Nach der tödlichen Messerattacke auf einen 82 Jahre alten Mann in einem Supermarkt in Gesundbrunnen sitzt der mutmaßliche Täter in Untersuchungshaft. Er sollte noch am Mittwoch einem Haftrichter vorgeführt werden. „Mit großer Voraussicht wird der Mann nach dem Termin bei einem Haftrichter bis zur Verhandlung in einer psychiatrischen Anstalt untergebracht werden“, sagt Martin Steltner, Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Vor Gericht müsse dann geklärt werden, ob der Mann zum Tatzeitpunkt voll schuldfähig war. Danach würde sich entscheiden, ob der mutmaßliche Täter eine Haftstrafe in einem Gefängnis antreten muss oder ob er in eine geschlossene Anstalt eingewiesen wird. Nach Angaben der Polizei lägen Hinweise vor, dass der Täter offenbar psychisch gestört sei. Der Mann soll laut Augenzeugen „wie ein Drogensüchtiger“ gewirkt haben.

Wie berichtet, hatte der 30-Jährige am Dienstag an der Fleischtheke eines Supermarktes an der Residenzstraße gegen 17.30 Uhr plötzlich mit einem Messer auf einen neben ihm stehenden Mann eingestochen. Der 82 Jahre alte Rentner brach mehrfach in Brust und Rücken getroffen zusammen und erlag trotz aller Bemühungen des Notarztes eine halbe Stunde später seinen schweren Verletzungen.

„Hades wird dir den Kopf spalten“

Einen Tag nach der schrecklichen Tat werden nun Informationen zum mutmaßlichen Täter bekannt. Laut Polizei war Valentin W. zuvor schon wegen anderer Delikte aufgefallen, etwa wegen des Verstoßes gegen das Waffengesetz. Nach Information der Berliner Morgenpost hatte er psychische Probleme. Auf Fotos auf seiner Facebook-Seite posiert er mit Waffen, das Titelbild seines Profils zeigt zwei mit Schwertern kämpfende Samurai.

Es gibt Einträge wie „Glückwunsch zum Geburtstag!! Adolf Hitler!“ oder „Das wird kein Spaziergang sein... das wird ein Amoklauf!!“ Am 21. Februar schrieb W., der angibt, als freier Physiotherapeut zu arbeiten, in Schwabach in Bayern zur Schule gegangen zu sein und gerne Mozart, Brahms und Beethoven zu hören: „Ich liebe Berlin!! Kaufland hat bis Mitternacht offen, so kann ich jetzt noch Rum und Redbull Cola günstig kaufen!!“.

Er wohnte in einem möblierten etwa zwölf Quadratmeter großen Apartment in der Iranischen Straße zur Miete, etwa 800 Meter vom Tatort entfernt. Die Nachbarn geben an, ihn nicht zu kennen oder zumindest Kontakt zu ihm zu haben. Einem Hausmeister jedoch ist Valentin W. ein Begriff. Der Mann sagt, er sei von W. mit den Worten „Hades wird dir den Kopf spalten“ bedroht worden.

W. war zudem Mitglied eines Angelvereins in Spandau. Allerdings wurde er vom Verein ausgeschlossen, weil er auf einer Feier ein anderes Vereinsmitglied mit einem Messer bedroht hatte.

Motiv ist weiterhin unklar

Das Opfer, der Rentner Marcel M., wohnte in der zweiten Etage eines Hinterhauses an der Wriezener Straße. Wie Nachbarn berichten, lebte der sehr rüstige Mann zurückgezogen. Über viele Jahre arbeitete er als Hausmeister im Kiez. Seine Leidenschaft galt dem Fahrradfahren. Fast täglich soll er mit dem Rad unterwegs gewesen sein.

So kam er auch zum Supermarkt, in dem er dann völlig unerwartet Opfer der Messerattacke wurde. W. stach ihm hier mehrfach in den Rücken und in die Brust. Supermarktkunden gelang es schnell, den Täter zu überwältigen, für das Opfer allerdings kam jede Hilfe zu spät.

Polizeibeamte nahmen den Angreifer fest. Ein Motiv für die Tat sei bislang nicht erkennbar, so eine Polizeisprecherin. Die Tatwaffe hat der Mann offenbar zuvor aus der Haushaltswarenabteilung des Geschäftes entwendet.

Alle Spuren der Tat sind verschwunden

Die Kaufland-Filiale, die normalerweise bis Mitternacht geöffnet hat, wurde nach der Tat sofort geschlossen. Am Mittwoch um sieben Uhr früh wurde wie immer geöffnet. In dem Geschäft sind die Spuren von der Schreckenstat einen Tag später verschwunden. Ein Mann mit Schnauzbart macht vor der Fleischtheke halt, während die Verkäuferin Wurst aus der Auslage nimmt.

Dass sich einen Tag zuvor genau an dieser Stelle ein Horror-Szenario abgespielt hat, sei ihm nicht bekannt, sagt der Kunde. „Ich weiß von nichts, nein“, murmelt der Mann irritiert und schiebt schnell seinen Einkaufswagen weiter.

Die meisten Kunden reagieren verwundert

Eine typische Reaktion an diesem Tag: Die meisten Kunden reagieren verwundert, als das Gespräch darauf kommt, dass in der Kaufland-Filiale am Dienstag ein Mensch getötet wurde. Am Tag danach scheint der Alltag schon wieder eingekehrt zu sein.

Lediglich ein Security-Mann im Eingangsbereich ist ein Indiz dafür, dass im Supermarkt leicht erhöhte Alarmbereitschaft besteht. „Normalerweise bin ich nur abends hier“, sagt der Mann in Schwarz. „Aber die Leute hier kann man anscheinend nicht alleine lassen.“

Die Mitarbeiter geben sich bei Nachfragen eher zugeknöpft als schockiert. Die Verkäuferin an der Fleischtheke presst die Lippen zusammen und überlegt kurz. „Dass war keine schöne Sache“, sagt die junge Frau im Metzgerkittel. „Und es ist auch nicht schön, jetzt darüber zu reden, also gehen Sie jetzt bitte.“

Der Security-Mann ist mittlerweile draußen auf dem Parkplatz und beobachtet die Kunden. Einer von ihnen ist Erich Altmann, der gerade seine Einkaufstüten im Kofferraum verstaut. Er glaubt nicht, dass ein Sicherheitsmitarbeiter künftige Gewalttäter von einem Angriff abhalten kann. „Das ist schlimm, kann aber immer wieder passieren, schützen kann man sich davor nicht“, sagt er. Dass sich die Tat in einem Supermarkt in Wedding ereignete, findet er typisch – „in Bezirken wie Wedding, Neukölln oder Kreuzberg herrscht mehr Gewalt als zum Beispiel in Zehlendorf“.