Kitas

Saleh fordert kostenfreie Betreuung für Kinder unter drei Jahren

Nach dem Willen des SPD-Fraktionsvorsitzenden Raed Saleh sollen Kinder nicht erst ab drei Jahren kostenlos in der Kita betreut werden. Franziska Giffey, Bürgermeisterin von Neukölln, sieht das anders.

In der Spatzengruppe sitzen die Kinder gerade im Morgenkreis. Drei Erzieherinnen betreuen die 18 Kinder unter drei Jahren in der Neuköllner Kita Reuterstraße. Einige Kinder sind ganz aufmerksam, singen mit und bewegen ihre Händchen dazu, andere kuscheln sich in den Arm der Erzieherinnen. Und wieder andere blicken nur erstaunt in die Runde. Jedes Kind hat ein anderes Bedürfnis und braucht eine ganz spezielle Hinwendung – das fällt auch den Besuchern auf. Zum Tag der Kinderbetreuung, der am Montag begangen wurde, waren der SPD-Fraktionsvorsitzende Raed Saleh und Neuköllns Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) zu Gast in der Kita, in der 200 Kinder betreut werden. Sie wollten sich über die Betreuungssituation vor Ort informieren.

Während Raed Saleh in diesem Rahmen seine Forderung nach einer kostenlosen Kitabetreuung für Kinder unter drei Jahren unterstrich, betonte Franziska Giffey, dass für sie die Verbesserung der Kita-Qualität an erster Stelle stehe. Die Gebührenfreiheit habe keine oberste Priorität, sagte die Bezirksbürgermeisterin. Der Betreuungsschlüssel sei nicht optimal und viele Eltern seien bereit, "Geld für gute Qualität in die Hand zu nehmen". Bislang haben nur Eltern mit Kindern ab drei Jahren Anspruch auf einen kostenlosen Kitaplatz.

Saleh will "Bildungsrevolution"

Der SPD-Frakionschef kündigte in der Kita an, sich für eine "Bildungsrevolution" stark zu machen. Das sei ein Kraftakt, aber Berlin könne es sich leisten. Neben der kompletten Gebührenfreiheit der Bildung vom ersten Kita-Tag an, will er auch den Personalschlüssel für Erzieher senken. Während heute noch ein Erzieher für sechs Kinder unter drei Jahren zuständig ist, sollen es künftig nur noch vier Kinder pro Erzieher sein. Die Wissenschaft fordert einen Betreuer für drei Kinder. "Wir müssen die Menschen entlasten, dafür muss das Geld da sein", sagte Saleh. Er kündigte, an dass perspektivisch 12.000 neue Kitaplatz in Berlin entstehen werden. Wichtige sei es, dafür Gebäude zu finden. Den Ausbau des Bildungsbereichs, der eine bessere Qualität, eine bessere Bezahlung der Erzieher, einen abgesenkten Personalschlüssel und die Gebührenfreiheit beinhaltet, will Saleh schrittweise mit insgesamt 150 Millionen Euro aus dem Landeshaushalt finanzieren.

Für das Berliner Kitabündnis – ein Zusammenschluss von verschiedenen Organisationen und Einzelpersonen, die eine bessere Personalausstattung und einen leichteren Zugang zur Bildungsinstitution Kita fordern – ist die Qualität das oberste Kriterium. "Wir wehren uns nicht gegen die Gebührenfreiheit, aber eine Verbesserung der Betreuungssituation geht vor", sagt Bernd Schwarz, Mitglied im Kitabündnis. Die Forderung nach einem besseren Personalschlüssel, mehr Kitaplätzen und der Freistellung der Kita-Leitung kosten viel Geld, da sei es widersinnig, mit der Gebührenfreiheit Geld aus dem System rauszunehmen, sagt er. Doch solange sich die SPD in ihren eigenen Reihen nicht einmal einig sei, was zuerst im Bildungsbereich geschehen müsse, sehe er noch keine schnelle Änderung der Situation. Denn schließlich müsse sie sich auch noch mit dem Koalitionspartner, der CDU, abstimmen.

Viele Kinder mit Sprachstörungen

In Neukölln haben 60 Prozent der Kinder in der ersten Klasse Sprachstörungen. Das ist das Argument, an dem Franziska Giffey festmacht, dass vor allem in die Zahl und die Ausbildung der Erzieher investiert werden müsse. Es könne nicht sein, dass der Arzt bei der Einschulungsuntersuchung feststelle, dass das Kind in Berlin geboren und aufgewachsen, eine Verständigung aber nicht möglich ist. Deshalb müsse in einem ersten Schritt der Betreuungsschlüssel verändert werden, damit die Erzieher mehr Zeit für die Förderung der einzelnen Kinder hätten. Es sei wichtig, so Giffey, den Erzieherberuf attraktiver zu machen. Noch gelte er als ein klassischer Frauenberuf, der schlecht bezahlt werde. 1000 Kitaplätze würden derzeit in Neukölln fehlen. "Das liegt nicht an den Räumen, wir haben einfach nicht genug Personal", sagt die Bezirksbürgermeisterin.

Unterstützt wird Franziska Giffey von Jugendstadtrat Falko Liecke (CDU). Er fordert angesichts der fehlenden 1000 Betreuungsplätze ein Brennpunktprogramm für Neuköllner Kitas. Insbesondere für Kinder unter drei Jahren bestehe ein hoher Bedarf, da der Bezirk mit einer Betreuungsquote von 58 Prozent auf dem letzten Platz in Berlin liege. "In Teilen der Stadt wie Neukölln, in denen noch 20 Prozent der Kinder eine Kita nicht mehr als zwei Jahre vor Schuleintritt besuchen, muss mehr Geld in die Hand genommen werden für ein ausreichendes Platzangebot und Angebote in der Sprachförderung", sagt Liecke.

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