Röntgen-Sekundarschule

Merkel bei Neuköllner Schülern - „Geht doch mal nach Charlottenburg“

Die Bundeskanzlerin besucht die Neuköllner Röntgen-Sekundarschule, um mit den Schülern über Europa zu diskutieren. Angela Merkel posiert für Selfies - und gibt Tipps für eine gelungene Integration.

Foto: Markus Schreiber / AP

„Die Kanzlerin kommt!“ Die Menge auf dem Schulhof der Neuköllner Röntgen-Sekundarschule gerät in Bewegung. Handys werden gezückt, wer kann, drängelt sich bis an das Absperrseil. Ein Selfie mit Angela Merkel – das wär´s.

Angela Merkel (CDU) ist gekommen, um mit den Schülern über Europa zu diskutieren. Diese Schulbesuche macht sie jedes Jahr, zum EU-Projekttag, den sie selbst 2007 ins Leben gerufen hat. Ein entspannter Vormittag in eigener Sache, sollte man meinen, nicht unbedingt harte Politik. Doch mit Händeschütteln allein ist es hier nicht getan. Die Schüler haben Fragen und die stellen sie der Kanzlerin auch. Selbstbewusst und sehr direkt.

Merkel soll erklären, was sie tut, damit Schüler mit Migrationshintergrund nicht länger ausgegrenzt werden. Ein türkischstämmiger Junge sagt, er habe das Gefühl, in Deutschland nicht willkommen zu sein. „Wir fühlen uns so, als würden wir in einem großen Zimmer in der Ecke sitzen, wo es noch sehr staubig ist.“ Von der Kanzlerin will er wissen, was er tun könne, um deutsche Freunde kennen zu lernen.

Merkel überlegt: „Wir können ja nicht so eine Partnerbörse machen: Suche deutschen Freund“, sagt sie erst. Denkt kurz nach. „Warum eigentlich nicht?“ Und schlägt dann vor: „Geht doch mal in Hellersdorf ins Kino oder in Charlottenburg.“ Die Röntgen-Schule, eine kleine Sekundarschule für die Klassen sieben bis zehn, liegt im Berliner Problembezirk Neukölln. Die bunte Schülerschaft traut sich selten raus aus dem Kiez. Sie bekämen jede Menge Vorurteile zu spüren, sagt ein Schüler. Gleichzeitig räumt er ein, dass auch sie selbst Vorurteile gegen Deutschstämmige hätten.

Guter Abschluss ist wichtig

Merkel erinnert an die Diskussion um die Griechenlandhilfe. „Wir dürfen nie denken, dass alle Griechen bestimmte gleiche Eigenschaften haben.“ Genauso wenig gebe es die Bulgaren oder die Deutschen. Man dürfe Menschen nicht in Schubladen stecken. Die Schüler nicken. Sie wissen das bereits, auch wenn es ihnen oft noch schwer fällt, sich anders zu verhalten.

Dann erzählt die 15-jährige Fatma, wie sie wegen ihres Kopftuches den Praktikumsplatz in einer muslimischen Kita nicht bekam. „Vielleicht nimmst Du mal einen staatlichen Kindergarten“, rät Merkel. Dann wirbt sie bei den Schülern für Verständnis, vor allem ältere deutschstämmige Menschen hätten Vorbehalte gegenüber Migranten. „Das ist oft Unkenntnis. Sie sind ganz anders aufgewachsen.“ Heute seien dagegen in fast jeder Schulklasse andersstämmige Schüler. Man müsse diesen Menschen die Ängste nehmen. Das sei nicht leicht. „Ihr braucht ein gutes Selbstbewusstsein.“ Dies zu vermitteln, würden die Lehrer versuchen.

Die gute Nachricht sei, so Merkel, dass Deutschland immer älter werde. „Jeder von Euch wird gebraucht, auch wenn es momentan vielleicht noch nicht so aussieht.“ Voraussetzung für beruflichen Erfolg sei allerdings ein guter Schulabschluss. „Ihr müsst gut lernen“, legt die Kanzlerin den Jugendlichen ans Herz und fügt hinzu, dass sie nie wieder so einfach und mit so viel Zeit lernen könnten wie gerade jetzt in der Schulzeit. Niemand dürfe schon im Alter von 12 Jahren beschließen, später von Hartz IV leben zu wollen. „Das ist kein Lebensmodell.“

Eine Schülerin möchte in England Kunst studieren. Sie solle ihre E-Mail-Adresse dalassen, sagt die Kanzlerin. Da bekomme sie Informationen zum Auslandsbafög. „Aber Kunst studieren? Glaubst Du, damit kannst Du am Ende Geld verdienen?“ Ein kleiner Seitenhieb, auch der natürlich gut gemeint.

Als ein Mädchen berichtet, dass sie wegen ihres Kopftuchs schief angeguckt wird, zieht Merkel den Vergleich zum Minirock. Auch wenn ein Mädchen einen sehr kurzen Rock anhabe, würde sie von allen angeschaut. Das sei aber nicht immer abwertend gemeint. Sie werde ebenfalls überall angeguckt, weil eine Kanzlerin eben etwas Besonderes sei. „Das Gute ist doch, dass Ihr jetzt hier mit mir darüber redet.“ Vor 20 Jahren sei das undenkbar gewesen.

Am Ende, Merkel ist schon auf dem Sprung zum Treffen mit Israels Präsidenten Reuven Rivlin, horcht der Saal noch mal auf. Warum Deutschland Waffen an Israel verkaufe, will ein Schüler spontan wissen. Merkel spricht von einer besonderen Verantwortung Deutschlands und seinem gleichzeitigen Einsatz für einen Palästinenser-Staat. Darüber werde sie jetzt mit dem israelischen Präsidenten streiten müssen.

Uneinigkeit über das Kopftuch

Auf dem Rückweg zum Auto lässt die Kanzlerin sich schnell noch ein paar mal zusammen mit Schülern fotografieren. Dann ist sie auch schon wieder verschwunden. Neuköllns Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD), die an diesem Dienstagvormittag dabei war, bezeichnet es als Fortschritt, dass die Schüler bei der Diskussion darüber gesprochen haben, wie sie sich in Deutschland fühlen.

Allerdings hätte sie sich eine klare Aussage der Kanzlerin zur bekenntnisfreien Schule gewünscht, sagt Giffey der Berliner Morgenpost. „Schule muss ein neutraler Ort sein, das ist besonders in Neukölln, wo viele Nationen zusammenleben, enorm wichtig.“ Das Kopftuch sei eben kein Minirock, kein modisches Accessoire, sondern stehe für eine Religionsausübung, die sehr streng sei, betonte Giffey. Solche religiösen Symbole seien Privatsache und nicht Bestandteil des öffentlichen Lebens.

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