Wohnungsnot

Der Leerstand in Marzahn-Hellersdorf sinkt rasant

Lange waren Wohnungen vor allem in der Innenstadt gefragt. Nun zieht es die Suchenden auch an den Rand Berlins. Marzahn-Hellersdorf wird plötzlich stark nachgefragt, zeigen neue Zahlen. Ein Besuch.

Foto: dpa Picture-Alliance / Berliner Verlag/Archiv / picture alliance / ZB

Sie ist fett und asozial. Sie säuft und pöbelt, schminkt sich gern in grellen Farben und ist nicht die Hellste: Cindy aus Marzahn. Sie ist das gerne, denn alle diese Attribute gehören zu ihrer Rolle als Komikerin. Doch der Bezirk Marzahn-Hellersdorf ist mehr als ein Bühnenstück mit Hartz IV-Pointe. Denn es gibt ihn wirklich, diesen Bezirk. Und längst ist dort nicht alles mehr so wie es Cindy aus Marzahn für ihr Publikum überspitzt.

Immer mehr Leute ziehen in das Randgebiet Berlins. Das belegen die aktuellen Zahlen des Verbandes Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen. Die Zahl frei verfügbarer Wohnungen in dem Bezirk ging stadtweit am stärksten zurück, in Marzahn liegt der Leerstand bei 3,5 Prozent, in Hellersdorf sogar bei nur 2,2 Prozent. Das ist so wenig wie sonst nur im adretten Innenstadtviertel Schöneberg.

Die Vögel zwitschern so laut es eben geht. Es riecht nach Blüten und Gras, nach Frühling. Die Wiese an der Eisenacherstraße hinter Sandy Gärrischs Wohnung ist riesig. Ein Meer von Pusteblumen trifft auf dunkelgrüne Bäume in der Ferne. Auf die Frage, welcher Park das sei, zuckt die 24-Jährige mit den Achseln. „Ditt ist einfach nur ne Wiese“, sagt sie. Das soll noch öfter passieren an diesem Nachmittag.

„Es ist halt so schön grün hier“

Als Innenstädter ist man es gewohnt, dass jede größere Grünfläche einen Namen hat. Eine Imbissbude, ein paar Mülleimer und vielleicht noch ein Hinweisschild, dass Grillen verboten ist. In Marzahn ist da halt einfach eine Wiese. Das ist einer der Pluspunkte, die die Bewohner in Marzahn und Hellersdorf immer wieder nennen, wenn es darum geht, ob ihr Bezirk wirklich so schlimm sei, wie sein Ruf: „Es ist halt so schön grün hier.“

Sogar Füchse, Hirsche und Hasen gebe es hier, erzählt Sandy. Jeden Tag fährt sie über eine Stunde bis nach Mitte in die Bäckerei, in der sie arbeitet. Leben will sie aber nur hier, in Marzahn.

Die Plattenbauten sehen gar nicht so schlimm aus. Die meisten sind bunt gestrichen und ragen aus dem dichten Grün heraus wie Smarties aus einem Waldmeisterkuchen. In Marzahn ein bisschen höher als in Hellersdorf.

Als die SED-Führung 1979 mit der Gründung der Großsiedlung Marzahn begann und „die Wohnungsfrage als soziales Problem bis 1990“ lösen wollte, war nämlich noch genug Geld genug da, um bis zu zwölf Stockwerke hoch in den Himmel zu planen. Als dagegen 1986 die Plattenbauten der Großsiedlung Hellersdorf entstanden, musste man sparen. Deshalb baute man nur sechs Stockwerke, um der Aufzugspflicht zu entgehen.

In Helle-Mitte bekommt man gar kein Frühstück

Im Rathaus des Viertels Helle-Mitte gibt es natürlich Aufzüge. Sie sind nicht schön, aber sie fahren. Der Bezirksbürgermeister Stefan Komoß steht am Fenster seines Büros im zweiten Stock und zeigt auf seinen Kiez. Der Alice-Salomon-Platz direkt vor dem Rathaus sieht etwas kahl aus. Viel Beton, eine große Kreuzung, noch mehr Beton und Bahnschienen.

Architekt Rudolf Böttcher hatte beim Baubeginn Mitte der 90er den Plaza Mayor von Salamanca (Spanien) als Vorbild gewählt. „Naja“, sagt Komoß. „Ich war schon mal in Salamanca. Sieht doch ein bisschen anders aus da“. Vor allem bekommt man am Plaza Mayor ein besseres Frühstück. Um genau zu sein, bekommt man in Helle-Mitte eigentlich gar kein Frühstück.

Es ist einfacher, morgens um zehn Uhr für 2,20 Euro einen Drink namens „Orgasmus“ oder „Blow Job“ zu bekommen, als ein Croissant mit Honig. Stefan Komoß lächelt fein. „Ich gebe zu, gastronomisch sind wir ein wenig unterversorgt.“ Das habe vielleicht immer noch mit einer gewissen Ost-Mentalität zu tun. „In der DDR hat man nicht leichtfertig Geld dafür ausgegeben, um irgendwo essen zu gehen. Man hat halt zu Hause gekocht.“ Komoß lebt seit 1995 mit seiner Familie im Ortsteil Kaulsdorf.

Cindy aus Marzahn ist von der Bühne gestiegen

Jeder Dritte Marzahn-Hellersdorfer wohnt inzwischen in den Einfamilienhausgebieten wie Kaulsdorf, Biesdorf oder Mahlsdorf. Die idyllischen Ortsteile mit guten Schulen, großen Gärten und Akademiker-Familien vergisst man schnell, wenn man an Marzahn-Hellersdorf denkt. Dort ziehen junge und erfolgreiche Leute nämlich gerne mit ihren Kindern hin. Mit der Platte haben sie rein gar nichts zu tun. Es sind zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten, vereint in einem Bezirk.

In Kaulsdorf stehen Gartenzwerge in den Vorgärten, es riecht nach Mittagessen und Schulkinder mit bunten Ranzen laufen über den Bürgersteig. In Marzahn-West sitzen drei sehr junge Frauen mit sehr runden Beinen, die in sehr bunten Leggins stecken, auf einer Bank vor einem Plattenbau und schauen rauchend ihren Kleinkindern beim Spielen zu. Tatsächlich ruft eine von ihnen: „Justin, tu ma zu Mama kommen.“ Die Kunstfigur Cindy aus Marzahn ist von der Bühne gestiegen.

In den Großbausiedlungen in Marzahn und Hellersdorf leben über die Hälfte der Kinder unter sieben Jahren in Hartz IV-Familien, die meisten davon sind alleinerziehende Mütter. Führend ist der Bezirk auch in Punkto Teenagerschwangerschaften. Ob dieser so gespaltene Bezirk jemals „normal“ sein wird?

Kein Berliner Bezirk hat sich so massiv gewandelt

Bezirksbürgermeister Komoß wiegt den Kopf. „Ich glaube, ich will gar nicht, dass Marzahn-Hellersdorf ein normales Stadtviertel wird. Von mir aus darf es immer besonders bleiben.“ Vor allem in der Fähigkeit, mit Veränderungen umzugehen. Kein Berliner Bezirk hat sich in den vergangenen 20 Jahren so massiv gewandelt.

Im Jahr 1995 gingen 60.000 Kinder dort zur Schule. 2007 waren es noch 20.000. Von 110 Schulen waren nur 46 übrig geblieben. Der Leerstand in Marzahn-Hellersdorf lag bei bis zu 15 Prozent. Ende der 90er Jahre wurden im gesamten Bezirk etwa 3500 Wohnungen abgerissen und 70 öffentliche Gebäude. Die Menschen wollten weg, niemand wusste, ob sie wiederkommen. Dementsprechend vernachlässigte man die Infrastruktur.

Geht man mit einem gebürtigen Hellersdorfer wie André Mühle (27) spazieren, merkt man das an jeder Ecke. „Hier war meine Grundschule“, sagt er und zeigt auf eine Wiese. Der Kindergarten ist inzwischen eine staubige Brachfläche und auch sonst sind die meisten seiner Kindheitsorte in Schutt und Asche verschwunden. „Macht nix“, sagt André Mühle und winkt ab. „Insgesamt ist es ja hier viel schöner geworden, seit der Wende“.

Seit 2009 ziehen Leute wieder verstärkt nach Marzahn-Hellersdorf

Er wohnt „in der Platte“, nahe am alten Ortskern Hellersdorf. Er ist stolz auf seine schicke Wohnung mit dem großen Balkon. Von dort aus sieht er in einen Vorgarten, in dem Hühner herumpicken. Viele der bösartigen Klischees seien aber richtig. „Stell Dich mal zehn Minuten an eine beliebige Straßenecke und zähl die Cindys“, sagt er. „Es gibt viele hier.“ Dann verschwindet er in einem Wettbüro, um einen Fußball-Tippschein auszufüllen. Gegenüber gibt es „Flotte Mode“, aus einem Café schallt Schlagermusik.

Bürgermeister Komoß versucht gar nicht erst, die hässlichen Klischees schön zu reden. „Klar, vieles davon stimmt“, sagt er. Aber es gebe schließlich auch „Leuchttürme“. Die „Gärten der Welt“ zum Beispiel, im Erholungspark Marzahn. Über 700.000 Besucher kamen in der Saison 2012. Das Schloss Biesdorf soll für neun Millionen Euro wieder aufgebaut werden und DDR-Kunst ausstellen. Ein 90 Quadratmeter großes Gelände in Marzahn soll zum modernen Industriegebiet werden. Außerdem sollen wieder mehr Kindergärten und Schulen gebaut werden und die Verkehrsanbindung verbessert werden.

Denn seit 2009 ziehen die Leute wieder verstärkt nach Hellersdorf und Marzahn. Neben den Jungen in den Einfamilienhausgebieten kehren auch viele ältere Menschen, die den Bezirk nach der Wende verlassen haben, zurück in die modernisierten und renovierten Platten. Außerdem mache sich die steigende Geburtenrate von Mitte der 90er Jahre in Hellersdorf-Marzahn bemerkbar, erklärt der Bürgermeister.

Durchschnittsmieten liegen aktuell unter sechs Euro pro Quadratmeter

„Das sind jetzt die jungen Leute, die in die Ausbildung gehen oder sie gerade abschließen und sich eine eigene Wohnung suchen“, so Komoß. Aus einem Haushalt werden also zwei oder drei, je nachdem wie wie viele Kinder es gibt. Von dieser Entwicklung seien allerdings vor allem die Großbausiedlungen betroffen.

Die Einfamilienhaus-Kinder aus Kaulsdorf, Mahlsdorf und Biesdorf zögen sobald sie 18 sind dagegen schnellstmöglich weg. Trotzdem rechnet der Bezirk nach einer aktuellen Bevölkerungsprognose in den nächsten Jahren mit einem Schülerzuwachs von bis zu 30 Prozent.

Der Aufschwung des Bezirks lässt sich auch in den Mieten ablesen. Zu DDR-Zeiten bekam man dort eine Zweizimmerwohnung inklusive Nebenkosten für 80 Ostmark. Die angebotenen Durchschnittsmieten in Marzahn-Hellersdorf liegen aktuell mit unter sechs Euro pro Quadratmeter zwar noch immer deutlich unter dem Berlin-Durschnitt von 7,50 Euro. Doch der Preis hat sich in den vergangenen Jahren auch in den Randbezirken erhöht.

Marzahn-Hellersdorf entsteht vor allem im Kopf

Das besorgt vor allem viele ältere Bürger. Gegen die steigenden Mietpreise kann Stefan Komoß beim besten Willen nichts tun. Es gebe allerdings Bebauungspläne, die den Druck im Wohnungsmarkt senken sollen.

Als Marzahn-Hellersdorf im Jahr 2009 seinen 30. Geburtstag feierte, lud Bürgermeister Stefan Komoß natürlich auch Cindy aus Marzahn ein. Sie kam aber nicht.

Es ist später Nachmittag auf der Wiese in Marzahn. Die Blätter der Bäume rauschen und die Vögel zwitschern immer noch. Kein Klischee, kein Anti-Klischee drängt sich auf. Es ist einfach nur ein sonniger Tag im Grünen, eben mit Plattenbauten als Teil der ländlichen Kulisse. Vielleicht stimmt es, was man sagt: Marzahn-Hellersdorf entsteht vor allem im Kopf.

© Berliner Morgenpost 2019 – Alle Rechte vorbehalten.