Jüdisches Museum

Jüdisches Museum öffnet Akademie in ehemaliger Blumenhalle

Die Akademie des Jüdischen Museums in Berlin-Kreuzberg öffnet für das Publikum. Kinder können in dem neuen Bau nach jüdischen und muslimischen Gesetzen kochen - und auch sonst steht im Mittelpunkt kulturelle Vielfalt.

Foto: JÖRG KRAUTHÖFER / JÖRG KRAUTHÖFER (2)

Wie eine riesige hölzerne Überseekiste sieht der Kubus aus, der schief aus der ehemaligen Kreuzberger Blumengroßmarkthalle ragt. Die Formensprache des Architekten Daniel Libeskind, der schon den spektakulären Erweiterungsbau des Jüdischen Museums auf der gegenüberliegenden Straßenseite entworfen hat, ist unschwer wiederzuerkennen.

Die Transportkisten schaffen nicht nur den Bezug zur alten Großmarkthalle, aus der noch vor vier Jahren Blumen in die ganze Stadt verkauft wurden. Sie symbolisieren auch die Vermächtnisse, die dem Jüdischen Museum aus aller Welt zugesandt werden. Ab Montag sind die Kisten für jedermann zugängig.

Die Akademie des Jüdischen Museums vereint Bibliothek, Archiv und den museumspädagogischen Bildungsbereich, die sich um den Garten der Diaspora in der fußballfeldgroßen Halle gruppieren. Mit dem Bau, der nach dem großzügigen amerikanischen Spender Eric F. Ross benannt ist, will sich das Museum dem Kreuzberger Kiez öffnen.

„Der muffige Geruch ist weg“

Kulturelle und religiöse Vielfalt sollen hier thematisiert werden, und dabei sollen alle Minderheiten einbezogen und auch untereinander in Kontakt gebracht werden. Ein offenes Haus soll es sein, nicht nur der Fachwelt von Wissenschaftlern vorbehalten.

„Wir wollen Menschen erreichen, die wir sonst im Jüdischen Museum nie gesehen hätten“, sagt die Sprecherin Katharina Schmidt-Narischkin. Im Zickzack wird der Besucher in den geneigten Eingangskubus geführt. Der Blick ist nie direkt, und dennoch hat man fast immer Ein- und Durchblicke in die drei Bereiche der Akademie. Es riecht nach frischer Farbe und neuen Möbeln.

Eine Glaswand gibt den Blick auf die Regale der Bibliothek frei. „Der muffige Geruch ist weg“, sagt die Bibliotheksleiterin Ulrike Sonnemann. Vorher war die Bibliothek auf beengten Räumen in der dritten Etage des gegenüberliegenden Museums versteckt. Wer sich vorher angemeldet hatte, wurde in Begleitung eines Sicherheitsmannes in die Räume geführt.

Alte Depots im Museum waren überfüllt

Nur Museumsmitarbeiter, Studenten und Wissenschaftler fanden den Weg in die Sammlung von 70.000 Büchern und anderen Medien, wie DVDs, Mikrofilme, Videos oder Fernsehmitschnitte. Das soll jetzt anders werden. Die Freihandbibliothek lädt alle ein, in den Zeitschriften und Fachbüchern zu stöbern. Kein Buch verlässt den Raum, dafür können die Besucher im Lesesaal darin blättern.

Jeder Arbeitsplatz hat andere Sichtachsen und damit eine andere Atmosphäre – mal ruhig und abgeschieden, mal luftig und offen. „Mein Lieblingsplatz“, sagt Ulrike Sonnemann und weist auf den Stuhl, von dem aus man durch die Regalreihen in den Garten der Diaspora blickt.

Den Lesesaal teilt sich die Bibliothek mit dem Archiv, in dem die zahlreichen Familiennachlässe und Schenkungen aufbewahrt werden. Hier kann man Briefe, Fotos und Dokumente einsehen. Es sind Geburtsurkunden, Militärdokumente, Dokumente zur Deportation oder Immigration. Die alten Depots im Museum waren bereits überfüllt, denn das Archiv wächst ständig weiter.

Mehr Nachlässe nach Tod von Holocaust-Überlebenden erwartet

Die modernen Rollschränke des voll klimatisierten Archivraumes bieten nun genügend Platz für weiteren Zuwachs, denn das Museum rechnet mit weiteren Nachlässen, wenn die letzte Generation der Holocaust-Überlebenden gestorben ist. Damit das Archiv nicht nur den Wissenschaftlern vorbehalten ist, sollen künftig auch Gespräche mit Zeitzeugen und Stiftern stattfinden, bei denen ausgewählte Dokumente aus den umfangreichen Nachlässen gezeigt werden.

Der größte und zentrale Raum der Akademie, die ehemalige Blumenhalle aus den 60er-Jahren, ist praktisch unverändert erhalten. Nur an den Seiten schieben sich die Kuben wie eine Haus-in-Haus-Konstruktion in die hohe, lichte Halle mit dem geschwungenen Sheddach. Der Raum ist entkernt und unbeheizt. Eine inspirierende Brache, die darauf wartet, kultiviert zu werden.

Unter tief hängenden Gewächshauslampen stehen kniehohe Metallroste. Hier sollen Hochbeete entstehen. Ein Versuchsbeet gibt es bereits. Farne, Moose und Hanf wachsen hier ineinander. „Wir testen, welche Pflanzen unter den speziellen Bedingungen in der Halle überhaupt gedeihen können“, sagt die Praktikantin Kay Rollans. Die 21-jährige Kanadierin ist eigentlich Studentin der Philosophie.

Kochen nach jüdischen und muslimischen Gesetzen

Allerdings hat der Exil-Garten auch mehr als eine reine Erholungsfunktion zu bieten. Schulklassen sollen hier künftig Beete anlegen und dabei zum Thema Einwanderung lernen, dass Pflanzen aus bestimmten Regionen auf ein spezielles Umfeld angewiesen sind, um zu gedeihen.

In dem angrenzenden Kubus des Bildungsbereiches gibt es Werkstatt- und Seminarräume für Schülerworkshops und Lehrerfortbildungen. Am Dienstag beginnt dort ein viertätiges Sommerferien-Camp. Bildungsangebote des Jüdischen Museum gibt es bereits, aber in den neuen Räumen haben sie mehr Platz.

Neu ist die Küchenzeile, in der mit den Schülern gebacken und gekocht werden soll, etwa nach jüdischen und muslimischen Speisegesetzen. Daneben liegt der Veranstaltungssaal mit 160 Sitzplätzen für Kino, Konzerte oder Theater.

Erster Blick von Anwohnern auf die geöffnete Akademie

Alle verschachtelten Gänge zwischen den Kuben führen in den Garten. Doch der wird nur von Frühjahr bis Herbst zu bewundern sein, denn im Winter wird es hier für Hopfen und Bohnen zu kalt sein. Insgesamt nehmen die Hochbeete ohnehin nur etwa 60 Prozent der Großmarkthalle ein. Der Rest der Halle im hinteren Bereich ist noch völlig ungenutzt.

Spannend wird sein, wie die Öffnung der Akademie von den Bewohnern in der Nachbarschaft angenommen wird. Die Großmarkthalle war hier vorher durch hohe Zäune abgetrennt. Das Markttreiben war lediglich durch das Ein- und Ausfahren der Transporter zu beobachten.

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