Auge in Auge

Berliner Illustrirte Zeitung: Sie sind Berlins derzeit berühmtester Tierfotograf . . .

Alexander von Reiswitz : Ganz sicher nicht. Ich habe eine kleine - na ja, eigentlich eine ziemlich große Aversion gegen Tierfotografie. Gegen diese Klischees vom maulaufreißenden Nilpferd. Das ist im Grunde ziemlich unverschämt. Eigentlich ist es eine Verarschung der Tiere. Das ist wie ein Trip nach Afrika, um Neger im Stil von den zehn kleinen Negerlein zu fotografieren. Man hat keinen Bezug zu den Tieren und will auch keinen haben, wenn man sich damit begnügt, ein Teleobjektiv zu nehmen und das Tier zu knipsen - von ferne ganz nah. Aber das betrifft nicht nur Tiere, das betrifft auch Menschen, das betrifft jedes Porträtfoto. Das ist Einstellungssache.

Was ist denn Ihre Einstellung? Was wollten Sie vom Tier?

Was mich begeistert, ist die Wahrnehmung des Gegenübers. Wie sieht der mich? Das versuche ich einzufangen. Meine eigene Wahrnehmung habe ich, darüber muss ich mir nicht groß bewusst werden. Was der andere in diesem Moment sieht, finde ich faszinierend.

Gab es bei den Tieren im Zoo Momente, wo Sie das Gefühl hatten, von denen wahrgenommen zu werden?

Ich hatte ein paar Regeln im Umgang mit den Tieren. Ich wollte auf jeden Fall Blickkontakt haben. Der Blickkontakt ist das Fundament. Ich denke, dass ein Tier mich wahrnimmt, auch wenn es mich nicht anguckt. Aber als Fotograf habe ich Wert darauf gelegt, dass es mich anguckt. Das hat mich auch beruhigt. Genauso wie ich will, dass Menschen mich angucken, wenn ich sie fotografiere. Das ist eine Grundvoraussetzung für ein Porträt.

Und?

Es ist gar nicht so einfach zu wissen, wann ein Tier einen anguckt. Viele Tiere haben die Augen an der Seite, schauen einen also nicht so frontal an wie Menschen das tun. Und dann guckt jedes Tier auch noch anders - der Elefant anders als ein Nashorn. Und selbst da gibt's Unterschiede. Das Breitmaulnashorn kann nur seitlich gucken, aber das Spitzmaulnashorn hat einen fast frontalen Blick. Deswegen sind die Porträts auch immer unterschiedlich.

Wonach haben Sie denn die Tiere ausgewählt - nach der Lage der Augen?

Ich hatte keinen Plan. Ich bin einfach öfters in den Zoo gegangen und habe dabei eine besondere Sympathie für Dickhäuter empfunden und auch für ein paar andere Tiere wie den Marabu. Der Vogel hat mich fasziniert, weil er eigentlich nicht wahrgenommen wird. Der steht immer in der Ecke, rührt sich nicht und wird allgemein, auch von den Tierpflegern, als potthässlich empfunden. Viele von ihnen haben mich gefragt: "Warum wollen Sie denn so ein hässliches Tier porträtieren?" Aber darum ging es ja auch, Tiere zu zeigen, die sonst nicht so wahrgenommen werden.

Wie ist der Marabu denn so?

Ich weiß nur, wie er war, als ich ihn porträtierte. Ich habe das Studio aufgebaut und sogar mit einem Kreuz die Stelle markiert, wo der Marabu stehen sollte, so wie man das bei einer Modediva macht. Das war für mich auch ein Spiel. Ich wollte es genauso machen bei einer Porträt-Session mit einem Star. Und dann führte der Tierpfleger einen verwirrten Marabu am Flügel herein. Das Tier spazierte sofort in die Hohlkehle vor die Leinwand, dann blickte er in die Kamera und rührte sich nicht mehr und starrte mich wirklich an. Ich habe wie ein Wilder ein Foto nach dem anderen geschossen, und der hat angefangen zu posieren und über seinen eigenen Schatten zu springen.

Das meinen Sie jetzt bildlich?

Nein, das meine ich so, wie ich es sage. Der Marabu hat die Schatten gesehen, die er im Studiolicht warf und hat angefangen, drüber zu springen. Für mich hat das ausgesehen wie ein Tanz.

Und für ihn - was glauben Sie?

Ihn hat das eben interessiert, er ist unheimlich neugierig. Er kam sogar ganz nahe an die Kamera und hat ins Objektiv gepickt. Ich konnte natürlich nicht wissen, was der jetzt denkt oder fühlt. Aber was mich fasziniert hat war, dass er vor der Kamera blieb, nicht fliehen wollte und unheimlich viele Aspekte von sich preisgegeben hat.

Der Marabu scheint ihre intensivste Bekanntschaft im Zoo gewesen zu sein.

Nein, es gab noch die Begegnung mit Bulette, dem Flusspferd. Das war genau das Gegenteil. Geradezu eine Flucht vor der Kamera. Uwe Fritzmann, der Tierpfleger, hatte mich gewarnt. Sind Flusspferde nicht in ihrer gewohnten Umgebung, müsse man damit rechnen, dass sie alles, was sie nicht kennen, voll pissen und voll machen. Da kann man nichts tun. Also haben wir das Studio aufgebaut, den Hintergrund, alles war wunderbar. Bulette kommt rein - macht den Hintergrund voll. Aber so richtig gesprenkelt. Das sah aus wie ein Gemälde von Jackson Pollock. Bulette muss wieder rausgeführt werden, wir machen alles sauber und warten, bis es wieder trocken ist. Dann kommt Bulette wieder rein, das Ganze geht von vorne los.

Und dann war Bulette endlich leer?

Nee, dann war sie ein bisschen genervt, weil sie nicht kapiert hat, was wir da wollen. Nach dem dritten Mal hatte sie wohl auch keine Lust mehr, sie stellte sich immer neben den Hintergrund. Ganz provokativ hat sie immer ihr Hinterteil gezeigt. Wir haben tausend Mal "Bulette!" gerufen. "Bulette! Bulette!" Es war nur noch "Bulette" in der Luft. Uwe Fritzmann kam mit Heu, ein bisschen gemütlich machen, ein bisschen streicheln, aber sie fing an zu schwitzen. Dunkelrote Schweißperlen. Da habe ich mir gesagt, vergiss den Hintergrund. Und bin zwischen den Gitterstäben durch und habe sie vor der Wand porträtiert.

Sie waren an den Wildtieren nahe dran. Wann haben Sie gemerkt: Hier ist die Grenze - hier darf ich nicht weiter?

Ich habe mich nach den Tierpflegern gerichtet. Die haben gesagt, wann es reicht. Anfangs haben die sich kaputt gelacht über uns. Ich habe viel Respekt vor diesen Menschen, die teilweise schon seit 40 Jahren mit den Tieren arbeiten. Einem Hamburger Fotografen ist mal vom Pandabären Bao Bao ein Finger abgebissen worden. Daran habe ich mich oft erinnert. Beim Nashorn, da wartete draußen ein brünstiges Weibchen. Die Session war eine Katastrophe. Das Tier stieß mit seinem Horn gegen die Wand, da hat das Haus gewackelt. An dem Tag konnten wir nichts machen.

Und warum nun das Ganze?

Es fing an damit, dass ich in der Zeitung etwas über einen Affen gelesen habe. Effi. Effi ist wieder schwanger. Ich habe erst gar nicht kapiert, wer Effi ist, und dann gemerkt, dass es um einen Affen geht. Dann fiel mir auf, dass immer wieder über Tiere berichtet wird, die Effi, Bulette oder Schlampi heißen. Die kennt in Berlin anscheinend jeder - außer mir. Und kam dann auf die Idee, diese Tiere zu porträtieren wie Stars, weil sie ja auch so behandelt werden. Über die wird wie über Stars geschrieben. Das gehört ja zur Berliner Kultur und Allgemeinbildung. Das hat mit dem langen Eingesperrtsein zu tun. Berlin war ja eigentlich auch ein Zoo. Und der echte Zoo hatte einen gewissen Status, als die Mauer noch stand. Da ging man gerne hin, um ein bisschen Freiheit zu genießen. Ausgerechnet in einem Ort, der wiederum eingesperrt war. Eine Oase. Viele Leute kennen die Tiere noch von damals, und darum wollte ich diese Helden oder Divas ebenbürtig abbilden.

Und warum immer wieder Dickhäuter?

Gefühlssache. Mit denen hatte ich einen guten Kontakt. Je näher ich an die ran ging, umso dichter wurde die Landschaft ihrer dicken Haut. Nicht wie beim Menschen: Je dichter man rangeht, umso weniger sieht man. Es war das totale Gegenteil. Darum habe ich ein paar Detailaufnahmen, wo man nur das Auge sieht. Ein Dickhäuter ist für mich wie eine Marslandschaft. Es war ein bisschen so, als wäre ich gerade auf Bulette gelandet, so wie man früher auf dem Mond gelandet ist. Ich sage dann auch den Spruch, nur leider hört mir keiner zu: Ein kleiner Schritt für mich, aber ein großer Schritt für die Menschheit. Oder für die Tierwelt. Es war wie eine Entdeckungsreise, wenn ich so nah ran ging. Und die roten Schweißperlen von Bulette waren fotografisch ein Luxus. So was könnte man künstlich gar nicht machen. Food-Fotografen verbringen Stunden damit, so was zu arrangieren.

Gehen Sie noch in den Zoo?

Momentan nur, um ein paar Tierpfleger zu besuchen. Manche sind wirklich Freunde geworden. Alle anderen Eindrücke muss ich erstmal verdauen. Ich bin kein regelmäßiger Zoogänger. Meist ging ich nur in den Zoo, wenn es mir nicht so gut ging. Tiere haben so etwas Beruhigendes. Man kann sie stundenlang anschauen. Das ist wie Meditieren. Bei Schauspielern ist es ja ein üblicher Trick, dass sie in den Zoo gehen, um sich mit Tieren für eine Rolle zu identifizieren.

Wer wären Sie, wenn Sie ein Tier wären?

Ein Marabu.

So verwirrt?

So wesensnah. Der steht da und guckt wie einer, der schon alles gesehen hat. Irgendwie . . .

Weise?

Ja, vielleicht. Und höflich. Ausgesprochen höflich ist der Marabu. Das alles färbt ab auf einen. Da ist eine starke Energie. Tiere können einen verändern. Und wenn es nur für ein paar Stunden ist.

Das Interview führten Sylke Heun und Wolfgang Büscher.

Eine Ausstellung der Fotografien wird vom 23. August bis 28. September (Dienstag bis Freitag 14 bis 18 Uhr, Sonnabend und Sonntag von 12 bis 18 Uhr) in der kleinen Orangerie im Schloss Charlottenburg zu sehen sein. Dazu erscheint in limitierter Auflage das Buch "Zoogestalten, Glamour & Dösen" (Novaton Druck, 25 Euro).