Werbeplakate

Berlin-Mitte verbietet sexistische Werbung

Der Bezirk Mitte setzt eine Jury ein. Sie soll Beschwerden aus der Bevölkerung nachgehen.

Nach Friedrichshain-Kreuzberg kann sexistische Werbung nun auch in Mitte zu einem Verbot führen

Nach Friedrichshain-Kreuzberg kann sexistische Werbung nun auch in Mitte zu einem Verbot führen

Foto: imago stock / imago stock&people

Berlin. Auch der Bezirk Mitte sagt jetzt nackter Haut auf Werbeplakaten den Kampf an und will gegen sexistische Werbung in der Öffentlichkeit vorgehen. „Wir haben auf Wunsch der Bezirksverordneten jetzt eine Jury gegründet, die sich mit dem Thema beschäftigt“, verkündete Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) am Montag.

Orientieren will sich Mitte zwar am Nachbarbezirk Friedrichshain-Kreuzberg, wo es bereits seit 2014 einen entsprechenden Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung gibt. „Wir haben die Kriterien aber ergänzt“, erklärt Mittes Gleichstellungsbeauftragte Kerstin Drobick. Demnach liege zwar auch in Mitte „geschlechterdiskriminierende Werbung“ vor, wenn zum Beispiel „Frauen und/oder Männer auf abwertende Weise dargestellt werden“, „die Personen in rein sexualisierter Funktion als Blickfang dargestellt werden, insbesondere dürfen keine bildlichen Darstellungen von nackten Körpern ohne direkten inhaltlichen Zusammenhang zum beworbenen Produkt verwendet werden“, „eine entwürdigende Darstellung von Sexualität vorliegt oder die Person auf ihre Sexualität reduziert wird“. Ergänzt hat Mitte den Katalog auch noch um die Kriterien wie „Körperform“, „Gewicht“ und „Hautfarbe“, sagt Kerstin Drobick.

„Probleme bei kleinen und mittelständischen Firmen“

Tätig werden soll die Jury des Bezirks Mitte aber nicht von sich aus, sondern erst, wenn eine entsprechende Beschwerde aus der Bevölkerung vorliege. „Erst dann berufe ich die Jury ein“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte. Drobick räumt indes ein: „Wenn man so zu Fuß durch die Stadt geht, stellt man fest, so viel ist es tatsächlich eigentlich nicht.“ Das Problem sieht sie persönlich eher bei kleinen oder mittelständischen Unternehmen, „die teilweise schon komische Sachen auf ihre Lkws drucken“.

Auf der Grünen Woche seien ihr kürzlich Gewürztütchen aufgefallen. Es habe eine Version für Frauen gegeben, auf denen ein Mann mit muskulösem Oberkörper abgebildet war, und eine zweite für Männer: „Und natürlich hat die Frau darauf exorbitante Brüste.“ Da fragt man sich schon, ob das eigentlich sein müsse. Das Bezirksamt bietet deshalb nun ein Online-Formular auf seiner Internetseite an, auf dem jeder, dem eine sexistische oder diskriminierende Werbung im Bezirk auffalle, dies melden könnte. Die Jury wird dann über das weitere Vorgehen entscheiden, sagt Drobick.

In Berlin gilt das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg als Vorreiter in Fragen des Umgangs mit sexistischer Werbung. So hat der Bezirk einen Handlungsleitfaden „Sexism shouldn’t sell“ herausgegeben, der auflistet, was aus Sicht des Bezirks diskriminierende und Frauen herabwürdigende Werbung ist. So treffe dies zu, wenn Reklame vermittle, „dass Frauen zwar schön sind (das schöne Geschlecht), aber (willens-)schwach, hysterisch, dumm, unzurechnungsfähig, naiv, ausschließlich emotionsgesteuert“.

Frauen sollen nicht "fürsorglich" oder "schön" dargestellt sein

Auch treffe dies zu, wenn die Werbung vermittle, Frauen seien „nicht so klug, strategisch, handwerklich geschickt wie heterosexuelle, gesunde Männer“ oder dass sie „kompliziert, hilfsbedürftig, fürsorglich, mit großer Freude im Haushalt beschäftigt, konsumsüchtig, abhängig, verführerisch, schön etc. sind“. Der Bezirk hat aber im vergangenen Jahr auch eine Kampagne gestartet. Von der Homepage des Bezirkes lässt sich eine „Rote Karte“ herunterladen, die als Protestnote an ein Unternehmen gesendet werden kann, das mit seiner sexistischen Werbung auffällt. Auf der Karte steht „Herzlichen Glückwunsch! Sie haben gerade mit Ihrer sexistischen, diskriminierenden und frauenfeindlichen Werbung eine Kundin verloren ... und Sie wissen: Eine Kundin zieht 10 weitere nach sich.“

Die Werbebranche scheint sich dem Trend inzwischen anzupassen. So zeichnet das Internetportal pinkstinks.de Werbekampagnen aus, die mit Geschlechtsrollenstereotypen brechen und gesellschaftliche Vielfalt feiern. Auch der britische Werberat, die Advertising Standards Authority (ASA), hat 2017 eine Studie zu den Auswirkungen von Gender-Marketing in Auftrag gegeben. Laut der Studie bewirken Stereotype in der Werbung, dass Mädchen sich noch immer scheuten, auf den Tisch zu hauen, und Jungen, ihre Gefühle zu zeigen.

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