Reinickendorf
Nachnutzung Flughafen

Tegel bekommt das modernste Energienetz der Welt

Eon und das Stadtwerk bringen nach dem Ende des Flugbetriebs in Tegel Wärme und Kälte auf das Areal des Flughafens.

Berlin. Geplant ist nichts weniger als das größte stadtentwicklungs- und wirtschaftspolitische Vorhaben der Stadt für die kommenden Jahre. Die Nachnutzung des Flughafens Tegel und einer Fläche von mehr als 200 Hektar, dreimal größer als der jüngst verkündete Siemens-Campus in Spandau, werde ein „wesentlicher Baustein für die Reindustrialisierung Berlins“ sein. So schilderte der Chef der landeseigenen Tegel Projekt-Gesellschaft, Philipp Bouteiller, die Zukunft des Areals nach dem Ende des Flugbetriebes, angestrebt für Herbst 2020.

Das Wasser in den Leitungen wird nur 40 Grad warm

Die Beuth-Hochschule bezieht das Terminalgebäude. Darum sollen sich Unternehmen und Forschungsinstitute ansiedeln. Am östlichen Ende des Rollfeldes und darüber hinaus sind auf 48 Hektar im Kurt-Schumacher-Quartier bis zu 5000 Wohnungen vorgesehen.

Die Infrastruktur dort muss auf dem modernsten Stand sein. Denn die „Urban Tech Republic“ in Tegel soll nicht einfach nur ein weiteres Gewerbegebiet sein, sondern sich den großen städtischen Themen wie Energieversorgung, Kreislaufwirtschaft, Mobilität und Nachhaltigkeit widmen.

Am Montag stellte Bouteiller gemeinsam mit Karsten Wildberger aus dem Vorstand des Energieunternehmens Eon und Vertretern der Berliner Stadtwerke vor, wie das Gebiet mit 20.000 angepeilten Arbeitsplätzen und 10.000 Bewohnern Wärme und Kälte beziehen soll. Das Thema ist entscheidend für den Klimaschutz in Städten, weil die Hälfte der verbrauchten Energie in die Wärmeversorgung fließt. Das Abgeordnetenhaus hatte die Vergabe an das Konsortium aus Eon und der Wasserbetriebe-Tochter Stadtwerke kürzlich genehmigt.

Die Unternehmensvertreter sparten am Montag nicht mit Superlativen. In Tegel entsteht ein zehn Kilometer langes sogenanntes LowEx-Netz, „das größte seiner Art weltweit“. Anders als bei einer herkömmlichen Leitung der Fernwärme wird das Wasser in diesem Netz im Winter nur auf 40 Grad anstatt auf bis zu 120 Grad erhitzt. Im Sommer reichen 20 Grad. Dadurch geht weniger Energie an die Umgebung verloren. Die angeschlossenen Labor- und Bürogebäude können dann mittels Wärmepumpen die für sie optimalen Temperaturen herstellen. Und sie können selbst Energie produzieren und einspeisen, etwa aus Abwärme ihrer Maschinen, was bei heißeren Temperaturen nicht möglich wäre.

„Die Preise werden günstiger sein als für Fernwärme“, versprach Bouteiller: „Das ist das nachhaltigste Energiesystem, das wir kennen.“ Schon in einem ersten Schritt würden in den Blockheizkraftwerken 80 Prozent der fossilen Energie eingespart. Mittelfristig könne das riesige Areal komplett aus regenerativen Quellen wie Biogas, Solarenergie und Erdwärme versorgt werden.

Eon-Vorstand Wildberger sprach von einem „wichtigen Referenzprojekt“ für den Konzern, der sich nach der Abspaltung der konventionellen Energieerzeugung neu aufstellt und sich als Partner der Kommunen bei der Energiewende anbietet. Niedrigenergienetze seien die Zukunft, sagte Wildberger. Eon arbeite in Stockholm, Malmö und London an solchen Lösungen, die aber nicht die Berliner Dimension erreichen.

Das Energiesystem wird allein 60 Millionen Euro kosten

Die Gesamtkosten für das Vorhaben bezifferten die Partner auf 60 Millionen Euro, die sich aber auf mehrere Bauabschnitte aufteilen. Eon und die Stadtwerke werden nach den Worten des Wasserbetriebe-Chefs Jörg Simon jeweils einen einstelligen Millionenbetrag bereitstellen. Den Rest sollen Banken als Kredite und Förderprogramme der EU, des Bundes und des Landes beisteuern. Die genaue Summe, die das von der Opposition nach wie vor vehement abgelehnte Stadtwerk in das Projekt steckt, wollte Simon mit Rücksicht auf Absprachen mit Eon nicht nennen.

Die Partner gehen davon aus, Mitte 2021 auch für das Energienetz mit den Arbeiten beginnen zu können. Drei bis fünf Jahre später könnte der erste Bauabschnitt fertig sein. Die Neubauten werden alle so errichtet, dass sie mit Fußboden- oder Wandheizungen auch mit nur 40 Grad warmem Wasser zu beheizen sind. Das ginge allein mit einzelnen Heizkörper nicht, hieß es. Auch die Altbauten wie das Terminalgebäude würden energetisch so saniert, dass das Energiekonzept auch dort funktioniere.

Sollte der Flughafen BER nicht wie geplant im Herbst 2020 eröffnen und der TXL weiterlaufen müssen, dann seien die Vorleistungen verloren, hieß es. Der Senat geht aber fest davon aus, dass es dazu nicht kommt. Die Stadtentwicklungsverwaltung beginnt darum jetzt mit der offiziellen Bürgerbeteiligung zu den drei Bebauungsplänen für das Tegeler Gelände.

Am Mittwoch, 14. 11., findet dazu in der Humboldt-Bibliothek (Karolinenstraße 19, 13507 Berlin) von 17 bis 19 Uhr eine Informationsveranstaltung statt.

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