Verkehr in Berlin

Darum wurde die Friedrichstraße Sonnabend zur Fußgängerzone

Ein Verkehrsbündnis sperrte am Sonnabend die Geschäftsstraße für zwei Stunden, denn sie soll attraktiver werden.

Verkehrsaktivisten wollen die Friedrichstraße für Autos sperren. Eine erste Aktion fand Sonnabend statt.

Verkehrsaktivisten wollen die Friedrichstraße für Autos sperren. Eine erste Aktion fand Sonnabend statt.

Foto: Jürgen Quoos

Mitte. Passanten drängen sich aneinander vorbei auf dem schmalen Bürgersteig. Neben ihnen brausen Autos die Friedrichstraße entlang – wenn sie nicht gerade im Stau stehen. Wie eingepfercht wirkt die gesamte Straße in den engen Korridor zwischen den Häuserfassaden. Viele Menschen sind unterwegs. Sich wirklich gerne hier aufzuhalten scheinen die wenigsten. Das will ein Bündnis von Berliner Aktivisten ändern. Es sei ganz einfach, sagen sie: Die Friedrichstraße muss nur autofrei werden.

Um zu zeigen, dass es geht und wie sich die Geschäftsstraße ohne Lärm, Enge und schlechte Luft der Autos anfühlt, plante die Initiative „Stadt für Menschen“ am Sonnabend die Sperrung der Friedrichstraße. Zwei Stunden fuhr ab 13 Uhr kein Auto zwischen der Tauben- und Kronenstraße. „Wir wollen die Friedrichstraße für zwei Stunden vom Autoverkehr befreien“, sagt Stefan Lehmkühler, Koordinator des Netzwerks Fahrradfreundliche Mitte beim Verein Changing Cities und einer der Organisatoren der Aktion.

Ziel sei, dass Passanten vor Ort ihre eigenen Ideen für die Zukunft der Straße entwickeln würden. Ganz frei von der Vorstellung, hier müssten zwingend Autos entlangfahren. Begleitet wurde die zweistündige Auszeit für die Friedrichstraße mit Diskussionsrunden mit Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel, Verkehrsstadträtin Sabine Weißler (beide Grüne), Finanzsenator Matthias Kollatz (SPD) und anderen. „Verkehrlich ist die Straße nicht wichtig“, sagt Lehmkühler. Trotzdem dominiere der Durchgangsverkehr. „Wir wollen die Straße wieder attraktiver machen.“

Unter den Linden breit genug für Fußgänger

Innenstädte attraktiver machen, indem man Autos von den Straßen verbannt. Europäische Großtstädte griffen zuletzt immer öfter zu der Maßnahme. Paris sperrte 2016 das rechte Seineufer für Autos. Zuvor rollten über die Schnellstraße täglich 40.000 Pkw durch die französische Hauptstadt. Insgesamt wurden in der französischen Hauptstadt sieben große Verkehrswege zu Fußgängerzonen samt Radwegen umgebaut. Das linke Seineufer soll noch folgen. 2017 erklärte Brüssel eine der am stärksten befahrenen Straßen im Zentrum der belgischen Hauptstadt zur Fußgängerzone.

Als möglicher Auftakt für eine autofreie Zone in Berlins Zentrum galt unter Rot-Rot-Grün die Straße Unter den Linden. Im Koalitionsvertrag heißt es, man wolle den Boulevard für Autos sperren. Passiert ist seitdem wenig. Es gibt Bedenken gegen das Projekt. Aktuell plant die Senatsverkehrsverwaltung eine Machbarkeitsstudie. Kritik an den Plänen gibt es seit längerem vom ADAC. Unter den Linden sei so breit, dass schon jetzt für alle Verkehrsteilnehmer genügend Platz vorhanden ist.

Zudem seien die Ersatzrouten Leipziger Straße und Torstraße schon jetzt überlastet. So war es letztlich der Autofahrerclub selbst, der die Friedrichstraße als alternative Fußgängerzone ins Spiel brachte. Im Gegensatz zu Unter den Linden gebe es hier „eine Reihe von alternativen Routen auf der Nord-Süd-Verbindung, die man für den Fall prüfen, beziehungsweise ausbauen könnte“, so eine ADAC-Sprecherin. Auch spiele sich auf der Friedrichstraße „mehr urbanes Leben ab als Unter den Linden“.

Senatsverkehrsverwaltung begrüßt die Aktion

Eine kurzzeitige Sperraktion wie am Sonnabend unterstützt man auch in der Senatsverkehrsverwaltung. „Vorschläge und Demonstrationen, wie der Stadtraum anders als nur für den Auto-Verkehr zu nutzen ist, begrüßen wir“, sagte Sprecher Jan Thomsen. Vor einer Umsetzung müssten aber verkehrliche Untersuchungen der Folgewirkungen stehen. Am Ende gehe es um eine lebenswerte Stadt für alle.

Lebens- und aufhaltenswert ist es auf der Friedrichstraße immer weniger. Trotz Touristenboom und stetigem Bevölkerungswachstum in Berlin gehen die Kundenzahlen in der Friedrichstraße zurück, ergab eine Untersuchung des Immobiliendienstleister Jones Lang LaSalle (JLL), über die zuerst der „RBB“ berichtete. Auf dem Abschnitt zwischen der Spree im Norden und der Leipziger Straße im Süden seien aktuell 30 Ladenflächen leer oder werden demnächst frei – fast 24 Prozent der Einzelhandelsflächen vor Ort und damit mehr als doppelt so hoch wie durchschnittlich in deutschen Einkaufsstraßen.

Wenig begeistert vom Zustand der Friedrichstraße ist Mittes Bürgermeister Stephan von Dassel. „Berlin muss ein Interesse haben, dass die Friedrichstraße läuft.“ Er glaubt, die Einkaufsstraße hätte schon nach der Wende neu gedacht werden müssen: „Hätte man damals die Friedrichstraße als Fußgängerzone konzipiert, wäre sie heute in einem besseren Zustand.“ Zum Einkaufen fahre heute niemand mit dem Auto in die Friedrichstraße. Alle führen nur durch. Von Dassel ist dennoch zurückhaltend, was die schnelle Einführung einer autofreien Friedrichstraße angeht. Grundsätzlich sei er dafür. Es müsse jedoch in ein Gesamtkonzept eingebunden sein.

Ähnlich steht er zu noch weitreichenderen Sperrungen in Mitte. „Ich kann mir eine Autofreie Innenstadt vorstellen. Aber die Alternative kann nicht sein, alle fahren nur noch mit dem Fahrrad.“ Erst recht nicht, wenn der öffentliche Nahverkehr schon jetzt überfüllt sei und die U-Bahnlinien nur unregelmäßig kämen. Testweise könnte die Friedrichstraße dennoch autofrei werden. Von Dassel schlägt vor, die Straße regelmäßig an verkaufsoffenen Sonntagen für Autos zu sperren. Ähnliches planen auch die Initiatoren der Sperraktion am Sonnabend. Zu Ostern wollen sie die Friedrichstraße wieder autofrei machen, zumindest für ein paar Stunden.

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