Wie hätten Elvis und Priscilla Presley wohl ausgesehen, wenn sie zusammen hätten älter werden dürfen? Vielleicht wie Willy und Inge Domscheit, das Gastgeberpaar im Soldiner Eck in Gesundbrunnen, das bestimmt wildere Partys gesehen hat als so einige Clubs in Las Vegas. Die weiße Rockabilly-Tolle des 68-Jährigen sitzt ebenso akkurat wie der Lidstrich seiner 75-Jährigen Inge. Die kleine Kiezkneipe der beiden ist vollgestopft mit Inventar aus fast 40 Jahren hinterm Tresen: Kunstefeu und Lametta, Nationalmannschafts-Fanartikel, Puppen, Sparschweinchen, Sprücheschilder und ein Foto von Ginger - dem Hund der beiden, der ständig irgendwo unter den Tischen hindurchwuselt.

5676022761001_videostill_1518000260068.jpg
Kiezkneipen-Serie: Soldiner Eck in Wedding

weitere Videos

    Inge führt seit 1978 das Regiment im Soldiner Eck. Damals übernahm sie die Kneipe, in der seit den 1920ern getrunken wird, mit ihrem ersten Mann. Der war dann aber schneller weg als ein kleines Bier – und somit war der Platz frei für den Willy (68). „Ohne sie würde ich nicht wollen“, sagt er dazu. Romantik in der Eckkneipe. Im Soldiner Eck ist alles möglich.

    Überfall auf das Soldiner Eck mit Messer und Pistolen

    Auch überfallen wurde die Kneipeninstanz schon drei Mal. „Ein Mal kamen sie und haben mir ein Messer in den Rücken gehalten und dem Peter, der hier früher im Puff um die Ecke gearbeitet hat, haben sie die Pistole an die Schläfe gedrückt.“ Die Täter wurden allerdings später von der Polizei ausgespürt, der Haupttäter sitzt jetzt für sieben Jahre ein. Eine gerechte Strafe, wie die Stammgäste des Soldiner Ecks finden, denn Inge und Willy sind Kiezheiligtümer. Räuberpistolen sind hier nur gerne gesehen, wenn sie gespielt werden – und tatsächlich wurde dieser Ort, in dem die Zeit still zu stehen scheint, schon öfter für Dreharbeiten genutzt. Andrea Sawatzki filmte hier ebenso wie Michael Mendel. Zuletzt drehte das ZDF-Team von „Die Spezialisten – Im Namen der Opfer“ bei Inge und Willy.

    Plötzlich kommt ein Student aus der Wohnung gegenüber herein - bei dem Thema erzählt der junge Mann, dass er damals die Dreharbeiten vom Fenster aus beobachten konnte: „Da war wirklich so einiges zu sehen – aber hier im Eck ist ja ohnehin immer viel los.“ Der Student kennt Inge und Willy schön länger, dieses Mal will er aber kein Feierabenbier, sondern hat ein anderes Anliegen: Er fragt Inge, ob er das Telefon benutzen dürfe – sein neues Handy samt Vertrag kam an, aber das mit dem Freischalten klappte nicht so recht. Inge leistet natürlich gerne Nachbarschaftshilfe: „So lange es keine Porno-Nummer ist.“, lacht sie, reicht ihm das Telefon und sagt dann: „Die jungen Leute hier sind immer ganz nett. Viele kommen erst um 3 Uhr früh und bleiben dann bis Mittag. Manche kommen sogar mit dem Taxi hierher, aus Lichtenrade oder Spandau, weil die wissen: Hier ist immer auf. Aber meistens sind sie alle anständig.“

    Die letzte Urberliner Kneipe im Kiez

    Viele ihrer Gäste kennt Inge mit Namen, es gibt noch eine rege Gemeinschaft an Stammgästen. Viel Auswahl gibt es in der Gegend nicht mehr. „Wir hatten hier im Kiez über 20 Kneipen“, erzählt Willy. „Die ‚Banane‘ war damals sehr beliebt, dann das gemütliche ‚Stübchen‘ und gegenüber war die Marie drin, die Kneipe hieß ‚Zum Fässchen‘. Jetzt sind wir die letzte Urberliner Kneipe, die noch die wilden Zeiten in Berlin mitgemacht haben“. Wenn man Inge fragt, warum ausgerechnet das Solider Eck noch steht, dann sagt sie, „Weil wir unsere Kneipe lieben“, und dreht sich dann ganz schnell weg, mit Tränen in den Augen. „Ich bin einfach so nah am Wasser gebaut.“

    Wenn sich Inge vom nahegelegenen Restaurant eine "Mafiatorte" bestellt, dann tummelt sich Hündin Ginger immer unter dem Tisch und hofft, dass etwas von der Pizza für sie abfällt
    Wenn sich Inge vom nahegelegenen Restaurant eine "Mafiatorte" bestellt, dann tummelt sich Hündin Ginger immer unter dem Tisch und hofft, dass etwas von der Pizza für sie abfällt

    Bei so viel Geschichte kann man schnell emotional werden. Vom Mauerfall erfuhren Inge und Willy, als in der Nacht auf den 10. November 1989 zwei junge Frauen zur Tür hereinstolperten, die nicht nur die aufregende Neuigkeit, sondern auch Lust auf ein Bier in das Soldiner Eck, nahe der Bornholmer Straße, mitbrachten. Für alle DDR-Besucher, die kein Westgeld dabei hatten, gab es an diesem Tag eine Runde aufs Haus. „Wir hatten die ganze Nacht auf, wie jeden Tag, deshalb sind sie alle zu uns gekommen. Ein paar ehemalige DDRler, die da zum ersten Mal vorbeikamen, sind bist heute Stammgäste“, erzählt Inge Domscheit (75).

    Hier finden Gäste ein Zuhause und einen Schnaps

    Emotional werden auch viele Gäste, die im Soldiner Eck so einige wilde Nächte verbracht haben. „Die beste Eckkneipe im Kiez, vielleicht sogar ganz Berlins. Egal, ob in hitzigen Diskussionsrunden mit den Unileuten oder beim wilden Knutschen mit dem Last-Minute-Date, hier findet man immer ein Zuhause und einen Schnaps.“, sagt eine Studentin, die vor fünf Jahren von Kassel in eine WG nach Wedding zog.

    Neben den jungen Neuberlinern, die sich hier wohlfühlen, sind auch viele Stammgäste nach wie vor Kulisse des Solidiner Ecks. „Einige sind schon seit mehr als 30 Jahren hier, da entstehen auch echte Freundschaften“, erzählt Inge. Auch wenn sich hier jeden Tag die unterschiedlichsten Gäste bierselig zuprosten bleiben Inge und Willy eher auf dem Trockenen. „Bier habe ich eh nie getrunken, eher Mal einen Whiskey. Aber jetzt rauche ich nur noch, mein letztes Laster“, meint Willy und Inge kontert sofort. „Na, unterschätze dich Mal nicht!“ Auch wenn sie selber nie geraucht hat, so ist der Qualm natürlich Arbeitsalltag. „Aber geräuchertes Fleisch hält länger“, sagt sie, "so ein Schnäpschen konserviert ja ohnehin".

    Adresse:

    Soldiner Str. 16, 13359 Berlin; 24 Stunden geöffnet