Corona-Krise

Schutz vor dem Ertrinken: Strandbad Weißensee öffnet wieder

Immer wieder kommt es zu schweren Badeunfällen am Weißen See. Das Strandbad will die Gefahr senken – doch Corona erschwert den Betrieb.

Leinen los: Alexander Schüller sperrt nach der Einigung mit Behörden sein Strandbad Weißensee wieder auf. Auch im Wasser heißt es: Abstand halten.

Leinen los: Alexander Schüller sperrt nach der Einigung mit Behörden sein Strandbad Weißensee wieder auf. Auch im Wasser heißt es: Abstand halten.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. In den Schrecken mischte sich die Freude: Fast zeitgleich zum Entsetzen über das Schicksal eines Schwimmers, der am Wochenende bei einem unerlaubten Bad fast ertrunken wäre, erhielt Alexander Schüller die Genehmigung zum Saisonstart für sein Strandbad Weißensee. Schüllers Anlage, gepachtet von den Berliner Bäder-Betrieben, liegt nur wenige Meter neben der Unglücksstelle. Mit der Öffnung am Freitag, 3. Juli, könnte sie helfen, dass sich die Beinahe-Katastrophe vom Wochenende nicht wiederholt. „Am Weißen See ist das Baden ausschließlich hier im Strandbad erlaubt“, erinnert Schüller. Nur dort seien Rettungsschwimmer im Einsatz, um das Schlimmste zu verhindern.

Badeunfällen vorbeugen: Strandbad Weißensee will seine Fläche erweitern

Mit dem lang ersehnten Einverständnis des Gesundheitsamts Pankow ist klar, dass die Anlage zum ersten Juli-Wochenende nun wenigstens mit 109 seiner 600 Plätzen für Badegäste eröffnen darf – anstatt der 37 Plätze, die man Schüller bislang zugestehen wollte.

Weil aber mit diesem extremen Besucherlimit der Bankrott gedroht hätte, ließ der Pächter das Strandbad lieber ganz geschlossen. Bis jetzt. 109 Badegäste, von denen sich maximal die Hälfte zeitgleich im Wasser aufhalten dürfen –, das ist das Mindestmaß für einen wirtschaftlichen Betrieb mit Corona-Abstandsregeln und Hygienevorschriften für das Strandbad Weißensee.

Schüller und seine 50 Stammmitarbeiter sichern durch diesen Kompromiss mit dem Gesundheitsamt ihre Existenz. Und für die Berliner ist die Öffnung des Strandbads eine Versicherung gegen das Ertrinken. Denn solange die Anstalt geschlossen und kein Bademeister im Einsatz ist, setzt jeder Schwimmer im Weißen See sein Leben aufs Spiel.

Während das Team für die Premiere am Freitag Schirme aufstellt und die Anlagen schrubbt, zieht ein Mann in den Wellen kraulend seine Bahnen. Und an mehreren plattgetretenen Uferstellen planschen Kinder – unerlaubt. Daran zeigt sich: Den Bruch des Badeverbots außerhalb des Strandbads und die Gefahr, in Not zu geraten, nehmen in Zeiten von Online-Buchungen und begrenzten Zeitfenstern in Berliner Freibädern zunehmend mehr Leichtsinnige in Kauf. Unbewachte Badestellen am Weißen See oder am Tegeler See werden zum Ausweichstrand für jene, die kein Ticket mehr ergattern oder sich der Pandemie-Ordnung für Bäder nicht fügen wollen. Damit schwimmt die Gefahr mit. Zur Sorge der DLRG und der Berliner Feuerwehr, deren Sprecher schon vor Jahren warnte: „Obwohl das Baden nicht erlaubt ist, ist es am Weißen See proppevoll.“

Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) hatte am Dienstag die DLRG Wasserrettungsstation Am Großen Fenster an der Havelchaussee besucht, um den Mitarbeitern für ihren Einsatz in Corona-Zeiten zu danken. Zum Saisonstart konnte die DLRG ihre 26 Wasserrettungsstationen besetzen, allerdings reduziert aufgrund der Abstandsregeln. Sorgen macht sich die DLRG um den Nachwuchs, der wegen der geschlossenen Bäder nicht trainieren oder die Ausbildung abschließen konnte. „Da könnte es sein, dass wir eine Lücke bekommen“, sagt DLRG-Sprecher Michael Neiße.

Sorge vor Badetoten: Fast jedes Jahr stirbt ein Schwimmer in Weißensee

Lange vor der Corona-Krise musste das Personal des Strandbads Weißensee und des Restaurants „Milchhäuschen“ auf der anderen Seite des Gewässers immer wieder mit ansehen, wie Einsatzkräfte leblose Körper aus dem Wasser zogen. Besonders tragisch: Der Tod eines 15-Jährigen im Jahre 2017 nach erfolgloser Wiederbelebung am Ufer. 2018 kam für einen 26-jährigen Touristen jede Hilfe zu spät. 2019 starben in Berlin zwei Menschen beim Baden, in Brandenburg waren es 34, in ganz Deutschland 417. „Jeder ist einer zu viel“, warnt Alexander Schüller.

Weil ihn die Sorge vor Unglücken nicht mehr los lässt, will er dem Bezirksamt Pankow jetzt zum verspäteten Saisonstart einen Vorschlag unterbreiten: „Wir könnten die Stelle, wo der Mann am Wochenende unterging, mitbewachen.“ Dazu würde der Pächter diesen Uferbereich an der Straßenbahnhaltestelle Weißer See wenigstens temporär zur Außenstelle des Strandbads erweitern. „Dort würden wir einen ermäßigten Eintritt nehmen“, erklärt Schüller das Konzept, mit dem man aus seiner Sicht das tägliche Chaos in den Griff bekommen könnte.

Schilder zum Badeverbot sind zerstört – Pächter will mit Bezirksamt Pankow reden

Seitdem die Schilder, die auf das allgemeine Badeverbot am Weißen See aufmerksam machen, zerstört wurden, können Ortsfremde die Regeln gar nicht mehr nachvollziehen. Wer mit den Parkbesuchern spricht, hört immer wieder die Auffassung, dass Baden erlaubt sei. „Viele kennen das Problem, aber keiner will es aussprechen“, sagt Schüller. Ob mit Erweiterung des Strandbads oder ohne: Gemeinsam mit dem Bezirksamt wolle er über Lösungen beraten, wie sie nebenan am benachbarten Orankesee in Hohenschönhausen längst üblich sind. Da holt der Chef des dortigen Bads Schwimmer an wilden Badestellen mit Lautsprecheransagen aus dem Wasser. Freundlich, aber bestimmt.

So will das Personal des Strandbads Weißensee Besuchern ab Freitag auch die Abstands - und Hygieneregeln mitteilen. Anders als in Freibädern dürfen sie ohne Online-Reservierung an der Kasse erscheinen. Und bekommen dann einen der 109 Plätze zugewiesen. Sie sind passend zum typischen Publikum meist in Zweier- oder Familiengruppen angeordnet.

Zu Lande und zu Wasser muss man gleichermaßen Distanz wahren. Und wenn die maximal erlaubten 55 Gäste im Wasser sind, braucht es Geduld, bis jemand wieder herauskommt. Von 14 bis 15 Uhr wird das Gelände dann zwecks Desinfektion komplett geräumt.

Pankow gleicht Wasserschwund wieder aus

Die 600 Liegestühle des Strandbads – ein Markenzeichen des Betriebs – sind in diesem Sommer gemäß Corona-Verordnung ausdrücklich Tabu. Stattdessen ruht man auf abwaschbaren Sitzmöbeln und auf Decken im Sand. Theoretisch dürfte Schüller seine Liegestühle zwar für den abendlichen Strandbarbetrieb nach der Schließung der Wasserfläche nutzen. Aber als er erfuhr, dass jeder Stuhl mit Tuch nach Benutzung 48 Stunden „in Quarantäne“ muss, entschied er sich doch lieber für Sitze aus Holz.

Mit etwas Glück könnte sich Anfang Juli dafür auch das zweite große Problem des Weißen Sees neben dem Bade-Dilemma lösen. Um den rapide gesunkenen Pegelstand wieder aufzufüllen, soll jetzt tatsächlich die Einleitung von Trinkwasser beginnen. Zuvor war, wie berichtet, die Inbetriebnahme eines neu gebauten Tiefbrunnens gescheitert, weil er Schadstoffe in den See befördert hätte. Bis zu 30.000 Kubikmeter Wasser soll das Bezirksamt Pankow durch die Leitungen am Strandbad und an einem Bootssteg einleiten, um die Verdunstung vorerst auszugleichen. Denn wenn der Gegendruck des Wassers zu sehr sinkt, könnten schlimmstenfalls Bäume, die sich am Ufer schon in Schieflage befinden, ins Wasser stürzen. Schüller horcht jetzt gespannt auf das Sprudeln aus der Leistung – „ich warte jeden Tag darauf“.

Strandbad Weißensee, Mi bis So, 10 bis 14 Uhr und 15 Uhr bis 19 Uhr, Eintritt 5 Euro, Familien 10 Euro