Berlin-Mitte

Historischer Marstall nach Bauarbeiten schwer beschädigt

Am Neuen Marstall an der Berliner Schlossbaustelle wurden Risse im Mauerwerk festgestellt. Diese sollen durch die Arbeiten an der benachbarten Rathausbrücke entstanden sein. Ein Gericht soll den Fall klären.

Foto: Martin U. K. Lengemann

Der Neue Marstall am Schloßplatz in Berlin-Mitte weist schwere Schäden auf. Risse ziehen sich durch Fugen und Mauerwerk, an den Fenstern mussten bereits in mehreren Stockwerken Stahlstützen angebracht werden.

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung klagt wegen dieser Schäden gegen eine Baufirma, im Herbst soll der erste Gerichtstermin sein. Die Firma war mit dem Bau der benachbarten Rathausbrücke beauftragt, die im September 2012 für den Verkehr freigegeben wurde. Die Senatsverwaltung argumentiert, dass die Risse aufgetreten seien, als die Spundwand für den Brückenbau errichtet wurde. Dies hätten Gutachter festgestellt.

Über die Breite Straße am ehemaligen Staatsratsgebäude donnern Betonmischer. Vor dem Neuen Museum auf der Museumsinsel klafft ein riesiges Loch. Der Blick aufs Rote Rathaus ist von Bretterzäunen verstellt. An der Ecke Friedrichstraße und Unter den Linden herrscht seit einem Jahr Verkehrschaos – Berlins historische Mitte gleicht einer riesigen Baustelle. Bauen, davon kann sich jeder Besucher der Sehenswürdigkeiten in Mitte überzeugen, ist mit Lärm, Dreck und Verkehrsbeeinträchtigungen verbunden.

Unauffälliger, aber in den Auswirkungen oft viel dramatischer sind die Schäden, die durch Bauarbeiten an den Nachbargebäuden entstehen können. So wie am Neuen Marstall. Risse ziehen sich durch das historische Gebäude, die Fenstergesimse sind vom Erdgeschoss bis in den dritten Stock mit Stützen aus Stahl gesichert.

„Ende 2010 sind erste Risse festgestellt worden“, sagt die Sprecherin der Senatsbauverwaltung, Daniela Augenstein. Die Verwaltung ist sich sicher, den Verursacher der Schäden ausgemacht zu haben: Die mit dem Bau der benachbarten Rathausbrücke beauftragte Baufirma. Der Bau der Brücke war 2009 begonnen worden. Im September 2012 wurde das 44 Meter lange Stahlbauwerk für den Verkehr freigegeben. Gutachter hätten festgestellt, dass die Risse am Marstall unmittelbar mit der Errichtung der Spundwände für die Spreequerung aufgetreten waren, heißt es in der Verwaltung. Offenbar habe die verantwortliche Baufirma kein geeignetes vibrationsfreies Verfahren für die Arbeiten verwendet.

Gutachter soll Sanierungskosten ermitteln

Die Schäden an dem neobarocken Bau, der nach Entwürfen Ernst von Ihnes zwischen 1897 und 1901 direkt an der Spree errichtet wurde, wird von der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ genutzt. Hubert Pahl, zuständiger Projektleiter für das Gebäude bei der Humboldt-Universität, zu der die Musikschule, bestätigt die Einschätzung der Senatsverwaltung: „Seitdem die Brücke fertig gestellt wurde, sind augenscheinlich keine weiteren Risse aufgetreten.“

Auch im Inneren des Gebäudes sind die Risse deutlich zu sehen. „Die Fenster lassen sich auf Grund der Setzungen zum Teil nicht mehr öffnen“, berichtet Pahl. Sie seien so verzogen, dass sie zur Vermeidung einer Unfallgefahr im Fall eines unkontrollierten Berstens mit Sicherheitsfolie bespannt werden mussten. Die Hochschule habe inzwischen einen unabhängigen Gutachter beauftragt, der die Kosten der Risssanierung ermitteln soll. Es werde mit Kosten „mindestens im sechsstelligen Bereich gerechnet“, so der Baufachmann weiter.

Frage nach dem Verursacher landet meist vor Gericht

Weil die Frage nach dem Verursacher entsprechender Schäden in aller Regel vor Gericht entschieden wird, betreiben mittlerweile alle Bauherren größerer Projekte einen enormen Aufwand, um zu beweisen, dass nicht sie für die Schäden an Nachbargebäuden verantwortlich sind. So haben etwa die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), nach Angaben ihres Sprechers Klaus Wazlak bereits vor Beginn der Arbeiten für die Verlängerung der U5 zur „Beweisaufnahme“ Gutachter ausgesandt, die alle Gebäude im Umfeld der Baustelle untersucht haben. Entlang der Strecke für den U-5-Tunnel wurden zudem Sensoren im Boden und an den anliegenden Gebäuden angebracht, auch am Roten Rathaus und Marstall. Diese registrieren genau, welche Erschütterungen die Tunnelvortriebsmaschine auf ihrem Weg vom Nikolaiviertel bis zum Brandenburger Tor verursacht.

Wie wichtig diese aufwendige Beweissicherung ist, habe sich etwa am Brandenburger Tor gezeigt, so Wazlak weiter. Dort wurden 2008, nur sechs Jahre nach der Renovierung, meterlange Risse festgestellt. Die etwa 30 Zentimeter tiefen Risse am nördlichen Torhaus, so erste Vermutungen, könnten durch die Arbeiten für den Bau der U55 zwischen Brandenburger Tor und Hauptbahnhof aufgetreten sein. Der Tunnel unterquert das nördliche Torhaus. Doch dies hat sich laut Wazlak nicht bestätigt. Das habe durch die Sensoren nachgewiesen werden können.

Schäden auch an anderen Bauten

Wie schlimm die Folgen von Bauschäden sein können, lässt sich auch an der Friedrichswerderschen Kirche beobachten. Seit mittlerweile zehn Monaten ist das Gotteshaus in unmittelbarer Nähe zum Schloßplatz geschlossen. In dem Bauwerk waren plötzlich Risse im Mauerwerk aufgetreten, der Putz fiel von der Decke. Viele Berliner vermuteten einen sofort Zusammenhang mit der benachbarten Baugrube für das Luxus-Wohnprojekt Kronprinzengärten. Mehrere Gutachten wurden inzwischen in Auftrag gegeben, um die Ursache und Schwere der Schäden zu ermitteln. Die Senatsverwaltung für Kultur geht davon aus, dass der Bauherr, die Bauwert, für die Schäden verantwortlich ist und die Kosten dafür übernehmen wird. Als Ursache hätten aber auch Bodenbewegungen bei anderen benachbarten Bauvorhaben in Frage kommen können.

Um ähnliche Vorwürfe auszuschließen, hat auch die Stiftung Berliner Schloss-Humboldtforum ein umfangreiches „Beweismonitoring“ veranlasst – Kosten: eine Million Euro.

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