Vor über 20 Jahren fing alles an: 2005 stellte Alexander von Reiswitz erstmals eine Gruppe Menschen in Tokyo zusammen, als ob sie eine Familie wären. In die japanische Hauptstadt war er von der japanischen Botschaft in Kooperation mit dem Kulturbüro Charlottenburg als Berlin-Repräsentant eingeladen worden. Dort zeigte er seine berühmte Fotoserie „Zoogestalten“. Das Besondere: Auf den großformatigen Schwarz-Weiß-Porträts des Berliner Fotografen sind Tiere zu sehen, unter anderem aus dem Zoo Berlin, die wie menschliche Persönlichkeiten abgelichtet sind – würdevoll, glamourös und melancholisch.

Der Fotograf Alexander von Reiswitz 2004 in seinem damaligen Atelier in Kreuzberg mit seinen „Zoogestalten“: Links die bekannte Flusspferddame „Bulette“, rechts der Marabou „Klapperkopp“.
Der Fotograf Alexander von Reiswitz 2004 in seinem damaligen Atelier in Kreuzberg mit seinen „Zoogestalten“: Links die bekannte Flusspferddame „Bulette“, rechts der Marabou „Klapperkopp“. © Frank Wegner | Frank Wegner

„Das Spannende bei den Zoogestalten war die Verbundenheit zwischen den Tieren und der Mauerzeit“, erinnert sich von Reiswitz. „Berlin war umzingelt von einer Mauer, und wenn die Menschen sich erholen wollten, gingen sie in den Zoo, waren also doppelt umgeben von einer Mauer. Die Berliner kannten alle Tiere im Zoo bei ihren Vornamen. Ich habe auch das Flusspferd Bulette porträtiert. Sie war ein Phänomen für mich.“ Knautschke und Bulette, Vater und Tochter, hatten in einem vertrockneten Wasserbecken den Krieg überlebt und haben inzestuös zusammen 20 Flusspferde gezeugt.

Menschen und Tiere vor der Kamera: Das haben sie gemeinsam

Was Tiere und Menschen verbindet, sei die Improvisationsarbeit, so der 60-Jährige beim Treffen im Hotel Adlon in Berlin-Mitte. Mensch und Tier würden es gleichermaßen genießen, wenn man ihnen Aufmerksamkeit schenkt und ihnen nonverbal das „Gefühl der Zugehörigkeit“ vermittelt. Bei den Straßenfotografien von „Catching Strangers – The Family Constellation Project“ habe er in über 20 Ländern auf die gleiche Art gearbeitet. „Die Menschen wurden mit einer Situation konfrontiert, mit der sie gar nicht gerechnet haben, genau wie damals die Tiere.“

Gruppe Berlin
Dieses Foto aus der Serie „Catching Strangers“ nannte von Reiswitz „Family 49“. Es wurde am Teufelsberg im Februar 2009 aufgenommen.© BM | © 2026 Alexander von Reiswitz, Alle Rechte vorbehalten.

Worum ging es Alexander von Reiswitz bei seinem als Buchband erschienen Projekt „Catching Strangers“? „Es geht vor allem um Zufall. Ich spreche wildfremde Passanten an und konfrontiere sie mit meinem Wunsch, sich miteinander als Familien-Porträt von mir fotografieren zu lassen.“ Die Spielregel: Niemand kennt den anderen, aber alle sind zufällig und zur selben Zeit am selben Ort. Entgegen dem Projektnamen bestehen die Gruppen also ausschließlich aus Menschen und Tieren, die einander fremd sind.

„Der Begriff Familie entsteht in dem Moment, wo jemand das Bild anschaut“, sagt der Fotokünstler. Das Spannende hier sei für ihn gewesen: „Mit komplett unbekannten Menschen, die sich nie gesehen haben und sich nie wiedersehen werden, für den Moment etwas zu erschaffen. Der gemeinsame Nenner ist die Vorstellung von Familie, die sie in dem Moment als Familienmitglied darstellen.“ Heutzutage gebe es keine Gewissheiten mehr. Der Begriff Familie wird von jedem mit anderen Inhalten gefüllt.

„Jeder hat eine Vorstellung, wie anders sein Leben hätte sein können“

Steckt hinter dem Projekt „Catching Strangers – The Family Constellation Project“ die Annahme, dass auch Familienmitglieder sich sehr fremd sein können? „Familie ist ein sehr komplexes Thema. Ich möchte mich gar nicht in den wissenschaftlichen Komplex hineinbegeben.“ Bei der Foto-Improvisation hätten sich die Protagonisten auch gerne eingemischt, erinnert sich Alexander von Reiswitz: „Der eine sagt vielleicht, das hier ist mein Bruder, oder ich möchte lieber der Vater sein. Oder einer sagt: Jetzt brauchen wir aber noch eine Frau oder ein Kind oder einen Großvater oder einen Hund.“

Jeder hat eine Vorstellung von sich, was er hätte sein können, oder wie anders sein Leben hätte verlaufen können. „Weil die Menschen an der Zusammenstellung der Familien beteiligt sind und ihre Rollen auch ernst nehmen, entsteht etwas sehr Ehrliches und Reales.“

„Family 29 USA - New York - Midtown _ Flatiron Building 29.04.2007 7.45 p.m.“
„Family 91“ ließ sich von Alexander von Reiswitz auf der Insel Krestovsky im Zentrum von St. Petersburg (Russland) ablichten.© BM | © 2026 Alexander von Reiswitz, Alle Rechte vorbehalten.

Rund 200 Familienporträts sind auf diese Weise im Laufe von rund 15 Jahren entstanden, zum Beispiel in New York, Berlin, Tokyo, Casablanca, Bukarest oder Tromsø. Die Bilder wurden am Goethe-Institut in Casablanca gezeigt. Rund 100 davon landeten im Bildband „Catching Strangers“. „Die Bilder entsprachen so ein bisschen der Grundidee des Goethe-Instituts, glaube ich. Völkerverständigung, wenn fremde Menschen oder Kulturen aufeinandertreffen.“

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Bei der Buchpremiere am 6. Juni in der Volksbühne lesen zehn Autoren jeweils eine Geschichte oder ein Gedicht. „Durch die Texte erhalten die erfundenen Familien im Nachhinein ein gemeinsames Schicksal.“ Ob er August Sander kennt, der eine umfassende Typologie der deutschen Gesellschaft im 20. Jahrhundert festhielt? „Ich habe im Grunde genau das Gegenteil gemacht wie August Sander“, erklärt von Reiswitz. „Sander zeigte Menschen in ihrer realen Rolle. Mich hat mehr interessiert, die Menschen aus ihrer realen Rolle herauszunehmen und sie kurzzeitig in einen neuen Zusammenhang zu bringen. Es war so, als ob August Sander einen Bäcker in die Rolle eines Gelehrten gesteckt hätte.“

Gruppenfoto Reiswitz
Dieses Gruppenfoto nannte Alexander von Reiswitz „Family 33 Germany – Berlin – Hermannplatz 2. Februar 2009 12.45 p.m.“ © BM | © 2026 Alexander von Reiswitz, Alle Rechte vorbehalten.

„Catching Strangers – The Family Constellation Project“, Buchpremiere mit Lesung, 6. Juni um 20 Uhr, mit zehn Autoren, darunter die preisgekrönte Autorin Felicitas Hoppe, Ulrike Draesner und Mariana Leky. Der Abend wird eröffnet mit einem eigens für Catching Strangers geschriebenen Text von John Burnside, gelesen von seinem langjährigen Übersetzer Bernhard Robben, Roter Salon der Volksbühne, Rosa-Luxemburg-Platz, Platz auf der Gästeliste sichern auf der Eventwebsite.

Außerdem: „Zoogestalten“ von Alexander von Reiswitz zu sehen bei LUMAS Kudamm, Fasanenstraße 73, 10719 Berlin.