„Den Berliner Hipster sucht man hier vergeblich – zum Glück“
André Mühle (27) ist in Hellersdorf geboren und lebt immer noch hier. Er arbeitet als Erzieher, nur ein paar Minuten von seiner Wohnung entfernt. Er sagt: „Es gibt überhaupt keinen Grund für mich, hier wegzuziehen. Ich habe alles, was ich brauche.
„Als ich noch klein war, konnte man aus den oberen Stockwerken ewig weit Richtung Norden gucken. Seitdem ist viel gebaut worden, und die Sicht ist nicht mehr so frei. Andererseits wurde auch viel abgerissen, von meinen ehemaligen Schulen und Kindergärten ist nichts mehr übrig. Unsere Wohnung damals war eine typische Ost-Wohnung, mit kitschiger Blümchen-Tapete und allem Drum und Dran. Wie in einem schlechten DDR-Film.
Heute wohne ich freiwillig in der Platte. Es ist modern und preiswert. Außerdem mag ich die menschliche Mischung, die sich in den vergangenen Jahren durchgesetzt hat und die hier lebt: Leute mit guten Jobs, Leute mit Knüppeljobs, Rentner und junge Familien. Ich kann mir das Leben hier gut leisten.
Die Innenstadtbezirke locken mich gar nicht. Wieso auch? Wenn wir feiern wollen, treffen wir uns halt bei irgendwem zu Hause. Klar gibt es hier auch viele nicht so angenehme Menschen, aber mit denen muss ich ja kein Bier trinken gehen.
Hellersdorf ist auch insgesamt vom Stadtbild her städtischer und lebensbejahender geworden. Überall Grün und bessere Straßen. Das wirkt sich auch auf die Menschen aus, die hier leben. Die Stimmung ist besser geworden. Den lässigen Berliner Hipster sucht man in Hellersdorf wohl trotzdem vergeblich. Zum Glück.“
„Marzahn ist wie eine Familie, und die City brauchen wir nicht“
Katja Jurczok und (33) und Nicole Schlürer (30) arbeiten im Beautysalon „Feinschnitt“ in der Eisenacherstraße in Marzahn. Sie sind Freundinnen, Arbeitskollegen und kennen sich seit dem Kindergarten.
Katja Jurczok: „Wir sind Mitte der 80er-Jahre nach Marzahn gezogen. Zur Besichtigung mussten alle Gummistiefel anziehen, so viel Dreck und unbefestigte Wege gab es damals. Es galt zwar als Luxus, hier zu wohnen, aber so richtig schön war es oft nicht. Als Kind hat man sich schnell verlaufen, weil jede Straße irgendwie gleich aussah: grau und trist.
Heute sind die Fassaden viel bunter und überall ist es schön grün. Es gibt Möglichkeiten zum Shoppen und Entspannen. Die City brauchen wir eigentlich gar nicht. Nach Berlin bin ich das letzte Mal vor drei Monaten gefahren und das auch nur, weil wir auf den Fernsehturm wollten. Den gibt es hier natürlich nicht.“
Nicole Schlürer: „Ich bin in Kaulsdorf geboren, aber mit 18 nach Hohenschönhausen gezogen. Ich wollte halt einfach raus, weg von den Eltern. Ich habe es nicht lange ausgehalten und bin 2003 wieder nach Marzahn zurückgekehrt. Ich wohne in der Platte, weil die Miete so günstig ist und die Wohnungen inzwischen trotzdem wunderbar renoviert sind. Alles ist hell und modern, und der Balkon ist riesig.
Es gibt viele abgeschlossene Spielplätze, wo ich meine Kinder auch mal alleine hinschicken kann. Klar, gibt es auch schlimme Ecken, aber die gibt es in jedem Stadtviertel. Man kennt sich hier, allein in meiner Platte wohnen viele Bekannte und Verwandte. Eigentlich ist Marzahn wie eine Familie.“
„Eigentlich ist hier nichts typisch Marzahn, es ist wie auf dem Land“
Sandy Gärrisch, 24, arbeitet als Verkäuferin in einer Bäckerei in Mitte und wohnt in der Eisenacherstraße in Marzahn. Sie sagt: „Ich bin erst 2009 mit meinen Eltern hergezogen, vorher haben wir in Lichtenberg gewohnt. Ich mag es hier, weil es so ruhig ist und so grün. Ich bin halt anders als andere junge Leute. Ich brauche nicht dauernd Party.
Seit ich hier wohne, kommen immer mehr junge Leute und Familien in unsere Gegend. Hier, gleich an den ‚Gärten der Welt‘, ist es nämlich gar nicht so, wie sich die meisten Leute Marzahn vorstellen. Eigentlich ist es hier völlig ‚unmarzahnig‘. Die Menschen, die hier leben, haben genug Geld, einen Job, und die Mädchen werden auch nicht mit 13 schwanger. Um uns herum ist Natur pur, fast wie auf dem Land.
Die Infrastruktur wird auch immer besser ausgebaut, es gibt genug öffentliche Verkehrsmittel, mit denen man jederzeit in die Stadt fahren kann. Ich arbeite zwar in Mitte, aber leben möchte ich dort nicht. Es ist viel zu laut und zu voll dort, zu viele Touristen. Bald ziehe ich bei meinen Eltern aus, in eine eigene Wohnung. Natürlich in Marzahn, nur ein paar Straßen weiter.
Dass Marzahn in der Öffentlichkeit oft so schlecht dargestellt wird, ärgert mich zwar. Aber eigentlich berührt es mich nicht so sehr. Ich fühle mich nicht wirklich angesprochen.
Mein Traum wäre es, irgendwann hier in der Gegend auch einen Job zu finden. Dann muss ich nicht mehr so lange in die Stadt fahren. Meine Freunde aus Schulzeiten sind auch fast noch alle hier. Alles Familienmenschen, die die Aufregung der Großstadt nicht so dringend brauchen.“
ohr







