Harf Zimmermann dokumentierte in den 80er-Jahren seine Hufelandstraße, auch „Kudamm des Ostens“ genannt. Die C/O Galerie präsentiert nun diese intimen Bilder einer einzigartigen Straße. Von Lena Fließbach Hufelandstraße, 1987. Frisch gestrichen ist der Treppenaufgang, vor dem zwei Maler mit ihrer Leiter, Farbrollern und leeren Eimern stehen. Von der kommunalen Wohnungsverwaltung geschickt, hatten sie den Auftrag, innen die Hausflure in der Stadt zu tünchen. Doch außen löst sich der Putz von der Fassade des Gebäudes, bröckelt herunter und legt das rohe Mauerwerk frei. „Das war ja Planwirtschaft, und der Plan sah vor, dass Hausflure gestrichen werden sollten. Dann machten die das. Doch das hielt die Sache nicht auf. Das ganze Ding ging zum Teufel samt ihrer Farbe“, erzählt Harf Zimmermann (61). Die Tür auf dem Bild führt zum Seitenflügel des Gebäudes, in dem er zehn Jahre wohnte.
Mitte der 80er-Jahre war überall Verfall
Mitte der 80er- Jahre porträtierte er mit der Kamera seine Straße und ihre Bewohner. Überall Verfall. Das war die Kehrseite des sogenannten Volkseigentums – es fühlte sich niemand mehr verantwortlich. Doch während Teile des Prenzlauer Bergs völlig verwahrlosten, gab es an der Hufelandstraße, auch der Kudamm des Ostens" genannt" einen rätselhaften, besonderen Zusammenhalt. Hier achteten die Menschen aufeinander. Sie fühlten sich mit „ihrer“ Straße verbunden und waren bemüht, ihren Kiez zu erhalten.
Bötzowviertel war nahezu intakt geblieben
Vielleicht lag das auch an der Schönheit dieses Quartiers. Das Bötzowviertel hatte den Krieg gut überstanden, es war nahezu intakt geblieben. Hohe Linden und eindrucksvolle Altbauten aus der Gründerzeit säumten die Straße. Hier existierten noch viele kleine, private Läden, die im Sozialismus eigentlich nicht mehr vorgesehen waren, sondern in die Handelsorganisation oder Konsumgenossenschaft eingegliedert werden sollten. Es gab den schwulen Kellner, der mit roten Pumps und Kunstpelz auf seinem Motorroller durch das Viertel fuhr und laut auf den Sozialismus schimpfte. Oder den Klavierbauer namens Franz List, der den unbekannten Fotografen nur fragte, ob er von der Stasi sei, um ihn dann in seine Ladenwohnung einzuladen. „Der pfiff auf das ganze System“, erzählt Zimmermann. Doch den Anwohnern dieses Quartiers passierte nichts. „Die Leute hier lebten unter einem besonderen Protektorat. Es galten hier nie die harschen Regeln wie anderswo.“
Das Geheimnis des Biotops
Warum verhielten sich die Bewohner der Hufelandstraße anders als in den umliegenden Vierteln, was war das Geheimnis dieses Biotops? Diesem Rätsel wollte Harf Zimmermann mit seinem Fotoprojekt nachgehen, das gleichzeitig seine Diplomarbeit bei Arno Fischer an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig war. Die C/O Galerie präsentiert nun diese intimen Bilder dieser einzigartigen Straße. Zimmermann fotografierte Kinder auf der Straße, Fleischer, Friseure, Bäcker und Bierlieferanten. „In bestimmte Läden habe ich mich nicht hereingetraut“, meint er. Begonnen hatte er sein Projekt mit den Nachbarn, mit denen er leicht ins Gespräch kam. Als er schließlich die verbliebenen Läden betrat, sagten die Inhaber: „Und wir dachten schon, zu uns kommen Sie gar nicht.“
Fotografische Typologie der deutschen Gesellschaft
Sie ahnten, dass der Fotograf die Absicht hatte, eines Tages jeden Winkel und alle Anwohner der Hufelandstraße zu porträtieren. Da war die Familie, die in einem Zimmer einen Partyraum mit Hausbar eingerichtet hatten. Das Ehepaar mit Hund Putzi, Tischchen und Sonnenschirm im Hinterhof, das für das Foto ihre Verlobungsanzüge herausgekramt hatte. Die Inhaber des „Wild und Geflügel“-Geschäfts, die sich voller Würde und Selbstbewusstsein vor ihrem Laden präsentierten, weil sie wussten, dass sie eine Machtposition hatten. Zimmermann ließ sich für sein Vorhaben von Fotografen wie Bruce Davidson inspirieren, der in New York für sein Projekt „East 100th Street“ einen Wohnblock in East Harlem und seine Anwohner ablichtete, als auch von August Sander und seiner fotografischen Typologie der deutschen Gesellschaft.
Passanten machten Witze
Zimmermann untersuchte, wie die Leute sich vor der Kamera präsentierten, ob sie ihre Wohnung aufräumten oder sich für das Foto zurecht machten. Seine teils hölzernen, großen Plattenkameras mit Stativ und schwarzem Tuch standen im Mittelpunkt des Geschehens. Die Menschen mussten aufgrund der langen Belichtungszeiten stillhalten. Da passierte es auch, dass Passanten Witze machten: „Machste hier jetzt eenen uff Arbeiterdenkmal?“, fragten die Leute den Schuhmacher, der sich für das Foto vor seinem Laden aufgestellt hatte.
Keine Spuren von Heimat mehr
Wer braucht heute noch eine Gardinenspannerei oder bringt seine kaputten Nylonstrumpfhosen zur Laufmaschenreparatur? An kaum einem anderen Ort war die rasante Gentrifizierung so zu beobachten wie hier. Im Zeitraffer, wenn Zimmermann dann und wann zurückkehrte, erlebte er die Veränderungen in der Straße. „Die alten Bewohner, die schrägen Vögel, sind nicht mehr da. Jetzt sehen alle aus wie in einem Bilderbuch, wie in einer Playmobilstadt.“ Die Sanierung der Gebäude und die Rettung der Bausubstanz empfand er jedoch als Gewinn: „Die Straße ist gewissermaßen gerettet vor dem sicheren Untergang.“ Zimmermann stört aber, dass heute alles so angestrichen aussieht, so geleckt. Nicht nur die Fassaden sind verputzt, die Mieten explodiert und die damaligen Bewohner verschwunden – es sind keine Spuren der Geschichte und Heimat mehr zu finden.
Information
C/O Berlin, Hardenbergstr. 22-24, tgl- 11-20 Uhr. Bis 2. Juli

