Illegale Entsorgung

Deponie-Desaster im Berliner Tierpark weitet sich aus

Im Tierpark Friedrichsfelde wurden 90.000 Tonnen kontaminierte Erde aufgeschüttet. Die Kosten für die Entsorgung belaufen sich inzwischen auf 2,4 Millionen Euro.

Die Ausmaße der illegalen Entsorgung von kontaminierter Erde im Tierpark Friedrichsfelde sind weit größer als zunächst gedacht. Wie Umwelt-Staatssekretär Christian Gaebler (SPD) am Montag mitteilte, wurden dort nicht nur, wie bislang angenommen, 30.000 Tonnen mit Schwermetallen belastete Erde aufgeschüttet, sondern mindestens 90.000. Die Kosten für die Entsorgung beliefen sich inzwischen auf bis zu 2,4 Millionen Euro, so der Staatssekretär.

Bei einer genaueren Untersuchung des vom Tierpark angemieteten Erweiterungsareals, das im Besitz des Berliner Liegenschaftsfonds ist, sei zudem eine weitere Verdachtsfläche entdeckt worden, auf der in jüngster Vergangenheit Sand und Erde abgelagert wurden, sagte der Staatssekretär weiter.

Ob es sich auch bei dieser Aufschüttung um kontaminierten Erdaushub handele, werde derzeit vom Bezirksamt Lichtenberg untersucht. „Die unzureichenden Kontrollen der früheren Tierpark-Leitung haben offenbar dazu geführt, dass Tausende Lkw-Ladungen Erde in den Park gebracht wurden“, sagte Gaebler.

Mit dem Wissen der Behörden

Große Mengen des Erdaushubs stammten offenbar von einem Lager an der Heidestraße und waren auch mit Wissen der Behörden in den Tierpark verbracht worden. Allerdings gingen diese von viel geringeren Mengen aus – „und davon, dass der Sand, wie Untersuchungen vor Ort ergeben hatten, lediglich sehr gering kontaminiert war“, so Gaebler. Die Umwelt-Expertin Silke Gebel (Grüne), die im Oktober Akteneinsicht beantragt hatte und am Montag erstmals in die Unterlagen schauen konnte, befürchtet, „dass die jetzt bekannt gewordenen Mengen nur die Spitze des Eisbergs sind“. Offenbar habe der Tierpark in den vergangenen Jahren regelrecht als Bauschutt-Deponie gedient.

Noch zur Amtszeit des früheren Tierpark-Chefs Bernhard Blaszkiewitz waren im September 2013 nahe des Wirtschaftshofs Erdhügel aufgeschüttet worden. Blaszkiewitz soll geplant haben, den Sand in den Gehegen auszustreuen sowie zur Anlage neuer Wege zu verwenden. „Wie eine Überprüfung ergab, ist der angelieferte Sand zwar rechtlich als nicht gefährlich einzustufen“, so Michael Thielke, Leiter der Abteilung Immissionsschutz in der Senatsverwaltung für Umwelt.

Eine Gefahr für Mensch, Tier oder Grundwasser gehe von dem Sand nicht aus, obwohl er mit Schwermetallen kontaminiert sei. Diese Kontaminierung mache den Sand jedoch auch ungeeignet dafür, einfach in Gehegen und auf Gehwegen ausgestreut zu werden, wo Regen die Schadstoffe auswaschen könnte. Der Tierpark sei offenbar von einer falschen Verwendbarkeit der angelieferten Erde ausgegangen.

Problem für neuen Tierpark-Chef

Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen illegaler Abfallentsorgung und unerlaubten Betreibens einer Anlage gegen Blaszkiewitz. Für dessen Nachfolger Andreas Knieriem, der am 1. April dieses Jahres den Dienst angetreten hat, ist der Erdhaufen ein Problem. „Anstatt den Tierpark aufzubauen und neue Landschaften für Tiere und Besucher zu bauen, muss ich mich um verunreinigten Sand kümmern. Das kostet viel Zeit und Energie, die ich lieber konstruktiv für die Modernisierung des Tierparks verwenden möchte“, so Knieriem. Er hoffe, dass nun die Verursacher und nicht der Tierpark zur Rechenschaft gezogen werde. Durch Nachforschungen bei den Mitarbeitern sei herausgekommen, dass dem Tierpark von einer Charlottenburger Baufirma zwischen September und November 2013 Bodenmaterial angetragen wurde. Die Firma habe den Mitarbeitern damals bestätigt, dass der Sand unbedenklich sei.

Im Mai 2014 habe der Tierpark einen Sachverständigen mit der Begutachtung des Sandes beauftragt. Das Ergebnis: Es wurde deutlich mehr Sand als vereinbart angeliefert. Zudem weist der Sand eine gesteigerte Verunreinigungsklasse Z2 auf. Dieser verunreinigte Sand darf nicht verbaut, sondern muss kostenpflichtig entsorgt werden. Die Beseitigung des Sandes werde der Tierpark von der Baufirma zivilgerichtlich einfordern, so Knieriem. Eine entsprechende Klage sei im November beim Landgericht eingereicht worden. Auch der ehemalige Tierparkdirektor werde zivilrechtlich belangt.