Die schmerzhafteste Liebe ist die enttäuschte. Und bei diesem Arbeitstrip hat sie mehrere Kinnhaken eingesteckt. Dabei war es nur eine Routinesache. Zaungegner, die sich mit Osterhasenkostümen verkleidet hatten, wollten uns Medienleuten im Görlitzer Park ihre Argumente vortragen. Kein Witz. Also fuhr ich mittags gen Kreuzberg. Die Eindrücke jener Tour dorthin machen es mir hier ausnahmsweise einmal schwer, meinen Liebling Kreuzberg in Schutz zu nehmen.
Berlin-Kreuzberg und der öffentliche Personennahverkehr
Sogar die BVG-Frau im Lautsprecher klingt genervt. „Person im Gleis“, hören zwei Dutzend Wartende auf dem Bahnsteig Hallesches Tor. Keine Textzeile ist in Berlin derzeit öfter zu hören. Sie ist der Anti-Hit der Hauptstadt.
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Zehn Minuten später: dieselbe Frau. Jetzt klingt sie peinlich berührt. „Die Person im Gleis am Görlitzer Bahnhof ist fort. Aber dort ist ein Zug liegen geblieben. Den müssen wir jetzt erst mal da irgendwie wegbekommen.“ Ich beschließe, die 45 Minuten zum Termin zu laufen.
Berlin-Kreuzberg und sein Stadtbild
Im Spätsommer 2025 startete die BSR die Kampagne „Sauber geht nur gemeinsam“. Beim Gang durchs Viertel aber lerne ich: Auch für „dreckig“ braucht es Teamwork. An der Ecke Admiralstraße beispielsweise scheinen richtig viele mit angepackt zu haben. Gemeinsam halt. Sechs überquellende Mülltonnen stehen auf dem Gehweg.
Wie vierbeinige und geflügelte Geschöpfe in freier Wildnis haben auch hier die Bewohner ihre Spuren hinterlassen. Die Tonnen umringen Hausmüll in durchsichtigen Tüten, Partynachlass wie Sekt- und Weinflaschen, Kartons aus dem Obst- und Gemüseladen. Man muss gar nicht groß Paläontologe oder Biologe sein, um auf einen Blick alle Facetten des diversen, bunten und so reichlich gefeierten Kreuzberger Lebens zu identifizieren. Von Wohnen bis Shopping und Nightlife: alles dabei.
Berlin-Kreuzberg und die E-Mobilität

Der Senat ist fest entschlossen: Bis 2035 soll das Wildparken von E-Rollern auf Bürgersteigen ein Ende haben. In Kreuzberg scheint man diesem Termin ängstlich entgegenzusehen. Die paar verbleibenden Jahre nutzen fidele Roller-Mieter dort daher, um nochmal so richtig verrückt zu parken. Vielleicht verabredet man sich dazu in Tiktok-Gruppen. Vielleicht spinnen sie jetzt auch einfach alle. Jedenfalls haben sie das Trottoir Ecke Manteuffelstraße nach Herzenslust zugestellt. Dazwischen Leihräder. Meine Neugier ist geweckt. Eben Müll, jetzt Roller und Räder. Wie ist wohl die nächste Ecke dekoriert?
Berlin-Kreuzberg: Übernachtung, Handel und Hygiene

Dort aber muss man schon ein bisschen Bescheid wissen, um zu verstehen, was passiert ist: An der Görlitzer-/Skalitzer Straße steht im Park die öffentliche Toilette offen. Neulich Morgen konnte ich am U-Bahnhof Südstern sehen, wie sowas geht. Ein Crack-Süchtiger hatte im strömenden Regen mit seinen verbliebenen Kräften an der Automatiktür geruckelt, um sie aufzudrücken. Drinnen wird dann geschlafen, konsumiert. Als ich Mitte März im Görlitzer Park war, bot mir ein Dealer aus der Toilette heraus eine Portion Koks an. Ein adäquater Ersatz für die stadtweit verschwindenden Alt-Berliner Kioske ist das nicht. Die verkauften zumindest auch Zeitungen.
Berlin-Kreuzberg und die Gewalt
Am Treffpunkt für den Pressetermin der Zaungegner, dem Eingang Falckensteinstraße, bin ich 30 Minuten zu früh. Ich setze mich auf die Steinbrüstung. Einen Schritt entfernt stehen neun, zehn Dealer. Kaufangebote lehne ich ab. Einer der Männer in glänzend-schwarzer Daunenjacke wird plötzlich laut, wirft die Arme in wegscheuchender Geste, schimpft wüst mit dem Kollegium. Offenbar sieht auch er, dass hier kein Kinderwagen, kein Rad, kein Schüler, keine Seniorin mehr durchkommt. Ganz schlecht fürs Image.
Mit einem Mal ist da ein Widersacher, der auf ihn einprügelt. Der andere schlägt zurück. Es geht hin und her. Nicht kühl und treffsicher wie im Krimi. Sondern unbeholfen, rasend, verzweifelt. Und keiner will aufhören. Selbst fürs Zusehen zu viel.
Irgendwann trennen die anderen Dealer die beiden. Einer blutet aus der Wange, der andere aus dem Mund.
Berlin-Kreuzberg als Ort der Selbstentfaltung

Auf dem Rückweg vom Termin ist das Hallesche Tor wieder meine Umsteige-Station. Wikipedia sagt, mit dem Baujahr 1902 sei der Bahnhof in Berlin einer der ersten. 124 Jahre später ist er mit das Letzte: ein Ort der Obdachlosigkeit, der Drogensucht. Dazwischen großflächig Taubenschmutz.
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Auf einer Treppe bleibt ein Mann mit Corona-Maske und wohl selbstgeschnittenem, mausgrauem Haar mitten im Strom der Passanten stehen. Er stößt Unverständliches aus, zückt einen Stift und schreibt hastig „Leichen Hölle“ an die Stahlkonstruktion. Ich rufe ihm nach: „Und was soll das jetzt heißen?“, aber der Mann ist schon im Gewühl verschwunden. So bleibt sein Schriftzug wie die meisten Beobachtungen auf dieser Tour durch Kreuzberg: rätselhaft.




