Jüdische Museum

W. Michael Blumenthal - Ein Glücksfall für Berlin

W. Michael Blumenthal wuchs in Berlin auf. Nach der Pogromnacht gelang seiner Familie und ihm noch rechtzeitig die Flucht aus Nazi-Deutschland. Heute ist der 87-Jährige Direktor des Jüdischen Museums.

Foto: Amin Akhtar

Alles ist ein bisschen anders. Es ist eines der wenigen größeren Büros im Libeskind-Bau, die verschrägten Fenster scheinen aus dem Rahmen zu fallen, einen Schreibtisch samt Computer gibt es nicht, nur einen mittelgroßen Konferenztisch, auf dessen Mitte ein schwerer Aschenbecher ruht. Darin der Rest der ersten Zigarre des Tages, deren schwerer, aber keineswegs unangenehmer Duft noch den Raum erfüllt und das Gefühl großväterlicher Gemütlichkeit verbreitet. „Und dass ich am Ende meiner vielfältigen Karriere wieder so viel Zeit in Berlin verbringe, mich mit deutsch-jüdischer Geschichte befasse und ein Museum leite – das hätte ich mir auch nie träumen lassen.“

W. Michael Blumenthal ist seit 1997 Direktor des Jüdischen Museums Berlin. Er kam als Helfer in der Not. Damals wurde darüber gestritten, ob das ehemalige Berliner Stadtmuseum im früheren Kammergerichtsgebäude (1734/35 vom Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. in Auftrag gegeben) um den Libeskind-Neubau erweitert in ein eigenständiges Jüdisches Museum umgewandelt oder das Berlin-Museum nur um eine Jüdische Abteilung erweitert werden sollte.

Blumenthal schaffte es, den Regierenden Bürgermeister jener Jahre, Eberhard Diepgen, davon zu überzeugen, dass Berlin ein selbstständiges Museum zur deutsch-jüdischen Geschichte braucht. Heute ist das Museum in der Kreuzberger Lindenstraße eines der meistbesuchten in der Stadt. Der Direktorenposten ist ein Ehrenamt.

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„Ich dachte, ich hätte mit Deutschland abgeschlossen. Berlin war schon lange nicht mehr meine Heimat, und über die deutsch-jüdische Geschichte wusste ich bis vor 15 Jahren auch nur wenig. Als ich damals dennoch das Angebot angenommen habe, für ein solches Museum ein Konzept zu entwickeln, dachte ich an 18 bis 24 Monate, an ein kurzes Abenteuer. Jetzt mache ich es mit großer Freude. Außerdem ist es eine Genugtuung für mich, in einem demokratischen Deutschland wieder bekannt zu werden und einen Beitrag zum sozialen Zusammenleben in diesem Land leisten zu können.“

Seine Eltern hatten am Olivaer Platz ein Geschäft für Damenmoden

Der heute 87 Jahre alte Michael Blumenthal wurde auch deshalb zum entscheidenden Geburtshelfer des Museums auserkoren, weil er als ehemaliger US-Finanzminister unter Präsident Jimmy Carter und als Topmanager weltweit bestens vernetzt ist, als Amerikaner viel vom Spendensammeln versteht, ohne das das ehrgeizige Museumsziel schwerlich erreichbar wäre, und nicht zuletzt wegen seiner deutschen Wurzeln. Die jüdischen Blumenthals lebten seit dem 17. Jahrhundert im Raum Berlin/Brandenburg. Dazu spricht der allein nach Lebensjahren alte Herr ein unverändert fast perfektes Deutsch, ist noch immer hellwach, steckt voller Ideen und Energie.

W. (Werner) Michael Blumenthal wurde am 3. Januar 1926 in Oranienburg geboren. In Berlin wuchs er auf, seine Eltern hatten am Olivaer Platz ein Geschäft für Damenmoden. Nach der Pogromnacht vor 75 Jahren, der an diesem Wochenende in Berlin erstmals auch die Konferenz orthodoxer europäischer Rabbiner gedenkt, gelang Vater und Mutter 1939 zusammen mit Sohn und Tochter per Schiff die Flucht aus Nazi-Deutschland nach Shanghai. Dort lebten sie unter erbärmlichen Bedingungen, bis Michael 1947 nach Amerika auswandern konnte. 1952 wurde er amerikanischer Staatsbürger.

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Vier bis fünfmal im Jahr fliegt Mister Blumenthal jetzt für ein paar Tage aus New York nach Berlin, um neue Konzepte zu besprechen und Sponsoren für Projekte zu gewinnen. Ist er in Amerika, hält er fast täglichen Kontakt mit den Berliner Kollegen. Wie erklärt er den Erfolg seines Museums? Mehr als acht Millionen Menschen haben es seit der Eröffnung 2001 besucht, jährlich etwa 750.000; damit ist es zu einem der bestbesuchten Berliner Museen geworden. „Das war auch für mich eine große Überraschung. Ich glaube, dafür gibt es zwei Gründe. Der erste ist die Neugier auf die Architektur von Daniel Libeskinds Neubau. Der zweite ist der Inhalt. Mittlerweile ist das Interesse an den Inhalten aber größer geworden als an dem Äußeren. Dank unserer modernen Ausstellungsmethoden ist es uns gelungen, das Haus für junge Menschen interessant zu machen. Schulkinder gehen ja eigentlich nicht so gern in ein Museum. Weil sie bei uns aber interaktiv selbst eingreifen, ist unser Angebot insgesamt so attraktiv. Die Jugendlichen lernen auch etwas über das Alltagsleben der Juden und deren Kultur in Deutschland, nachdem sie in der Schule nur von Shoah und Verfolgung gehört haben. Und sie entdecken, in welchem Ausmaß Juden die Geschichte Deutschlands mitgeprägt haben.“

Notwendigkeit von Toleranz und Akzeptanz

Doch längst wollen Blumenthal und sein Team mehr als Erinnerung. Sie wollen Geschichte aktuell mit der Notwendigkeit von Toleranz und Akzeptanz verknüpfen. Und damit einen Beitrag für eine erfolgreichere Integrationspolitik auch in Deutschland leisten. Gegenüber dem Haupteingang des Museums ist vor einem Jahr in den Hallen des früheren Blumengroßmarkts die Akademie des Jüdischen Museums eröffnet worden. Sie vereint Bibliothek, Archiv und Museumspädagogik unter einem Dach. Sie bietet aber vor allem den lange vermissten Platz, um rund um die Thematik Migration und Zusammenleben unterschiedlicher Religionen und Kulturen zu arbeiten und zu forschen. „Die Geschichte des Verhältnisses zwischen Juden und Nichtjuden über die Jahrhunderte liefert eine gute Parallele dafür, dass in guten Zeiten beide ihren Nutzen hatten und es den einen wie den anderen geschadet hat, wenn die Beziehungen schlecht waren. Wenn wir in der Akademie die deutsch-jüdische Geschichten studieren und daraus Lehren ziehen, wie Menschen verschiedener Kulturen verständnisvoll zusammenleben können, könnten wir Spannungen beim Zusammenleben in diesem Land mindern“, hofft Blumenthal.

Die konkrete Arbeit daran hat gerade begonnen. Die Akademie hat ein Netzwerk gesponnen, das Wirtschaftsunternehmen und Universitäten ebenso einschließt wie NGO, muslimische Institutionen oder Sinti und Roma. Außerdem sollen Ergebnisse aus der nationalen und internationalen Migrationsforschung ausgewertet und veröffentlicht werden.

Schon im vergangenen Jahr ist das Programm „Vielfalt in Schulen“ angelaufen. Mit ihm werden exemplarisch Bildung und Toleranz an drei Berliner Schulen mit 800.000 Euro gefördert. Außerdem hat das Jüdische Museum Berlin eine auf vier Jahre angelegte Schulpatenschaft mit der Integrierten Sekundarschule Skalitzer Straße übernommen. Ein Großteil der Schüler hat einen muslimischen Hintergrund, für 95 Prozent der Jugendlichen ist Deutsch nicht die Muttersprache.

Wie optimistisch ist der Direktor, dass er tatsächlich einen Beitrag für mehr Toleranz zwischen Religionen und gesellschaftlicher Mehr- und Minderheit leisten kann? „Die Zeit wird zeigen, ob wir erfolgreich sind. Aber ich mache mir große Hoffnungen.“ Das Interesse auch an der Akademie ist bereits groß. Als sie die Berliner vor zwei Wochen zum Tag der offenen Tür lud, kamen überraschend viele, um hinter die Kulissen einer Werkstatt zu blicken, in der als Lehre aus der jüngeren wie aktuellen Geschichte für gegenseitiges Verstehen und Akzeptieren gearbeitet wird.

„Ich wünschte auch, wir bräuchten keine Wachen mehr“

Michael Blumenthal glaubt, dass die große Mehrheit der Deutschen ihre Lektion gelernt haben. „Ich freue mich, dass Antisemitismus in diesem Land – obwohl es ihn noch überall gibt – kein brennendes Problem ist.“ Ein klares, nicht sehr häufig gehörtes Urteil. Hält es trotz der Polizisten vor fast jeder Synagoge, des hohen Metallzauns vor dem Jüdischen Gymnasium in der Großen Hamburger Straße oder der Sicherheitsvorkehrungen auch vor dem Jüdischen Museum? „Ich wünschte auch, wir bräuchten keine Wachen mehr. Aber wissen Sie, was mich beeindruckt? Als ich 1997 hier ankam, gab man mir Polizeischutz. Dabei war ich froh, dass ich den nach meiner Zeit in Washington los war. Innerhalb kürzester Zeit haben wir festgestellt, dass es in Deutschland nicht nötig ist, mich von Beamten beschützen zu lassen. Seit 15 Jahren hat mich hier kein Mensch belästigt. Auch der Schutz dieses Museums ist längst nicht mehr der, der er mal war. Aber solange es im Nahen Osten diese Spannungen gibt, muss jede jüdische Einrichtung vorsichtig sein.“

Berlin ist für Blumenthal nicht nur Arbeitsplatz und ein zweiter Wohnsitz mit einem Appartement am Gendarmenmarkt. Er schätzt die Stadt auch ihrer kulinarischen Genüsse wegen. Gutbürgerliche deutsche Küche mag er. Und so reden wir, bevor er nach dem Mittagessen zur zweiten Zigarre greift und sich die dritte als letzte des Tages am Abend anstecken wird, über seine Lieblingsgerichte. Das sind – Eisbein und Königsberger Klopse. „Ja, das stimmt. Ich glaube, der Geschmack eines Menschen wird in der Kindheit geprägt. Ich bin bis zum 12. Lebensjahr mit deutscher Küche groß geworden: Buletten, Bismarck- Hering, Bückling, Leber. Hier in Berlin gehe ich möglichst in Restaurants mit deutscher Küche und genieße das Essen.“

Zigarren sind nur im Studierzimmer erlaubt

Im heimischen Princeton/New York graust es die Familie vor den deutschen Genüssen des Hausherrn. „Meine Frau und meine Kinder essen solches Zeug nicht. Sie schütteln nur den Kopf.“ Auch für den Zigarrengenuss bringen sie nur bedingt Toleranz auf. „Seit ich 25 bin, rauche ich Zigarre. Zu Hause ist es mir nur in meinem Studierzimmer erlaubt.“ Mit einem zufriedenen Lächeln erzählt Michael Blumenthal, in zweiter Ehe verheiratet und Vater von vier Kindern, dann auch noch, schlank, wie er geblieben ist, wo er sich in New York mit deutschem Essen zu versorgen weiß: „Ich kaufe bei Schaller und Weber in Yorkville, Upper East Side ein. Das ist der letzte große deutsche Delikatessenladen in der Stadt. Da bekomme ich alles …“

Während der Begegnung mit einem ehemaligen amerikanischen Finanzminister darf die Frage nach globaler Geldkrise und Perspektive des Euro nicht fehlen. „Kern des Problems ist, dass sich durch die neuen Technologien die globalen Finanzströme dramatisch beschleunigt haben. Aber die Institutionen, die die Welt eigentlich managen und ordnen sollen, sind weder national noch international diesem Tempo gefolgt. Es wird noch einige Zeit dauern, bis auch das politische Management die neue Geschwindigkeit erreicht.“ Was aber geschieht, wenn der nächste Schock, die nächste Krise früher kommt? „Die Lösung der Probleme wird schwierig bleiben.“ Also nichts gelernt aus der Mutter aller Krisen im Jahr 2008? „Doch, aber wir lernen eben nur langsam. Hauptaufgabe bleibt die Koordination über Grenzen hinweg bei allen wirtschaftlichen und finanziellen Herausforderungen. Die bisherigen Institutionen wie WHO, IWF oder Weltbank stammen ja alle noch aus der Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie hinken den globalen Herausforderungen hinterher. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise wurde diese per Telefon gemanagt. Es muss endlich an einem neuen Gerüst zur Bewältigung solcher Krisen gearbeitet werden.“

Da spricht ein von Beruf erfahrener Theoretiker wie Praktiker. Blumenthal hat in Berkeley Internationale Ökonomie studiert und lehrte als Wirtschaftsprofessor in Princeton. Danach wechselte er von der Universität in führende Managementpositionen der Wirtschaft und in die Politik. Er war Berater in der Administration des Präsidenten John F. Kennedy, 1977 holte ihn Jimmy Carter als Finanzminister ins Kabinett, aus dem er zwei Jahre später zurücktrat. Rückkehr ins Big Business, das ihn zum Millionär gemacht hat. Zuletzt arbeitete er bis 1995 als Partner der Investmentbank Lazard &Freres.

„Ich habe viele Berlins erlebt“

Zurück nach Berlin. Wie wohl fühlt sich der einst aus der Stadt Geflüchtete wieder dort, wo er seine ersten und zugleich letzten glücklichen Jugendjahre verbrachte? „Ich bin Amerikaner, und Amerika ist meine Heimat geworden. Berlin? Ich habe viele Berlins erlebt. Erste Eindrücke während der Kindheit, dann das schreckliche Nazi-Berlin, Anfang der fünfziger Jahre Trümmer und Traurigkeit, danach das künstliche West-Berlin und das bedrückende Berlin der DDR. Dann der Fall der Mauer. Was sich innerhalb von nur zwei Jahrzehnten entwickelt hat, hätte ich mir nie träumen lassen. Berlin ist eine große Weltstadt geworden, die sich gut mit anderen Metropolen vergleichen kann. In New York ist das Pro-Kopf-Einkommen höher, aber die Lebensqualität, die ist hier in Berlin größer …“

Dass sich dieses Berlin weltweit so tolerant und weltoffen präsentiert, ist auch Michael Blumenthal, diesem Glücksfall für Berlin, und seinem Jüdischen Museum Berlin zu verdanken. Er verbindet mit den mittlerweile drei Häusern längst auch eine sehr persönliche Beziehung. „Ich denke an meine Eltern, Großeltern, Urgroßeltern, an alle meine Vorfahren, die alle aus Deutschland stammen. Ich bin dankbar, dass ich einen Beitrag leisten kann, dass auch sie nicht vergessen werden.“ Als wir uns draußen im Innenhof vor dem Nebeneingang zum Libeskind-Bau verabschieden, sagt er mit seiner sonoren Stimme noch dies: „Es ist eine besondere Freude für mich, hierherzukommen. Ich bin wieder ein Berliner geworden. Ein Grund, dass ich weitermache. Nicht nur des Museums wegen – auch Berlins wegen.“