„Jede Nacht denke ich, es könnte jemand kommen und einen Molotowcocktail durch das Fenster werfen. Ich bin immer in Alarmbereitschaft. Und habe deshalb Schlafstörungen.“ Das ist ein kleiner Auszug aus der Gefühlswelt von Ferat Kocak, der Opfer eines Anschlags wahrscheinlich von Rechtsextremisten geworden ist. Im Untersuchungsausschuss zur rechten Neuköllner Anschlagsserie hat er sich am Freitag den Fragen der Parlamentarier gestellt.

Zwischen 2016 und 2019 gab es 35 Brandstiftungen, die dem so genannten Neukölln-Komplex zugeordnet werden. Opfer waren stets Menschen, die sich gegen Rechtsextremismus engagieren – so wie Ferat Kocak.

Der Linkenpolitiker wurde im Januar 2018 Opfer eines Anschlags. Sein Auto, das er neben dem Haus seiner Eltern parkte, wurde angezündet. Die Feuerwehr verhinderte, dass das Feuer auf das Gebäude überschlug. „Meine Eltern hätten sterben können, weil ich mich gegen Rechtsextremismus engagiere“, so Kocak. Die Gasleitung, die sich an der Wand der Garage befindet, hätte explodieren können.

„Mir war das alles zu viel. Als meine Mutter einen Herzinfarkt hatte, wollte ich aufhören“, sagt Kocak. „Sie hat mich aber ermutigt, weiterzumachen.“ Laut Kocak, aber auch nach Angaben von Claudia von Gélieu, die in einer vorherigen Sitzung als Zeugin aussagte, gab es erhebliche Fehler bei den Ermittlungen. Der Untersuchungsausschuss will klären, ob es bei den jahrelangen Ermittlungen tatsächlich Fehler und Pannen gab.

Neuköllner Anschlagsserie: Kocak wurde ausgespäht, aber nicht gewarnt

Am schlimmsten sei für Kocak die Tatsache, dass er von Menschen ausgespäht wurde, die bereits vom Verfassungsschutz observiert wurden – er aber nicht gewarnt wurde. „Es gibt Tonbandaufnahmen, auf denen deutlich zu hören ist, wie sie sich verabreden, um mir nach Hause zu folgen“, sagt der Zeuge und fragt in die Runde: „Wie kann es sein, dass niemand weiß, was die Täter in der Tatnacht getan haben, wenn sie doch observiert wurden?“ Polizei und Verfassungsschutz hätten erklärt, dass sein Name falsch geschrieben wurde, sein Auto nicht zugeordnet werden konnte und Polizisten auch nur Menschen seien, die Fehler machten. Kocak war sich der Gefahr nicht bewusst. Ihm sei vor dem Anschlag nicht aufgefallen, dass ihn Rechtsextremisten beobachten. So habe er sich auch keine Sorgen gemacht.

Nach dem Brandanschlag gab es Droh-SMS, -anrufe und -schreiben. Er habe viele Gespräche mit ermittelnden Kriminalpolizisten gehabt. Obwohl einige von ihnen einfühlsam gewesen seien sollen, habe er aber so gut wie nie Antworten auf seine Fragen bekommen. Zudem habe seine Anwältin lange Zeit keine Akteneinsicht erhalten. „Das Vertrauen war irgendwann nicht mehr da“, sagt der Zeuge.

Anschlagsserie: Neonazis müssen sich vor dem Amtsgericht Tiergarten verantworten

Ferat Kocak regt im Ausschuss auch an, zu untersuchen, inwieweit die Neuköllner AfD Kontakte in die rechtsextremistische Szene pflege. So soll einer der Hauptangeklagten im aktuellen Prozess zur Neuköllner Anschlagsserie einen AfD-Verordneten der Bezirksverordnetenversammlung gefragt haben, ob Kocak anwesend sei.

Den Fall des in Brand gesteckten Autos von Kocak beschäftigt auch das Amtsgericht Tiergarten. Dort müssen sich die Neonazis Sebastian T. (36) und Tilo P. (39) verantworten – allerdings nur wegen einer Handvoll der insgesamt 70 Fälle, die dem Neukölln-Komplex zugerechnet werden. Ferat Kocak ist als Nebenkläger zugelassen.