So wohnt Berlin

Warum Lichtenberg bei Mietern immer beliebter wird

Der Bezirk Lichtenberg wächst schnell. Viele junge Familie zieht es in die grünen Kieze. Besonders groß ist die Nachfrage nach Wohnungen an der Grenze zu Friedrichshain.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Von der „sky.bar“ im 14. Stock des Hotels „andel’s“ an der Landsberger Allee reicht der Blick kilometerweit Richtung Mitte. Bis zum Fernsehturm, der in diesen Nächten bunt blinkend Werbung für Olympia macht. Im Hintergrund läuft Loungemusik, auf den Sesseln sitzen Paare mit Cocktailgläsern, aber auch Männer in Businessanzügen, die mit ihren Smartphones die Aussicht fotografieren. Ja, Lichtenberg kann cool aussehen in diesen Tagen. Das Image – lange geprägt vom Erbe der Stasi und von Plattenbauvierteln – verändert sich. Der Bezirk wächst rapide; von Rummelsburg bis Karlshorst drehen sich die Baukräne.

Besonders groß ist die Nachfrage nach Wohnungen an der Grenze zu Friedrichshain, etwa im Weitling-Kiez. Freitags um 11 Uhr sehen sich hier vier Interessenten in einer 60-Quadratmeter-Wohnung mit Dielenboden im dritten Stock eines Altbaus um – eine Mutter sucht für ihre studierende Tochter etwas Bezahlbares in Zentrumsnähe, eine Frau hat einen Job in Brandenburg, lebt aber lieber in Berlin. „Lichtenberg ist im Kommen“, sagt die junge Maklerin mit den straff zurückgebundenen blonden Haaren.

Die Kaltmiete für die Wohnung liegt bei 470 Euro – rund 7,60 Euro pro Quadratmeter. Das ist mehr als der Wohnmarktreport 2015 für das untere Segment im Kiez ausweist. Doch noch gilt Lichtenberg als günstige Alternative zur Innenstadt: In Friedrichshain würde eine Wohnung wie diese gut 200Euro mehr kosten, sagt die Maklerin. Und erzählt noch, dass sie sich in der Nähe eine Eigentumswohnung gekauft hat. Deren Wert werde sich in wenigen Jahre fast verdoppeln, glaubt sie.

Karlshorst immer beliebter

Besonders dynamisch wächst Lichtenberg in Karlshorst. Wer sehen möchte, wer hier wohnt, der muss nur im Biosupermarkt am S-Bahnhof vorbeischauen. Dort kaufen viele junge Leute ein, die meisten haben kleine Kinder dabei. Wie Eva Hoppe, die ihr Töchterchen Romy im Kinderwagen durch den Laden schiebt. „Hier leben viele junge Familien“, sagt sie. Eva Hoppe ist mit ihrem Mann Thomas vor drei Jahren von Wedding nach Karlshorst gezogen. Eva, 31, ist in Wannsee groß geworden, Thomas in Schwerin. Karlshorst haben sie sich ausgesucht, als klar war, dass sie einmal Kinder haben wollen. Es sei grün und ruhig, trotzdem nicht weit entfernt vom Stadtzentrum, sagt Eva Hoppe.

>> Interaktive Grafik: Wie stark die Mieten in den Kiezen steigen

Die Familie wohnt zur Miete – es sei nicht billig, aber machbar, sagt Eva Hoppe, die unbedingt in Karlshorst bleiben will. „Für Familien ist es schön hier, sogar einen Krippenplatz haben wir schon.“ Monika Lange, 62, lebt seit mehr als 30 Jahren in Karlshorst. Ihr gefällt, dass inzwischen viele junge Leute zugezogen sind. Auch die Einkaufssituation habe sich in den vergangenen Jahren verbessert, sagt sie. „Alles, was man für den Alltag braucht, gibt es hier zu kaufen.“

Spazieren gehen könne man auch gut, der Wald sei in der Nähe. Inge Meyer, 63, ist in Karlshorst geboren. Seitdem lebt sie hier – und will unbedingt bleiben. Auch wenn sie sich neuerdings Sorgen macht wegen der steigenden Mieten. „Ich habe zum Glück noch einen Mietvertrag aus DDR-Zeiten“, sagt sie. Eine andere Wohnung könne sie sich hier bei ihrer kleinen Rente gar nicht leisten. Auch Meyer beobachtet seit einigen Jahren, dass sich die Einwohnerschaft in Karlshorst verändert: „Es ziehen immer mehr Familien hierher.“

Schülerzahlen steigen im Bezirk

Am deutlichsten wird die Entwicklung von Lichtenberg, wenn man sich die Schülerzahlen anschaut. Bildungsstadträtin Kerstin Beurich (SPD) sagt, dass bis 2018/19 mindestens 6200 Kinder und Jugendliche mehr im Bezirk leben werden als zurzeit. „Bis 2023 brauchen wir etwa 20 zusätzliche Schulen.“

Auch die Kreativszene hat Lichtenberg entdeckt. „Musik erlaubt“ heißt ein Musikernetzwerk am Wiesenweg – der Boxhagener Kiez liegt um die Ecke. Auf dem Areal können Profimusiker Probenräume anmieten, haben sich auch Clubs wie das „subland“ angesiedelt. Eigentümer Christoph Klemke vermeldet selbstbewusst, dass die 2500 Quadratmeter komplett vermietet sind: „Wir haben ein internationales Klientel nach Lichtenberg geholt.“

Bashir Saeed gehört dazu. Früher hat der Veranstaltungstechniker im „Yaam“ gearbeitet, jetzt will er sich in einem Ex-Theatersaal den Traum vom eigenen Club erfüllen. Einen Bartresen hat er schon gezimmert, an der Decke hängen afrikanische Stoffe. Saeed erzählt mit offenem Lächeln von seinem Projekt „Kilimanjaro“, das der Weltmusik eine Bühne geben will. Ebenso wichtig ist dem gebürtigen Sudanesen etwas anderes: „Im Kilimanjaro sollen Flüchtlinge, Kunstschaffende und politische Organisationen zu Wort kommen und über ihre Situation berichten.“ So viel Aufbruchstimmung gab es früher nur in anderen Kiezen.

Den Wandel des Bezirks beobachtet Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, interessiert. Er ist 1990 als Journalist erstmals an den Ort des Ex-Ministeriums für Staatssicherheit an der Normannenstraße gefahren. Im Haus 1 hat er kürzlich eine neue Dauerausstellung zur Arbeit der SED-Geheimpolizei eröffnet – ein wichtiger Baustein in Jahns Plänen zum Campus für Demokratie. „Ich finde, dass der Bezirk längst nicht mehr vom Schrecken dieser Historie dominiert wird“, sagt Jahn. „Lichtenberg hat sich ins Bewusstsein der Stadt gearbeitet.“

Die interaktive Grafik der Berliner Morgenpost zeigt, wie die Mieten in den Kiezen steigen: morgenpost.de/mieten-in-berlin. Unter morgenpost.de/sowohntberlin finden Sie alle Teile der Wohnserie