Sie sind mit Tüten, Taschen, Trolleys gekommen – vereinzelt sogar mit Bollerwagen. Schon um Viertel vor zehn hat sich eine Schlange gebildet. Bei Minusgraden warten Neuköllnerinnen und Neuköllner vor dem Hinterhof des Rathauses, um sich eine Ration kostenloser Kartoffeln abzuholen. Darunter viele ältere Menschen, eine Frau mit Rollator. Aber auch Jüngere. Es ist ein bunter Mix.

Die zur Verteilung bereitstehenden Kartoffeln stammen aus einem Hof in der Nähe von Leipzig. Ihnen drohte die Vernichtung, da der Händler kurzfristig abgesprungen war. Gemeinsam mit der grünen Suchmaschine Ecosia und den Landwirten startete die Berliner Morgenpost eine Aktion, um die Kartoffeln zu retten. Mit Lastern kommen sie nach Berlin und werden hier an verschiedenen Stellen verteilt.

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Auch das Neuköllner Bezirksamt ist eine davon. „Wir haben die Infrastruktur und liegen zentral. Und wir wollten den Neuköllnerinnen und Neuköllnern etwas Gutes tun“, sagt Pressesprecher Christian Berg. „Und es ist im Sinne der Nachhaltigkeit. Wir tun aktiv etwas gegen Lebensmittelverschwendung.“

Menschen drängeln um die Kartoffeln

In der Schlange wartet Lilli. „Als Künstlerin habe ich in diesen Zeiten 0,0 Geld“, sagt die junge Frau halb lachend, halb kopfschüttelnd. „Also esse ich kostenlose Kartoffeln.“ Es beschreibt den Ernst ihrer Lage. Etwas weiter hinten eingereiht hat sich Tim Greaves. In seiner Hand: eine der großen blauen Ikea-Taschen. „Wie viel Kartoffeln sind wohl fünf Kilogramm?“, überlegt der Kunstlehrer. Denn das ist der Richtwert, der pro Person mitgenommen werden soll. „Das ist so eine gute Aktion“, schwärmt Greaves. „Verschwendung von Lebensmitteln ist einfach doof! Ich finde, solche Rettungsaktionen passieren viel zu wenig.“

Kartoffeln Neukölln
Tim Greaves macht die Ikea-Tüte zum Kartoffelsack.© Miriam Schaptke | bm

Kurz vor zehn Uhr beginnt dann die Ausgabe. Zwei Riesen-Säcke à eine Tonne stehen bereit. Die Menschen greifen zu, füllen ihre Tüten. Dabei achten Mitarbeiter des Bezirksamts darauf, dass es halbwegs geordnet läuft, sich einer nach dem anderen bedienen kann. Es einigermaßen gerecht zugeht. Während die Schlange nicht abreißen will, werden die Kartoffeln innerhalb kurzer Zeit immer weniger.

„Bei einer Kinderarmutsquote von über 30 Prozent im Bezirk haben wir schon mit einem Ansturm gerechnet“, sagt Sandra Beier, Pressesprecherin des Bezirks. Ihr Blick auf die vielen Menschen gerichtet, die sich um die Kartoffeln drängeln. „Aber es geht ja an die Richtigen.“

Kartoffeln in Neukölln
Aus den Kartoffeln in der Leo-Print-Tüte werden Pommes rot-weiß. © Miriam Schaptke | bm

Für Lilli und Tim Greaves hat sich das Anstellen gelohnt. Sie gehören zu den Glücklichen, die Kartoffeln abbekommen. Und auch Franziska mit ihrem Sohn Lamin hat sich eine Ration ergattert. Sie ist spontan vorbeigekommen, erzählt sie. „Ich habe von meiner Hebamme davon erfahren und wohne um die Ecke“, sagt Franziska. „Das ist schon lustig anzusehen.“ Und auch für Lamin ist es ein Erlebnis. Er wünscht sich Pommes aus den geretteten Kartoffeln. „Mit Ketchup und Mayo“, so der Vierjährige.

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Nach nicht mal einer halben Stunde gehen die zwei Tonnen Kartoffeln zur Neige. Viele der gekommenen Menschen gehen mit leeren Händen nach Hause. Rory hat sich die letzten zwei Kartoffeln gesichert. Und nimmt es mit Humor: „Ach, es ist schon ok, dass ich quasi leer ausgegangen bin.“ Seine Ausbeute hält er wie einen Siegerpokal in die Luft.

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