Kiezkneipen-Serie

Diesen Moabiter "Stammtisch" gibt es seit den 60ern

In ihrem Kiez sind sie die letzten, die übrig sind: Im Moabiter "Zum Stammtisch" schenken Klaus und Regina Friedrich seit 1969 aus.

Seit 1969 geht es im Stammtisch rund. Der Sommer der Liebe hörte bei Regina und Klaus Friedrich nie auf.

Seit 1969 geht es im Stammtisch rund. Der Sommer der Liebe hörte bei Regina und Klaus Friedrich nie auf.

Foto: Katharina Viktoria Weiß

Sie führen länger eine gemeinsame Kneipe, als viele Menschen eine Ehe führen: Bei Klaus und Regina Friedrich heißt es nicht nur im Liebesdingen „bis dass der Tod uns scheidet“. Beide sind schon lange im Rentenalter, doch wer so eine enge Beziehung zu seinen Gästen hat wie die 73-Jährige Regina und der 76-Jährige Klaus, der gibt das Tresenzepter nicht so einfach aus der Hand. Denn das Bierlokal "Zum Stammtisch" ist eine echte Moabiter Instanz: Hier ist es all die Jahre gemütlich geblieben, ohne sich an die vielen Trends zu verkaufen, denen sich die Hauptstadtgastronomie oft unterwirft.

Ein Ambiente aus dunklen Möbeln mit einem schlichten, praktischen Interieur in warmen Farben dient den beiden seitdem auf der einen Seite als Arbeitsplatz, auf der anderen als Wohnraum. Denn direkt hinter dem Tresen liegt die Wohnungstür, die das Erdgeschoss-Apartment der Friedrichs mit ihrer Kneipe verbindet.

Wer sich an den Wänden umschaut, findet die klassischen Relikte aus fast 50 Jahren Barkultur: Eine „Endstation Sehnsucht“-Plakette mit Marlon Brando, ein opulenter Kronleuchter, ein Glockenaufsteller mit der Aufschrift „Stammtisch“. Es sind aber ebenso viele private Erinnerungsstücke des Ehepaars zu bewundern - ein Foto der beiden Töchter in Schwarz-Weiß neben der frisch bezogenen Eckkneipe und daneben ein Farbbild, in dem sich die beiden mittlerweile erwachsenen Frauen noch einmal in der gleichen Pose vor dem Eingang des Stammtischs ablichten ließen.

Diesen Moabiter "Stammtisch" gibt es seit den 60ern

In ihrem Kiez sind sie die Letzten, die übrig sind: Im Moabiter "Zum Stammtisch" schenken Klaus und Regina Friedrich seit 1969 aus.
Diesen Moabiter "Stammtisch" gibt es seit den 60ern

Alles war fertig, nur die Konzession fehlte

Klaus denkt gerne an die Eröffnung seiner Kiezkneipe zurück: "Der Stammtisch" war schon fertig eingerichtet und die beiden standen in den Startlöchern, aber die Konzession zum Alkoholausschank ließ noch auf sich warten. Pünktlich zu Klaus' Geburtstag am 30. Juni 1969 kam dann die Erlaubnis – und mit vollem Elan und ganz spontan eröffneten das junge Paar seinen Traum.

„Als wir aufgemacht haben, waren hier überall Berliner Kneipen. Viele haben gesagt: Bei der Konkurrenz überlebt ihr kein halbes Jahr“, sagt Regina und Klaus ergänzt: „Und jetzt sind wir die Einzigen, die noch übrig sind.“ Die Gründe dafür sind vielschichtig. Zum einen haben die beiden keine Angestellten, sie machen alles selbst – und wirklich jeder Gast des "Stammtisches" hat schon einmal mit Klaus oder Regina ein Pläuschchen gehalten. „Einer von uns ist immer da, wir sind immer ansprechbar.“ Gerade den jungen Leuten, die neu nach Moabit gezogen sind, gefalle diese familiäre Atmosphäre.

Vom Schwarzwald nach Westberlin

Zum anderen sind beide vom Fach. Klaus ist ausgebildeter Koch, er lernte Regina in einem Hotel im Schwarzwald kennen. Die Dame seines Herzens arbeitete dort am Buffet, wo sie auch für die Getränke verantwortlich war. „Köche haben bekanntlich einen guten Durst und sie hat mir immer ein Extrabierchen reserviert.“ Nachdem Klaus um Reginas Hand angehalten und die damals 23-Jährige „Ja!“ gesagt hatte, entführte der gebürtige Berliner seine Verlobte in die damals geteilte Hauptstadt.

Den Bund fürs Leben schlossen sie Mitte der 1960er in einer evangelischen Dorfkirche in Lankwitz. Auch wenn die beiden mittlerweile bereits die Goldene Hochzeit feiern durften: Wenn sie sich an die ersten gemeinsamen Jahre in Berlin erinnern, dann mit einer Freude fürs Detail, als wäre es gestern gewesen.

Dabei waren nicht alle Zeiten nur idyllisch, sagt Klaus: „Ich war zwei Mal im Krankenhaus wegen Alkoholmissbrauchs, seit 1990 trinke ich keinen Tropfen mehr. Ich habe davor regelmäßig Gruppen besucht, in denen alle meinten: 'Naja, deine Kneipe musst du verkaufen.' Aber ich habe es geschafft, reine Willenssache. Dabei sind wir hier ja legale Suchtstellen sozusagen. Die Droge Alkohol gehört nun Mal zu unserer Gesellschaft. Trinkt einer mal nicht, wird sofort gefragt: Bist du krank?“, sagt Klaus.

Es geht nicht um Alkohol, sondern um Gemeinschaft

Und gerade die Gäste wollen, dass der Hausherr einen mittrinkt, weil der Abend dann vielleicht noch ein wenig länger und noch ein wenig lustiger wird. Doch obwohl er seit 27 Jahren trocken ist, ist er kein bisschen weniger lustig. Im "Stammtisch" geht es nämlich nicht nur um Schnaps und Bier, sondern vor allem um die Gemeinschaft: Hier sitzen Journalisten und SPDler, eine Gruppe junger Klassik-Musiker kommt jede Woche einmal vorbei und im Sommer sitzen ganze Familien vor dem Laden in der Sonne.

Es gibt immer viel zu tun, auch ein jüngeres und größeres Team hätte beide Hände voll. So langsam denkt Regina deshalb doch auch Mal ans Aufhören, aber Klaus ist sicher: „Erst einmal machen wir noch ein bisschen!“

Adresse:

Bredowstraße 15, 10551 Berlin, ab 11:00 Uhr geöffnet

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