Stadtschloss

Von der „postmodernen Vergewaltigung“ des Berliner Schlosses

Vor Kurzem forderte Architekt Stephan Braunfels eine Neuplanung des Berliner Stadtschlosses. Florian Mausbach, Ex-Chef des Bundesamtes für Bauwesen, hat im jetzt geantwortet.

Foto: Stephan Braunfels Architekten

Die Baugrube ist ausgehoben, der Grundstein für das Berliner Stadtschloss gelegt, und die Kellerwände stehen bereits. Der Bau ist in vollem Gange, da forderte Architekt Stephan Braunfels vor etwas mehr als einer Woche eine radikale Neuplanung der Bebauung auf dem Schlossplatz in Mitte. Zugleich legte er eigene Pläne und eine neue Kalkulation vor.

Nach seinen Plänen könne das derzeit auf 590 Millionen Euro veranschlagte Projekt bis zu 100 Millionen Euro billiger werden, erklärte er und schlug vor, drei Seiten des neuen Museumsbaus wie geplant und vom Bundestag beschlossen nach dem historischen Vorbild zu errichten. Auf den modernen Ostflügel, so wie es der Entwurf des Architekten Franco Stella vorsieht, solle man verzichten, so Braunfels. Der Entwurf des Italieners wurde im November 2008 mit dem ersten Preis ausgezeichnet.

In einem Leserbrief an die Berliner Morgenpost übt Florian Mausbach, ehemaliger Präsident des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung, scharfe Kritik an dem Vorschlag des Münchner Architekten Stephan Braunfels, Änderungen an den in der Realisierung befindlichen Bauplänen vorzunehmen.

Postmoderne Vergewaltigung der architektonischen Idee

Und so argumentiert Mausbach: „Ziel des Architektenwettbewerbs 2008 war, die über Jahrhunderte von großen Baumeistern gestaltete städtebauliche Komposition zurückzugewinnen, deren Mittelpunkt der Kubus des Schlosses mit seinen zwei Höfen ist: Ein Schloss, das sich nach außen verschließt, um sich nach innen überraschend zu öffnen. Drei Barockfassaden sollten wieder erstehen, die Nord-, West- und Südfassade sowie die drei Barockfassaden des Schlüterhofs, die Ostfassade des Kubus in moderner Architektur. Braunfels’ Entwurf schied aus, weil er gegen die Wettbewerbsauslobung verstieß.

Er verdreht und verkehrt den Schlüterhof, macht die Ostseite, die barocke Schauseite des Schlüterhofs, zur Westseite, um den Hof nach Osten aufzureißen. Diese Kulissenschieberei wäre nicht nur die postmoderne Vergewaltigung der architektonischen Idee eines bedeutenden europäischen Barockbauwerks, sondern auch die endgültige Zerstörung der Geschichte dieses Ortes.

Der ist nicht nur symbolischer Mittelpunkt brandenburgisch-preußischer Geschichte, sondern auch der deutschen Geschichte samt ihrer Revolutionen. Das Schloss war nur als kurfürstliches Renaissanceschloss, als Herrschaftsbau gegenüber der Bürger- und Handwerkerstadt Alt-Berlins, nach Osten gerichtet, später nach Süden zu Schlosshof und Breite Straße, schließlich mit der Stülerschen Kuppel nach Westen zur Prachtstraße Unter den Linden. Einen Ehrenhof als Empfangshof mit offenen Flügelarmen wie beim Schloss Bellevue gab es nie. Schon gar nicht hin zur Bürgerstadt Alt-Berlins mit dem Rathaus. Die nationale politische Mitte der Bundeshauptstadt liegt heute vor dem Brandenburger Tor im Spreebogen.

Neue Mitte der Hauptstadt ein surreales Szenario

Deshalb ist die von Braunfels vorgeschlagene Monumentalachse vom Schloss zum Fernsehturm – mit einer stramm stehenden Ehrenformation von Bauten in Reih und Glied – als neuer Mitte der Hauptstadt ein surreales Szenario. Der verkehrte Schlosshof breitet in demutsvoller Geste seine Flügelarme aus zum Fernsehturm als übergroßem Götzenbild. Was will der Architekt uns damit sagen? Nichts. Es ist ein inhaltsleerer und geschichtsloser pathetischer Formalismus.“

Der Vorschlag Braunfels’, auf die Ostfassade zu verzichten, ist hingegen nicht neu. Mit diesem Entwurf ist er 2007 in der ersten Runde des Architekten-Wettbewerbs ausgeschieden. Die Wettbewerbsbedingungen lauteten, dass die Nord-, West- und Südfront nach historischem Vorbild gestaltet werden sollten. Freie Hand hatten die Architekten bei der Gestaltung der Ostfassade, der Kuppel sowie, bis auf den Schlüterhof, beim Inneren des Humboldt-Forums.

Die Forderungen Braunfels’ – er plante die Bundestagsbauten im Spreebogen – haben in den vergangenen Tagen für eine breite Diskussion gesorgt. Der reichlich späte Vorschlag wurde in Architekturkreisen und bei den Bauherren des Berliner Schlosses, der Stiftung Berliner Schloss-Humboldt-Forum als „totaler Quatsch“ bezeichnet. Tobias Nöfer, Vorstandsmitglied des Architekten- und Ingenieurvereins zu Berlin (AIV), nannte den Vorschlag Braunfels’ die „Profilneurose eines Architekten im Rentenalter“.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.