Im Fall der mutmaßlichen Vergewaltigung einer 16-Jährigen und der sexuellen Belästigung ihrer 14 Jahre alten Schwester in einem Neuköllner Jugendclub wird nach Strafanzeigen nun gegen Jugendstadträtin Sarah Nagel (Linke) sowie gegen Verantwortliche aus der Jugendeinrichtung und im Jugendamt ermittelt. Das sagte Bildungs- und Jugendsenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) am Donnerstag in der Fragestunde des Abgeordnetenhauses. Es gehe bei den Betreuerinnen aus dem Club um unterlassene Hilfeleistung. Gegen Nagel und die Leiterin des Jugendamtes liefen Verfahren wegen möglicher Strafvereitelung im Amt, sagte die Senatorin.
Der Jugendstadträtin wiederum sei keine Strafanzeige gegen sich bekannt, wie Nagel auf Anfrage der Berliner Morgenpost sagte. Sie betonte gleichzeitig ihre Bereitschaft, „jede Aufklärung auch von Strafermittlungsbehörden“ zu unterstützen. Eine Antwort zu dieser Frage war der Berliner Polizei innerhalb der gesetzten Frist nicht möglich.

Günther-Wünsch hatte sich in der Sitzung am Donnerstag sehr emotional geäußert, nachdem sie zuvor eine Aktuelle Stunde über den Schutz von Frauen gegen digitalisierte Gewalt gehört hatte. „Es reicht nicht, betroffen zu sein und Betroffenheit zu bekunden“, sagte die Christdemokratin. Es sei die oberste Aufgabe eines Jugendamts, den Kinderschutz zu gewährleisten. Alle Jugendeinrichtungen seien gehalten, Schutzkonzepte gegen Gewalt zu entwickeln. Familien und Eltern müssten sich darauf verlassen können. „Wer das nicht tut, kann und darf keine Verantwortung im Jugendamt oder in einer Jugendfreizeiteinrichtung tragen“, sagte Günther-Wünsch.
Bürgermeister Martin Hikel: „Wahlkampfspiel der Senatorin“
Weiter griff die Christdemokratin Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) scharf an. Dieser habe bisher „kein Wort“ zu dem Fall gesagt. Darauf konterte Hikel: „Frau Günther-Wünsch lügt oder wird falsch durch ihre Verwaltung informiert, übrigens nicht zum ersten Mal.“ Dabei bezog er sich auf seine öffentlichen Äußerungen u. a. im ZDF und der Abendschau. Schon die Äußerung der Senatorin, sie habe erst durch die Presseberichterstattung von der Vergewaltigung erfahren, werfe Fragen auf, so Hikel weiter. „Schließlich lagen ihrer Verwaltung bereits seit dem 5. März die Informationen aus dem Jugendamt dazu vor“, sagte der Bezirksbürgermeister auf Anfrage der Berliner Morgenpost.
Frau Günther-Wünsch lügt oder wird falsch durch ihre Verwaltung informiert, übrigens nicht zum ersten Mal.
Martin Hikel, Bezirksbürgermeister Neukölln
Er habe keine Zeit für „solche Wahlkampfspiele der Bildungssenatorin“, weil er „ständig an der Aufklärung mitwirke“. „Wenn Frau Günther-Wünsch ernsthaft an der fachlichen Aufarbeitung interessiert ist, hat sie meine Telefonnummer“, richtet sich Neuköllns Bezirksbürgermeister direkt an die Senatorin.

Senatorin fordert „spürbare Konsequenzen“
Des Weiteren kritisierte die Senatorin bei der Fragestunde am Donnerstag, dass kein „reguläres Kinderschutzverfahren“ eingeleitet worden sei. Es habe „keine stringente Fallführung“ gegeben. Seit Februar 2025, als die Vorgänge intern bekannt geworden seien, sei die „Dienst- und Fachaufsicht des Bezirksamtes nicht ausgeübt“ worden. „Weder das Kinderschutzteam noch der polizeiliche Präventionsbeauftragte wurde hinzugezogen.“ Zu der Frage, ob und wann das Opfer eine Anzeige bei der Polizei stellen wollte, gebe es „widersprüchliche Aussagen“. Die Senatsverwaltung habe Nagel aufgefordert, alle Unterlagen vorzulegen.

Während der Träger des an der Aufdeckung des Falls beteiligten Mädchentreffs alle Antworten geliefert habe, habe das Bezirksamt noch nichts geliefert. „Es geht um das Versagen des bezirklichen Jugendamts“, sagte Günther-Wünsch. Sie forderte „spürbare Konsequenzen“.
Senatorin: Kein „Einzelfehler“, sondern ein „strukturelles Problem“
Weiter verlangte die Senatorin, dass die Vorgänge von einer unabhängigen Instanz aufgeklärt werden müssten. „Wir erleben eine Situation, in der eine Stadträtin, die selbst Teil von Ermittlungen ist, an der Aufklärung mitwirken soll.“ Die betreffende Jugendstadträtin Nagel wiederum beruft sich auf die „Kommission mit unabhängigen Expert:innen“, die sie mit der fachlichen Aufarbeitung betrauen will.
Günther-Wünsch kündigte zudem eine Abfrage in allen Berliner Jugendfreizeiteinrichtungen zu dem Thema an. Es sei klar, dass man nicht über einen „Einzelfehler“ spreche, sondern über ein „strukturelles Problem“, so die Senatorin.


