„Edge East Side“

Grüner Baustadtrat will Bau von Amazon-Turm blockieren

Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) weichen die Baupläne für das „Edge East Side Berlin“ zu stark vom ursprünglichen Konzept ab.

Turm an der Warschauer Brücke: So soll nach Wunsch der Investoren das Projekt „Edge East Side Berlin“ aussehen.

Turm an der Warschauer Brücke: So soll nach Wunsch der Investoren das Projekt „Edge East Side Berlin“ aussehen.

Foto: EDGE Technologies

Berlin. Die Ansiedlung von Internetriese Amazon in Friedrichshain droht zu scheitern. Denn Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) will den Bau des neuen Firmensitzes „Edge East Side Berlin“ an der Warschauer Brücke blockieren.

Grund: Weil die aktuelle Planung vom ursprünglich verabredeten Konzept stark abweiche, will er Bausenatorin Katrin Lompscher (Linke) dazu bewegen, gemeinsam mit dem Bezirk vom Eigentümer einen neuen Wettbewerb zu verlangen.

Am Montag hatte der Onelinehändler Amazon wie berichtet mitgeteilt, dass man einen Großteil des „Edge East Side Berlin“ anmieten werde. Vorgesehen sei, von den 35 Etagen 28 zu übernehmen. In die verbleibenden Stockwerke ziehen andere Firmen.

Daraus könnte vorerst nichts werden, denn das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg weist auf erhebliche Unterschiede zwischen den ursprünglichen Plänen und jenen, die jetzt umgesetzt werden sollen, hin. Am 2. September hatte der Bezirk die Baugenehmigung erteilt. Ein neuer Wettbewerb würde diese ausbremsen.

Ganz wichtig: Öffnung des Gebäudes für die Nachbarschaft

Die Vorgeschichte: Die OVG Real Estate, ein Projektentwickler aus den Niederlanden, hatte das dänische Architekturbüro „Bjarke Ingels Group“ mit dem Entwurf beauftragt. Geplant wurde ein 135 Meter hohes Hochhaus mit treppenartigen Schlitzen, Sockel und umlaufenden Terrassen. Bei einer Geschossfläche von 80.500 Quadratmetern sind Begrünungskonzept und Öffnung des Gebäudes für die Nachbarschaft vorgesehen. Dazu gehören im Erdgeschoss etwa Cafés, Nutzung des Außenbereichs und möglicherweise Co-Working-Angebote. OVG-Geschäftsführer Martin Rodeck hatte das Investitionsvolumen mit 400 Millionen Euro angegeben. Mit der Fertigstellung wurde bislang 2023 gerechnet.

Mit dem Wettbewerbsergebnis aus einem Gutachterverfahren, heißt es in einer Erklärung des Bezirks, seien alle Beteiligten noch zufrieden gewesen. „Jedoch wurde im Bauantrag ein vollkommen anderer Entwurf eingereicht.“

„Stimmiges Konzept nicht zu erkennen“

Das Bezirksamt betonte am Freitag vor allem die ablehnende Haltung des Baukollegiums Berlin gegenüber den Entwürfen. Im Gremium beraten sechs unabhängige Experten sowie Senatsbaudirektorin Regula Lüscher geplante Projekte von gesamtstädtischer Bedeutung. Den Forderungen des Baukollegiums kommen Bauherren in der Regel nach.

Im Fall „Edge“ wurden das Projekt viermal dort vorgestellt. Die Experten zeigten sich jedesmal unzufrieden. Zuletzt teilte die Senatsverwaltung Stadtentwicklung im September mit, dass die vorgeschlagene Überarbeitung des Entwurfes für Sockelbereich und Umgebungsgestaltung das Baukollegium auch beim vierten Mal nicht überzeugt habe. Strukturelle Fragen seien nicht angemessen bearbeitet worden. Eine stilistische Integration in den Bezirk sei nicht adäquat umgesetzt worden. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Investoren bereits ihre Baugenehmigung. Ein stimmiges Konzept, so das Baukollegium, sei noch immer nicht zu erkennen.

Quasi nicht mehr zu retten

Laut Bezirksamt wurde in Stadtrat Schmidts Stadtentwicklungsamt daraufhin beraten, wie man auf die „radikale Ablehnung des Entwurfs im Baukollegium“ reagieren solle. Nachdem sich jenes Experten-Gremium distanziert und den Entwurf als quasi nicht mehr zu retten bezeichnet habe, sei der Entschluss gefallen als Bezirk einen Vorstoß zu unternehmen, „den Bau dieses unzureichenden Entwurfes zu verhindern“.

Dem Vorwurf, Friedrichshain-Kreuzberg vergraule wieder einmal ein namhaftes Unternehmen, tritt das Bezirksamt entgegen: Bei Versendung des entsprechenden Briefs an die Senatorin am 11. Oktober, so unterstreicht man, sei nicht bekannt gewesen, dass Amazon in das Gebäude ziehen will. Kritisiert wird, dass die Eigentümer seit ursprünglicher Planung auf einem erheblich kleineren Grundstücksteil bauten, wodurch in Folge „ein ganz anderes Hochhaus entworfen“ worden sei. Der Bezirk will jetzt zum neuen Geländezuschnitt einen neuen Wettbewerb durchsetzen. Die Forderung werde man bis hin zu einer Klage durchsetzen.

In der Senatsverwaltung Stadtentwicklung und Wohnen gab es am Freitag keine endgültige Haltung zum Brief des Bezirks. Aktuell werde geprüft, ob die Verabredungen, die im städtebaulichen Vertrag getroffen wurden, eingehalten wurden. Da der Vertrag 70 Seiten umfasst, werde die Prüfung noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Der Vertrag und die Prüfung seien komplex und gingen über den Vergleich der Entwürfe weit hinaus. „Das lässt sich nicht auf die einfache Formel ‘Gebäude damals’, verglichen mit ‘Gebäude heute’ reduzieren“, so eine Sprecherin.

"Schmidt will Berlin zu Kleinkleckersdorf zurückbauen"

Scharfe Kritik daran, den Entwicklungsprozess nun wieder komplett aufrollen zu wollen, übte Christian Gräff, wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion Berlin: Er erinnerte an die Abwanderung des Google-Campus aus Kreuzberg: „Erst Google, jetzt Amazon.“ Schmidt wolle „Berlin zu Kleinkleckersdorf zurückbauen“.

Die CDU appelliert an den Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD), dass der Senat den Fall Amazon an sich ziehe und wegen übergeordneter Dringlichkeit zur Chefsache mache. „Unsere Stadt braucht Investoren, Macher und Ideen, keine ideologisch verbohrten Blockierer“, sagte Gräff.

Deutliche Worte kamen auch aus der Berliner Wirtschaft. Berlin könne sich freuen, wenn ein Konzern wie Amazon eine Niederlassung in Berlin mit mehreren hundert Arbeitsplätzen eröffnen wolle, erklärte IHK-Hauptgeschäftsführer Jan Eder. "Stattdessen droht sich zu wiederholen, was wir bereits bei Google und dem geplantem Karstadt-Umbau gesehen haben: Investoren werden abgeschreckt statt begrüßt. Das ist eine wirtschaftspolitische Harakiri-Strategie mit weltweit negativer Ausstrahlung", so Eder weiter.