Schillerkiez

Betreiber von Kiezkneipe „Syndikat“ kämpfen gegen Kündigung

Nach 33 Jahren erhält das „Syndikat“ in Neukölln die Kündigung. Die Betreiber aber wollen sich dagegen wehren.

Entschlossen: Stammgast Kristian (l.) und Kollektivmitglied Christian in der Kneipe „Syndikat“.

Entschlossen: Stammgast Kristian (l.) und Kollektivmitglied Christian in der Kneipe „Syndikat“.

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Neukölln. Am Morgen hängt noch der Geruch von Zigarettenrauch in den Räumen des „Syndikats“. Am Abend zuvor war in der Kneipe wieder einiges los. Es wurde Bier getrunken, Billard gespielt – und diskutiert. Über den Mietenwahnsinn, der Berlin fest im Griff hat. Und der auch vor der 33 Jahre alten Traditionskneipe an der Weisestraße 56 im Schillerkiez in Neukölln nicht haltmacht. Im Sommer lag die Kündigung im Briefkasten des „Syndikats“. Verhandlungen über einen neuen Mietvertrag? Ausgeschlossen. Ohne Begründung wurde dem acht Mann starken Kollektiv, das die Kneipe betreibt, gekündigt. Die Wut darüber ist noch nicht verraucht.

„Aber wir geben nicht auf“, sagen Christian und Kristian. Seit zwölf Jahren gehört Christian zum „Syndikat“-Kollektiv. Kristian ist Stammgast, „seitdem ich legal Bier trinken darf, also seit gut 17 Jahren“. Jetzt kämpfen die beiden dafür, dass die Kneipe im Kiez bleiben darf. Aber es ist ein ungleicher Kampf, den die beiden Christiane und ihre Mitstreiter kämpfen. Das Gleichnis von David gegen Goliath schießt einem durch den Kopf. Auf der einen Seite eine linke Kneipe, Anlaufstelle und Wohnzimmer für alteingesessene Kiezbewohner. Das Bier ist günstig, die Wände rot, die Musik rockig. Auf der anderen Seite ein milliardenschweres, multinationales Unternehmen, die Pears Global Real Estate Group. Sie hat das „Syndikat“-Haus 2015 aufgekauft. Was genau mit dem Haus passieren soll und auch mit den Kneipenräumen im Erdgeschoss, ist bisher noch unklar. „Die Mieter haben aber schon Post bekommen mit Abgeschlossenheitsbescheinigungen“, erzählt Christian. Diese Bescheinigungen sind meist der erste Schritt, wenn Miet- in Eigentumswohnungen umgewandelt werden sollen.

Global Player, der abseits der Öffentlichkeit agiert

Die Pears Group ist ein sogenannter Global Player, mit Sitz in London. Das britische Finanzmagazin „This is money“ schätzt das Vermögen der Immobiliengruppe auf rund sechs Milliarden Euro. Damit gehört das Familienunternehmen zu einem der größten auf dem Immobilienmarkt, sowohl in Großbritannien als auch in Berlin. Bundesweit besitzt die Gruppe nach eigenen Angaben rund 6200 Miet- und Gewerbeeinheiten, die meisten davon in Berlin. Aber die Investorenfamilie meidet die Öffentlichkeit, ihre Firmenwebseite ist abgeschaltet. Jegliche Versuche einer Kontaktaufnahme laufen ins Leere. Das Unternehmen tritt bevorzugt durch Briefkastenfirmen als Eigentümer ihrer Immobilien auf.

So auch beim „Syndikat“: Als der Kneipe im Sommer gekündigt wurde, machten sich die acht Betreiber auf die Suche nach ihrem Vermieter. Denn in Erscheinung getreten war bisher immer nur ein Verwalter. Auf der Suche nach dem Hausbesitzer traf das Team schnell auf eine Briefkastenfirma in Luxemburg. Rund 75 Firmen teilten sich einen Briefkasten – aber fast alle hatten Kontakte zur Pears Global Real Estate Group. Und: Das „Syndikat“ ist nicht die einzige Kneipe, der in Berlin von der britischen Firma gekündigt wurde. Auch dem 50 Jahre alten Handwerksgeschäft „Heimwerk“ in Alt-Moabit wurde ohne Begründung der Mietvertrag nicht verlängert, genauso einer Galerie an der Wilsnacker Straße in Moabit und dem Blumenladen „Pusteblume“ an der Samariterstraße in Friedrichshain.

Das Problem: Für Gewerberäume wie Kneipen, Kiezläden oder Bäckereien gelten Schutzmechanismen wie der Milieuschutz oder die Mietpreisbremse nicht. Der Bundesrat hat am 19. Oktober zwar eine Anpassung des Gewerbemietrechts beschlossen, weil man mit Besorgnis beobachte, dass sich durch „erhebliche Steigerungen der Gewerbemieten ein Strukturwandel abzeichnet, der auch von einer Verdrängung kleiner inhabergeführter Gewerbebetriebe und sozialer Einrichtungen geprägt ist“. Einen Gesetzentwurf gibt es aber bisher noch nicht.

Um das „Syndikat“ dennoch offen halten zu können, reiste das Kollektiv nach London. In der Hoffnung, bei der Pears Group auf Gesprächsbereitschaft zu treffen. Mehr als 4000 Unterschriften hatte das Team in Berlin gesammelt. Diese Liste wollten sie der Pears Group überreichen. Doch die blockte ab. „Berlin sei so billig, wir sollten einfach in eine andere Räumlichkeit ziehen, wurde uns dort gesagt“, berichtet Christian und lacht trocken auf.

Nun war klar: Es helfen nur noch drastische Maßnahmen. Als Anfang Januar der Hausverwalter vor der Kneipentür stand, um den Schlüssel abzuholen, weigerte sich Christian. Er gab den Schlüssel nicht heraus. Ähnlich hatten sich jüngst in Schöneberg auch der autonome Jugendklub „Potse und Drugstore“ an der Potsdamer Straße sowie die Bar „Hafen“ an der Motzstraße verhalten. Kein neuer Mietvertrag – kein Haustürschlüssel.

Für Christian ist nur eines sicher: „Wir müssen bleiben. Und wir glauben auch alle fest daran, dass das klappt.“ Das „Syndikat“ ruft deshalb zu weiteren Protestaktionen auf. Am Sonntag um 16 Uhr findet eine Kiezversammlung in der Kneipe statt. Und auch Kristian sagt: „Einen Plan B gibt es nicht.“

Mehr zum Thema:

Diesen Moabiter "Stammtisch" gibt es seit den 60ern

Mehr als 100 Jahre Schnaps, Spaß und Skat in der "Traube"

Bei Korn und Bier wird deutsch-türkische Geschichte lebendig

Der Hort der letzten Laster: das Soldiner Eck

Bar "Klunkerkranich" hat bis März geschlossen

© Berliner Morgenpost 2019 – Alle Rechte vorbehalten.