Der Wettergott meinte es beinahe zu gut mit dem Projekt, das nach mehr als zwei Jahrzehnten heftiger Debatten „unumkehrbar“, wie es Bundesbauminister Peter Ramsauer (CSU) formulierte, auf den Weg gebracht wurde. In der zehn Meter tiefen und knapp 8000 Quadratmeter großen Baugrube, in der am Mittwoch der Grundstein für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses gelegt wurde, staute sich erbarmungslos die Hitze.

Mit selbst gebastelten Kopfbedeckungen aus Papier oder Tüchern versuchten viele der mehreren hundert geladenen Gäste, dem drohenden Sonnenbrand zu entgehen. Die meisten ertrugen die Hitze jedoch klaglos, denn schließlich „ist dies ein glücklicher Tag“, so der Schlossförderer Wilhelm von Boddien. Nach mehr als 20 Jahren harter Überzeugungsarbeit sei man nunmehr fast am Ziel. Denn mit der Grundsteinlegung beginnen offiziell die Arbeiten für die einstige Hohenzollern-Residenz im Zentrum Berlins.

Zentrum der Bildung

„Der Wiederaufbau des Berliner Schlosses – dem bedeutendsten Kulturvorhaben Deutschlands – wird unserer Hauptstadt ihre historische Mitte zurückgeben“, betonte Bernd Neumann, Staatsminister für Kultur und Medien. Das Humboldt-Forum im Berliner Schloss werde von außen an Bautradition und Geschichte erinnern. Innen sei es dagegen ein zeitgenössischer und hochmoderner Ausstellungs- und Kulturort, der seine Schätze aus aller Welt aus den unterschiedlichsten Perspektiven erschließe, so Neumann weiter.

In das „Berliner Schloss – Humboldtforum“ werden ab Anfang 2018, wenn das Gebäude fertig ist, bis Mitte 2019 die großen außereuropäischen Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz einziehen, die sich jetzt noch in Dahlem befinden. Mit dem „Humboldt-Laboratorium“ der Humboldt-Universität und der „Welt der Sprachen“, die die Zentral und Landesbibliothek Berlin dort einrichten wird, soll das Humboldt-Forum zu einem ganz neuartigen Zentrum der Bildung und des Kulturaustausches werden.

Die Museen in den Obergeschossen, den Bibliotheken und „Werkstätten des Wissens“ in der ersten Etage werden durch große Sonderausstellungssäle und Veranstaltungsbereiche im Erdgeschoss ergänzt. Ein Café, Restaurant und Bistro sowie Museumsshop, Lapidarium (Steinsammlung) und ein Museum zur Geschichte des Ortes sind ebenfalls geplant.

Die Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum ist zuversichtlich, dass der Neubau von der Bevölkerung akzeptiert wird. „Es wird eine Herzensangelegenheit aller Deutschen werden“, sagte Stiftungsvorstand Manfred Rettig. Er sei überzeugt, dass die erforderlichen Spenden zusammenkämen. Das Ergebnis der neuen Forsa-Umfrage für den „Stern“, wonach fast zwei Drittel der Deutschen ein wiederauferstandenes Kaiser-Palais ablehnen, kannten die Schlossfans auf dem glühenden Betonboden wohl noch nicht.

Wowereit nimmt Bund in die Pflicht

Denn auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) war voll des Lobes. Zugleich erinnerte er den Bund aber an seine finanziellen Verpflichtungen bei dem Projekt. Sollten nicht genug Spenden für die Rekonstruktion der historischen Fassade eingehen, müsse der Bund einspringen, forderte Wowereit. „Es darf keine unvollständige Fassade geben“, fügte er hinzu.

Nachdem sich in der seit zwei Jahrzehnten emotional geführten Schloss-Debatte die Kritik hauptsächlich an der Sinnhaftigkeit des Wiederaufbaus eines total zerstörten Gebäudes und der damit verbundenen hohen Kosten entzündete, zeigte sich am Mittwoch, dass künftig auch der Inhalt des Kulturbauvorhabens einigen Zündstoff für neue Diskussionen bieten wird: Vor dem Bauzaun verteilten Aktivisten der Initiative „No-humboldt-21“ Flugblätter an die Gäste.

„Das vorliegende Konzept verletzt die Würde und die Eigentumsrechte von Menschen in allen Teilen der Welt, ist eurozentrisch und restaurativ“, hieß es darin. Zudem seien die Staatlichen Museen nicht die „rechtmäßigen Besitzer“ ihrer Ausstellungs-Exponate. Ausstellungsmacher und Kulturmanager Martin Heller nutzte deshalb am Mittwoch die Gelegenheit, um das Inhaltskonzept für das Humboldt-Forum, vorzustellen.

Die Erwartungen an den Inhalt des Humboldt-Forum sind groß, schließlich soll es nicht einfach nur ein neues Museum im Zentrum der Stadt werden. Es geht um große Dinge, wie die „Weltfragen des 21. Jahrhunderts“, um die „Rolle Europas“ im Kontext der nationalen Kräfteverschiebung, um Integration und die Gleichberechtigung außereuropäischer Kulturen. Um „Scharniere“, so der Chef der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, die gebildet werden sollen mit Ländern wie Lateinamerika, um Kontakte zu Australien beispielsweise, wo schon ein Workshop stattfand. Kurz: ein Ort der Weltkulturen.

Schwieriges Gesamtkonzept

Heller, seit Dezember 2010 Projektleiter, brachte es auf den Punkt. „Von Anfang an ist die Agora, der zentrale Ausstellungsbereich, mit maßlosen Ansprüchen überhäuft worden, weil sich niemand etwas Genaues vorstellen konnte.“ Und so schickte man „die Agora ganz in Rente“, wie Parzinger sagt.

Das heißt: Hellers nicht leichte Aufgabe ist es nun, ein Gesamtkonzept für das ganze Haus zu entwickeln, das immerhin eine Ausstellungsfläche von 20.000 Quadratmetern auf drei Etagen bietet. Drei Nutzer gibt es, eben die Staatlichen Museen mit dem Ethnologischen Museum und dem Museum für Asiatische Kunst, die Zentral- und Landesbibliothek und die Humboldt-Universität mit dem „Schaufenster der Forschung“.

Über die Geschosse hinweg sollen die Ausstellungen nach Regionen und deren Kulturen angeordnet werden. Wechselausstellungen sollen das Forum „lebendig halten“. Heller steht gewissermaßen vor der Quadratur des Kreises, einerseits soll sich das Konzept intellektuell, auch im Blick auf künftige Generationen, auf höchster Stufe musealer Präsentation bewegen, gleichzeitig Anschaulichkeit mit Publikumsnähe verbinden.

„Wir erwarten ein touristisches Publikum, die Berliner und die jungen Erwachsenen, die schwierig zu erreichen sind“, so Heller. Allerdings gehören sie zur wichtigsten Zielgruppe, sind sie doch die Besucher von morgen.

Entschieden wurde mittlerweile, dass es ab 2015 einen eigenen Intendanten für das Humboldt-Forum geben soll, unter „Wahrung der Autonomie der beteiligten Institutionen“. Welchen Handlungsspielraum der neue Chef tatsächlich haben wird, muss sich zeigen. Fest steht auch, dass die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) zum Betreiber bestellt wird. Gibt es ein eigenes Budget und wie hoch wird es sein? Diese Antworten stehen derzeit noch aus. Heller arbeitet bereits mit einer Probebühne. Im Humboldt Lab in Dahlem entwickelt er schon jetzt Ausstellungen, die „verschiedene Wege“ austesten sollen.

Tag der offenen Baustelle am Sonntag, 16. Juni, 10 bis 18 Uhr