eine oder andere Person aus dem Wasser gezogen“, berichtet sie auf Anfrage zum Vorgehen der Bezirksstreifen. Nur hinterherschwimmen, das wolle man nicht.

Was sich nach einem kuriosen Katz-und-Maus-Spiel am beliebtesten Freizeitort in Weißensee anhört, hat einen ernsten Hintergrund. In den vergangenen Jahren hatte der Bezirk immer wieder Badetote zu beklagen. Während an ähnlichen Berliner Problemorten wie dem Flughafensee in Tegel vor allem Vermüllung und Partytreiben Schwerpunkteinsätze des Ordnungsamts hervorriefen, geht es in Weißensee um Leben und Tod. Gefahr besteht deshalb, weil Berliner wie auch Touristen hier an heißen Abenden bisweilen betrunken ins Wasser steigen. Und weil an den plattgetrampelten Ufern des Weißen Sees keine Rettungsschwimmer zur Stelle sind.

Bezirk Pankow bestätigt Planung für neue Badestelle des Strandbads Weißensee

Die gibt es nur im örtlichen Strandbad, wo deshalb auch das Schwimmen kostenpflichtig erlaubt ist. Anders als an den vielen illegalen Badestellen, die sich etabliert haben. Und die aus Sicht des Bezirks und von Alexander Schüller, dem Pächter des Bads, auch wegen ihrer schädlichen Wirkung auf die Umwelt ein Problem darstellen.

Immer wieder schlug Schüller vor, seine Rettungsschwimmer auch an anderen Stellen des Sees zu postieren – an einer zusätzlichen legalen Badestelle, die das Strandbad Weißensee mitbetreiben könnte. Nun hat das Bezirksamt Pankow seinen Ruf erhört, wie die Berliner Morgenpost exklusiv erfuhr. „Die Idee ist super – wir prüfen das ernsthaft“, bestätigt Stadträtin Anders-Granitzki erstmals konkrete Planungen. „Eine zweite Badestelle wäre sehr, sehr ratsam. Denn das Wildbaden am Weißen See ist nun schon so lange etabliert, dass wir nicht nur verbieten können, sondern ein weiteres Angebot schaffen sollten.“ Erste Abstimmungen zu einer neuen, legalen Badestelle habe es in den Ämtern schon gegeben, erzählt die Verantwortliche.

Neue Badestelle für Weißensee mit bis zu 500 Plätzen

Offen bleibt allerdings, wo genau sich die neue Badestelle befinden soll. Auch müsse man die Belange des Umweltschutzes bei dieser Maßnahme gegen die Vorteile für den legalen Badespaß genau abwägen. Deswegen befindet sich das Projekt derzeit noch im Planungsstadium. Wann genau es mit dem Sprung ins Wasser an neuen Ufern klappen könnte?

Womöglich im Sommer 2023, berichtet Strandbad-Pächter Alexander Schüller. Er spricht von drei Bereichen, die derzeit in Prüfung sind und die 300 bis 500 zusätzliche Gäste aufnehmen könnten – im Strandbad sind es bei Vollauslastung 900. „Wir haben am Weißen See im Sommer einen Andrang, den wir niemals im jetzigen Bad abdecken können“, sagt der Mann, der seit Jahren mahnt, dass zu viele Wildbader ertrinken und der See durch Übernutzung verödet. Rund ein Euro würde er an der zusätzlichen Badestelle an Eintritt verlangen, ein Toilettenhäuschen organisieren und mit dem Bezirksamt Pankow die Bewachung regeln. „Es geht darum, den Leuten etwas zurückzugeben und nicht nur auf Verbote zu setzen“, sagt Schüller. Auch Arbeitslose und Rentner sollten ein Anrecht haben, preisgünstig, aber sicher baden zu gehen.

Polizei kontrolliert Park am Weißen See mit Fahrradstaffel

In diesem Mai liegt der Fokus des Bezirks Pankow aber erst einmal auf dem Beenden der unerlaubten Nutzung. Längst gilt der Park am Weißensee auch als Ort, an dem die Berliner Polizei genauer hinsieht. Unabhängig von den geplanten Schwerpunkteinsätzen war in diesem Frühling bereits eine Fahrradstaffel im Einsatz, heißt es. Allerdings haben die Beamten bei ihren Kontrollen ihr Rad auf den Parkwegen geschoben. Schon aus Vorbildfunktion, weil Radfahren zum Schutz der Fußgänger verboten bleibt.

Wer sich in diesen Tagen umschaut, wird jedoch schnell bemerken, dass ein Großteil der Parknutzer, die mit dem Fahrrad kommen, im Sattel bleibt. Genau wie das Badeverbot ist diese Regelung allgemein unbekannt – auch weil Verstöße jahrelang akzeptiert wurden. „Es hat doch noch nie einen gestört. Warum jetzt auf einmal?“, fragt eine Teenagerin im Bikini, die sich ans staubige Ufer schleppt. Ihr Freund krault in Richtung der Fontäne in der Mitte des Sees, die mehrfach durch Vandalismus schwer beschädigt wurde.

„Einen zweiten Mauerpark wollen hier in Weißensee die Wenigsten“

Ob die beiden die neuen, alten Regeln anhand der grünen Pappschilder noch lernen werden? Alexander Schüller glaubt daran und begrüßt die neuen Maßnahmen des Bezirks, die Parkbesucher allmählich „wachrütteln“ könnten. „Einen zweiter Mauerpark“, sagt Schüller, „den wollen hier in Weißensee die wenigsten.“

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