Birgit Monteiro

"In Lichtenberg passiert gerade viel Frisches und Innovatives"

Vor Kurzem hat die neue Bürgermeisterin ihr Büro im Lichtenberger Rathaus bezogen: Birgit Monteiro (SPD) ist Nachfolgerin von Andreas Geisel (SPD), jetzt Senator für Stadtentwicklung. Ein Interview.

Foto: Jörg Krauthoefer

Monteiro sieht Lichtenberg als Start-up Berlins. "Ich freue mich, dass es einen Wandel in der Wahrnehmung gibt – auch über die Bezirksgrenzen hinaus", sagt die 45-Jährige im Interview.

Berliner Morgenpost: Frau Monteiro, Ihr Bezirk ist in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich gewachsen. Wird es in diesem Tempo weitergehen? In welchen Kiezen ist die Entwicklung am dynamischsten?

Birgit Monteiro: Wir gehen davon aus, dass sich das Wachstum fortsetzen wird. Besonders dynamisch ist es an der Rummelsburger Bucht, in Alt-Lichtenberg und in Karlshorst. In Karlshorst lebten vor ein paar Jahren 18.000 Einwohner, jetzt sind es 25.000. In wenigen Jahren werden es voraussichtlich 30.000 sein. Es gibt im Bezirk nicht nur viel Neubau, sondern auch Verdichtung in einigen Kiezen. Wir haben derzeitig 263.000 Einwohner im Bezirk, in zehn Jahren werden es um die 280.000 sein.

Wie erklären Sie sich den aktuellen Boom?

Der Bezirk ist sehr zentrumsnah und grün, und wir haben noch freie Flächen für den Wohnungsbau. Weitere Pluspunkte sind der gut ausgebaute öffentliche Nahverkehr und das Image, das sich positiv gewandelt hat.

Wer zieht hierher?

Junge Familien ziehen gerne hierher, weil es große und bezahlbare Wohnungen gibt. Und die gute Infrastruktur mit vielen Kitaplätzen ist sicher auch ein Argument. Auch für Studenten ist es ein interessanter Bezirk, schon traditionell haben wir hier viele Studentenquartiere. Das Durchschnittsalter im Bezirk liegt mittlerweile bei unter 45 Jahren. Auch in der Schulentwicklungsplanung merken wir, dass sich viel verändert hat – aufgrund der steigenden Kinderzahlen haben wir einen großen Bedarf an neuen Schulen. Noch vor zehn Jahren waren wir in einem tiefen Tal, wir mussten Schulen schließen und teilweise leider auch abreißen.

Stadtforscher sagen: Junge Familien entdecken den Reiz des Bezirks eher gezwungenermaßen, weil sie sich Friedrichshain-Kreuzberg nicht leisten können.

Das kann man nicht ausschließen, dass manche aus anderen Bezirken kommen, weil hier die Mieten günstiger sind. Aber das spricht auch für die Attraktivität des Bezirks. Wir haben ja hier das Bündnis für Wohnen …

… in diesem Bündnis haben sich private Investoren, öffentliche Wohnungsunternehmen, Genossenschaften und der Bezirk zusammengeschlossen, insgesamt mehr als 15 Partner.

Neben dem Ziel einer Förderung von Wohnungsneubau ist es ein Ansatz dieses Bündnisses, das Wohnen im Bestand zu sichern – da reden wir von rund 70.000 Wohnungen. Das ist das Pfund, mit dem wir wuchern können, um die Mieten einigermaßen niedrig halten zu können. So sind beispielsweise unbürokratische Härtefallregelungen möglich.

In Teilen des Bezirks gibt es besonders eklatante Mietsteigerungen. In Rummelsburg sind die Mieten innerhalb weniger Jahre um mehr als 50 Prozent gestiegen. Muss Ihnen diese Entwicklung nicht Sorge machen?

Das unterstreicht die wichtige Rolle der öffentlichen Wohnungsunternehmen. Viele Fragen müssen wir aber auch bundesweit klären. Ich bin nicht zufrieden mit der Mietgesetzgebung und der Möglichkeit, bei Neuvermietungen hohe Aufschläge zu realisieren.

Im Bereich Wohnen passiert bei Ihnen viel – doch kulturell kann der Bezirk noch aufholen. Wie wollen Sie die Kreativszene stärken?

Es gibt interessante Künstlergemeinschaften, zum Beispiel die BLO-Ateliers, die viel frischen Wind nach Lichtenberg gebracht haben. In der bezirklichen Entwicklungsplanung wollen wir einen Fokus auf die künstlerische und kulturelle Entwicklung legen. So gibt es viele Atelierflächen in Hohenschönhausen und eine wachsende kreative Kultur- und Kunstszene. Eine ähnliche Nutzung kann ich mir in Ergänzung zu Schwimmen, Wellness, Reha und Gesundheit auch für das historische Hubertusbad, für das gerade die Ausschreibung läuft, vorstellen. Das könnte auch ein guter Ort für Kreative sein. Die etablierte Kultur ist sicher auch in anderen Bezirken zuhause, aber hier in Lichtenberg passiert gerade viel Frisches und Innovatives.

Die Clubszene scheint den Bezirk auch für sich zu entdecken, der Kultclub Sisyphos liegt an der Rummelsburger Bucht, in nächster Zeit stehen weitere Cluberöffnungen an.

Das ist auch mein Eindruck. Wir müssen allerdings einen Interessenausgleich organisieren, damit unsere angestammten Bewohner diese Entwicklung auch mitgehen.

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