Ein Helm, eine Warnweste und ein Stück Kreide – das ist die Ausrüstung, mit der sich Berliner am Wochenende auf eine Tunnelwanderung begeben dürfen, wie man sie so bald nicht mehr erleben kann. Denn die Berliner Wasserbetriebe lösen ein Versprechen ein und erlauben zum Richtfest die Besichtigung ihrer derzeit teuersten Baustelle.

Insgesamt 3540 Besucher durchschreiten den neuen Stauraumkanal unter dem Mauerpark in Prenzlauer Berg. Am heutigen Sonnabend von 12 bis 16 Uhr und am morgigen Sonntag von 9 bis 16 Uhr darf man das 654 Meter lange Bauwerk zwischen Eberswalder Straße und Gleim­straße von Süd nach Nord begehen.

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Besucher dürfen die Wände mit Kreide beschriften

Helm und Weste sind den Sicherheitsbestimmungen geschuldet. Und das Stück Kreide? „Damit darf man die Wände bekritzeln“, erklärt Wasserbetriebe-Sprecher Stephan Natz. „Vielleicht will ja jemand seine Mama grüßen.“ Schaden kann man dem 20 Millionen Euro teuren Projekt mit solchen Graffiti nicht. Die Röhre wird später von innen ausgekleidet. Und wenn alle Bauarbeiten beendet sind, steht der größte Stauraumkanal Berlins bis zu 50-mal pro Jahr unter Wasser.

Dank dieses Zwischenspeichers wird verhindert, dass Schmutz und Fäkalien bei starken Regenfällen in die Panke fließen. Bisher wirkt in der Kanalisation in der Berliner Innenstadt noch ein System aus der Gründerzeit. Rückhaltebecken können Regenwasser bis zu einem bestimmten Maß auffangen. Aber wenn die Füllmenge überschritten ist, ergießt sich das Schmutzwasser in die Flüsse.

„Das ist sozusagen ein riesiger zusätzlicher Wasser-Parkplatz“, sagt Natz über die neue Röhre. Mit einem Fassungsvermögen von maximal 7600 Kubikmetern wird eine bisher nicht gekannte Größenordnung erreicht. 21 Stunden braucht es, um diese Wassermenge kontrolliert abzupumpen. Vergleichbare Bauwerke werden auch an anderen Orten in Berlin entstehen und dafür sorgen, dass nach starken Regenschauern kein Schmutzwasser mehr in die Flüsse gelangt.

In 20 Minuten durch die Röhre

So trocken wie am Wochenende wird man den Stauraumkanal im Mauerpark kaum noch mal erleben. Es sei denn, es kommt wieder zu solch einem Dürrejahr wie 2018. Wäre der Kanal bereits in Betrieb, hätte er seit Januar nur ein einziges Mal genutzt werden müssen. Dabei ist er für 50 Flutungen pro Jahr geplant.

20 Minuten, das ist die Zeit, in der man die Röhre durchqueren soll. Maximal 99 Schaulustige gleichzeitig können vom Einstieg an der Eberswalder Straße nach Norden durch den Untergrund laufen und über Kopfhörer den Erklärungen von Stephan Natz im Zwiegespräch mit einer Kollegin lauschen. Das vorbereitete Hörspiel soll die wichtigsten Fragen klären. Und wer noch mehr wissen will, kann die Sprecher der Wasserbetriebe an der Oberfläche treffen. Sie waren bei diesem Großprojekt ohnehin ständig gefordert.

Denn die Baustelle bereitete anfangs nur Sorgen. In vielen Gesprächen mussten Natz und seine Kollegen besorgte Anwohner beschwichtigen. Lärm und Verkehrsprobleme ließen sich dann tatsächlich nicht immer vermeiden. Es galt sogar, die Schienen der Straßenbahnlinie M10 zu versetzen, um den Baustelleneingang an der Eberswalder Straße einzurichten. Trotzdem blieb das Riesenprojekt bisher annähernd im Zeit- und Kostenrahmen.

Bohrer "Kerstin" bohrte drei Monate

Die Fertigstellung des Rohbaus liegt nur wenige Wochen hinter dem Plan. Vor knapp zwei Wochen konnte man dann den Bohrer namens „Kerstin“, nach ziemlich genau drei Monaten Bohrzeit, aus dem Tunnel heben. Die restlichen Arbeiten dauern noch etwa ein Jahr, sollen sich leiser und einfacher gestalten. Mit einer Ausnahme: Die Rückverlegung der Straßenbahnschienen an den alten Ort wird eine Million Euro kosten und am Ende des Projekts noch einmal für Ersatzverkehr auf der Linie M10 sorgen.

An diesem Wochenende sollen die Bauarbeiten aber ruhen. Als erstes dürfen am Sonnabend besonders aktive Nutzer der Foto- und Videoplattform Instagram auf Tour gehen. Sie sollen dann in den sozialen Netzwerken kunstvolle Bilder aus der Röhre verbreiten. Die Botschaft: Auch eine Baustelle kann hip sein.

Obwohl die 3540 Besucherplätze bereits vergeben sind, gibt es auch die Möglichkeit, ohne Voranmeldung kostenlos in die Röhre zu gelangen. Am heutigen Sonnabend zwischen 11 und 12 Uhr ist der Tunnel für Mitarbeiter der Wasserbetriebe reserviert. Da die Plätze wahrscheinlich nicht ausgeschöpft werden, könnten dann auch Spontanbesucher ihre Chance bekommen.

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