Das Hochhaus ist umbenannt, bevor es überhaupt bezogen wurde. Das „Edge East Side Berlin“ an der Warschauer Brücke in Berlin-Friedrichshain heißt im Volksmund längst „Amazon-Tower“. Während der Bezug des Gebäudes jüngsten Unternehmensaussagen zufolge auf das kommende Jahr verschoben wurde, haben Gegner für das kommende Wochenende zu einem Protest-Umzug aufgerufen. Die Veranstalter führen dessen Strecke bewusst durch die Rigaer Straße, die in der Vergangenheit Schauplatz von Krawallen und Auseinandersetzungen zwischen Hausbesetzern und Polizei war.
Zum Bündnis der Demonstranten gehören etwa die Gruppen Fridays for Future und Deutsche Wohnen und Co. enteignen. Eine Forderung ist die komplette Zerschlagung Amazons, verbunden mit dem Vorwurf, das Unternehmen fördere eine klimaschädliche Waren-Überproduktion. Kim Smith von der beteiligten Initiative „Berlin vs. Amazon“ wirft dem Konzern darüber hinaus vor, schlechte Arbeitsbedingungen etwa von Boten in Subunternehmen zu tolerieren. Das Unternehmen lasse sich an einem szenigen Ort wie Friedrichshain nieder, profitiere von dessen coolen Renommee, verderbe dort aber die Mietpreise und gebe insgesamt der Öffentlichkeit „nichts zurück“. Unter anderem, so Smith, weil Amazon unter Ausnutzung aller Steuertricks die Abgaben in der Bundesrepublik minimal halte.
Amazon-Tower in Berlin-Friedrichshain: Demonstriert wird am Sonnabend
War der Einzug in den 140-Meter-Turm noch für dieses Jahr angekündigt, sagte eine Unternehmenssprecherin jetzt, dies sei aufs kommende Jahr verschoben. Die Innenausbauten seien noch nicht abgeschlossen. Ein angesteuertes Quartal 2025 könne man nicht nennen.
Im Gebäude mietet Amazon 33 von 35 Etagen. Derzeit hat das seit 2011 in Berlin ansässige Unternehmen vier Standorte in Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg und Charlottenburg-Wilmersdorf. Rund 2500 Menschen arbeiten dort, 3000 passen ins neue Gebäude, dessen Kosten seit mehreren Jahren auf 400 Millionen Euro geschätzt werden, inzwischen aber höher liegen dürften.
Das Gebäude ist Ziel von Angriffen
Gegner von Amazon und des Towers gingen in der Vergangenheit mit teils illegalen Aktionen gegen das Unternehmen vor. Im April 2024 etwa kletterten Aktivisten vor 150 Demonstranten die Fassade des Gebäudes hinauf. In der Nacht zum 1. Mai gab es einen Brandanschlag auf 16 Amazon-Transporter in Reinickendorf. Es kommt häufig zu Steinwürfen gegen das Gebäude, die Front ist Ziel für Farbbeutel und aufgesprühte Anti-Amazon-Slogans.
Aus der Anwohnerschaft gibt es seit Anfang der Projektplanung Kritik. Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg stellte sich vor dem Baustart klar gegen das Hochhaus. Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) beklagte 2019, die umzusetzende Planung weiche inzwischen zu stark vom Ergebnis des Werkstattverfahrens ab, auf das sich Senat, Bezirk und Investor geeinigt hatten. Der Senat solle vom Eigentümer einen neuen Wettbewerb verlangen. Dieser gab dennoch grünes Licht: Für eine nachträgliche Entziehung des Baurechts – bereits 2004 fürs Areal erteilt – fehle die Rechtsgrundlage, hieß es.
Marschroute mit besonderer Bedeutung
Aktivist Kim Smith sagt, für den Umzug am Sonnabend seien 250 Teilnehmer angemeldet. Die Rigaer Straße sei in die Strecke einbezogen worden, um an die dortigen Konflikte um Wohnraum zwischen Hauseigentümern und Besetzern zu erinnern. Man verstehe Amazon, einen der weltgrößten Arbeitgeber mit über 1,5 Millionen Angestellten, stellvertretend für internationale Konzerne. Am neuen Firmensitz, so räumt er ein, sei auch die Erinnerung an die Niederlage der Gegner von Entwicklungsprojekt „Mediaspree“ gegenwärtig, das seit den 90er-Jahren entlang der Spree entstand und zu dem etwa das Entertainment-Viertel westlich des Amazon-Gebäudes zählt.
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Wann auch immer der Bau bezugsfertig ist: Für jene, die dort arbeiten, wird der Alltag schwierig. „Wir finden es unberechtigt, wenn sich unsere Mitarbeiter bedroht fühlen müssen“, so die Unternehmenssprecherin. Darüber hinaus befindet sich der Tower an der Warschauer Brücke, die samt Umfeld von der Polizei als einer der sieben Berliner kriminalitätsbelasteten Orte geführt wird.
Ungewisser Blick in die Zukunft
Was ist da ab 2025 zu erwarten? Schon jetzt steht das Gebäude im Visier mitunter übergriffiger Gegner. Vor der Tür hat es die Polizei mit Drogendealern, Cracksüchtigen und Obdachlosen zu tun. Gleichzeitig hat der Konzern als soziale Konzession versprochen, erste und oberste Etage des Gebäudes würden frei zugänglich sein, ein Stockwerk werde zudem gemeinnützigen Organisationen zur Verfügung gestellt. Die im kommenden Jahr einziehenden Mitarbeiter könnten sich in diesem Szenario bald fühlen wie im Belagerungszustand.
Demonstration Sonnabend, 26. Oktober, 16.30 Uhr ab Schleidenplatz.
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