Daniel Libeskind

Warum Berlin kreative Architektur braucht

Daniel Libeskind, Architekt des Jüdischen Museums, baut in Berlin-Mitte sein erstes Wohnhaus. Mit seiner Titan-Zink-Fassade und den vielen spitzen Winkeln erinnert es an den weltbekannten Bau.

Foto: Libeskind

Die Fassade schimmert in der Sonne wie polierter Stahl, schroffe Vorsprünge und das wie ein Schiffsbug steil aufragende Dach heben das Gebäude deutlich aus dem umgebenden Häuserblock. Und erinnern entfernt an das Jüdische Museum mit seiner Titan-Zink-Fassade und den vielen spitzen Winkeln in den Wänden. Die Ähnlichkeiten sind kein Zufall, denn die Pläne für das Wohnhaus, das an der Chausseestraße Ecke Schwartzkopffstraße errichtet werden soll, stammen von Daniel Libeskind. Der amerikanische Architekt, in Berlin vor allem bekannt als Schöpfer aufsehenerregender Museumsbauten, wird schräg gegenüber von der neuen Zentrale für den Bundesnachrichtendienst sein erstes Wohnhaus in Berlin gestalten.

Baustart für das Gemeinschaftsprojekt der Initiatoren Holger Rausch (Minerva Immobilien) und Reiner Bahr (econcept Immobilien) soll im Frühjahr kommenden Jahres sein. Die Fertigstellung ist für Herbst 2015 geplant. „Wir wollen hochwertige Architektur zu normalen Baupreisen schaffen“, erläutert Rausch. Mit Daniel Libeskind werde dies gelingen, ist Rausch sich sicher.

„Jedes Haus sollte einmalig und erinnerbar sein“

Das ist auch Daniel Libeskind. „Jedes Haus sollte einmalig und erinnerbar sein, wenn es denn in die Straße passt“, so der 67-jährige, der zur Vorstellung des Projektes am Freitag aus Tel Aviv anreiste. Langweilige Architektur gebe es schließlich genug. Und für jeden Architekten, so Libeskind weiter, gehe es schließlich nicht darum, das beste Museum zu bauen, „sondern die besten, bezahlbaren Wohnungen für das Alltagsleben“. Der soziale Aspekt sei ihm wichtig. Berlin habe mit den Siedlungen im Bauhaus-Stil der 20er-Jahre dafür gute Vorbilder. Berliner seien zudem kreative Menschen. „Sie sind nicht langweilig – und verdienen deswegen auch Architektur, die nicht langweilig ist. Berlin verdient kreative Architektur“, so Libeskind. Dafür wolle er ein Beispiel geben.

Insbesondere bei der Fassadengestaltung will Libeskind neue Wege beschreiten. Die Fassade ist nicht mit Metall verkleidet, sondern aus speziell für dieses Gebäude angefertigten italienischen Tonfliesen, die mit Metallpulver beschichtet werden. „Das Material hat eine hervorragende Ökobilanz“, so der Architekt. Zudem wirke es, anders als reine Metallfassaden, nie leblos und kalt. „Je nach Lichteinfall schillert das Haus in Bronze-, Grün und sogar Blautönen“, sagt Libeskind. Anders als bei Metallfassaden werde die Fliese durch einen speziellen Lotos-Effekt quasi selbstreinigend sein. Das spare Kosten.

Platzsparende Grundrisse

„Gute Architektur hat nichts mit goldenen Wasserhähnen und Marmor zu tun“, betont Libeskind. Vielmehr gehe es darum, lebenswerte Räume zu schaffen. Kostspielige Materialen seien da nicht hilfreich. „Wir wollen nicht nur für Reiche bauen“, sagt er. Für welchen Preis die 73 Wohnungen im Libeskind-Haus am Ende vermietet werden sollen, steht jedoch noch nicht fest. „Wir kalkulieren mit zwölf bis 15 Euro pro Quadratmeter“, so Rausch. Allerdings zeichne sich das Wohnhaus durch seine kompakten Grundrisse aus. Es gibt viele kleine Wohnungen ab einer Größe von 36 Quadratmetern, die größte im Dachgeschoss mit 173 Quadratmeter. „Allerdings ist dieses Penthouse wirklich die einzige Wohnung dieser Größenordnung“, ergänzt Bahr. Auch Libeskind betont, wie wichtig es ihm sei, mit guten Grundrissen platzsparend zu bauen. Nur so könne die wachsende Stadt den gestiegenen Wohnungsbedarf langfristig decken, sagte er.

Libeskind, der selbst viele Jahre in Berlin lebte und arbeitete und dessen Sohn und Enkelkinder Berliner sind, hat die aktuelle Debatte um die sich abzeichnende Wohnungsnot in der Stadt aufmerksam verfolgt. Insbesondere zu der Frage, ob das Tempelhofer Feld am Rand mit Wohnungen bebaut werden soll, wie dies der Senat plant und wogegen sich ein derzeit laufendes Volksbegehren ausspricht, hat er eine dezidierte Meinung. „Man kann doch dieses alte Nazi-Gebäude nicht als Monument der Vergangenheit allein dort stehen lassen“, so Libeskind. Man solle diesen Ort in bester zentraler Lage nutzen „und zwar nicht nur zum Freizeitvergnügen“, fordert der in Polen geborene Architekt jüdischer Abstammung, der seit 1965 die amerikanische Staatsbürgerschaft hat. Berlin könne nicht einfach immer weiter in die Breite wachsen sondern brauche eine Konzentration auf das Zentrum. „Wir brauchen Platz für Familien mitten in der Stadt“, so Libeskind. Nur so ließe sich auch die städtische Infrastruktur optimal nutzen.

Dabei dürfe aber auch die Individualität der Gebäude nicht vernachlässigt werden. „Wohnhäuser dürfen doch nicht einfach wie eine Salami in gleichgroße Scheiben geschnitten werden“, nennt er ein Erfordernis an die moderne Miethausarchitektur. Die Bedürfnisse der Bewohner seien schließlich unterschiedlich. Darauf müssten die Planer viel mehr reagieren. „Am Ende ist ein Haus keine Maschine. Man braucht auch ein wenig Poesie in seinem Alltag.“

Das Schloss als Disney-Version

Ebenso eindeutig ist Libeskind in seiner Haltung zum Wiederaufbau des Berliner Schlosses in Mitte. „Das Schloss wieder aufzubauen, ist doch eine plumpe Lösung“, findet der Architekt. Man könne die Vergangenheit ohnehin nicht wieder herstellen. „Allenfalls eine Disney-Version“, befürchtet er. Berlin, so seine Auffassung, solle sich lieber darauf konzentrieren, Zukunft zu gestalten.

Angesprochen auf seine eigene Zukunft sagt der in New York lebende Planer, er sei offen für weitere Ortswechsel. Der Umzug von Berlin nach New York im Jahr 2003 erfolgte in erster Line, weil er im gleichen Jahr den Wettbewerb für den Neubau des World Trade Centers gewonnen hatte. Die Bauaufgabe haben mittlerweile jedoch andere übernommen. In Deutschland baut Libeskind aktuell für die Universität in Lüneburg das neue Zentralgebäude. Das Bauvorhaben steht jedoch unter keinem guten Stern. Schon jetzt belaufen sich die Kosten laut Angaben des niedersächsischen Wissenschaftsministerium auf 76,1 Millionen Euro. Ursprünglich waren 57,7 Millionen Euro geplant. Im kommenden Jahr soll das Gebäude eröffnet werden.

Dass die Kosten auch an der Chausseestraße aus dem Ruder laufen, befürchten die Bauherren Rausch und Bahr jedoch nicht. „Wir haben volles Vertrauen in Daniel Libeskind“, sagt Rausch.

Prominente Gäste bei Vorstellung des Entwurfs

Um einen ersten Blick auf den Entwurf von Daniel Libeskind für ein Wohnprojekt in der Chausseestraße zu werfen, waren am Freitagabend zahlreiche Berliner in den temporären Ausstellungsraum L17 an der Lehrter Straße gekommen. Dort stellte der Architekt des Jüdischen Museums seine Idee für einen Gebäudekomplex vor, der Wohnen, Freizeit und Arbeiten verbindet. „Wohnraum zu entwerfen, ist für mich eine ganz besondere Herausforderung. Niemand sollte einfach nur in einer Box wohnen“, sagte er. Neben dem ehemaligen US-Botschafter John C. Kornblum feierten auch Opernsängerin Nadja Michael und Unternehmerin Isa Gräfin von Hardenberg.

Foto: Amin Akhtar