Auf einem plüschig-roten Sofa hebt Marga Bach den Zeigefinger, um zu Beginn des Gesprächs gleich mal einen Irrtum aus der Welt zu räumen: „Viele denken, außerhalb der Stadt sei das Berlinern unbeliebt und verstehen könne das auch niemand. Aber: ganz im Gegentum, wie der Berliner sagt. Auf meinen Tourneen habe ich gemerkt, dass es die Menschen einfach lieben.“

Also hat die Kabarettistin, die sich selbst lieber eine Komödiantin nennt, ein Theater erdacht, eingerichtet und am 1. September eröffnet, für das die Pflege der Berliner Mundart Leitlinie und Geschäftsmodell sein soll. „Ich will in die Touristenführer“, sagt sie selbstbewusst.

Früher war dort das Kabarett „Charlie M“. Als Bach hörte, dass es schließt, sah sie die Zeit gekommen, ihren lang gehegten Plan zu realisieren. Rund 50.000 Euro steckte sie in die Renovierung. „Andere Leute gehen in Rente, ich mache ein Theater auf“, sagt Bach, die ihr Alter vage und mit einem breiten Lächeln mit „über 60“ umschreibt. „Berliner Schnauze – MundArt und Comedy Theater“ hat sie ihre Bühne genannt. Den Namen hatte sie sich vorausschauend schon Anfang des Jahrzehnts urheberrechtlich schützen lassen.

Rustikale Witze und plüschiges Mobiliar

Ihr eigenes Programm spinnt sie vor allem um Beziehungsthemen, rustikale Sachen, griffige Sätze, die das Publikum – man kann das online auf ihrer Seite nachhören – erst nach kurzem Überlegen oder Sackenlassen zum Lachen bringen. Bach macht bittere Sprüche wie: „Wenn die Frauen verblühen, verduften die Männer“ oder „Sie, ick jeb Ihnen ‘n juten Tip: Wenn ‘Se Angst ham vorn Alleensein: heiraten ‘Se besser nich’.“ Sie selbst beschreibt das Spek-trum dessen, worüber sie bei ihren Shows spricht und singt als: „Frauen, Männer und das dazwischen.“

Das Ambiente für ihre Auftritte hat nun den Hauch eines Salons. Es gibt restauriertes Mobiliar mit samtenem Jahrhundertwende-Flair, Rauchtischchen für den Verzehr zwischendurch, und eine alte Chippendale-Konstruktion, die sie sich zu Rezeption und Tresen umbauen ließ. Auf eine daran befestigte Tafel schrieb sie dann aber doch mit Kreide, damit das Ganze nicht allzu förmlich wirkt, den Willkommensgruß: „Komm’ Se ‘rin, könn ‘Se rauskieken“.

Eine Wandmalerei neben den schlichten Stühlen fürs Publikum zeigt eine Berliner Silhouette mit Gebäuden, die der gebürtige Biesdorferin Bach als exemplarisch für die Stadt erschienen: Fernsehturm, Weltzeituhr, Berliner Dom, Synagoge. Hinterm Tresen gibt es ausschließlich Getränke aus Berlin, für 4,40 Euro bekommt man laut Speisekarte „Koks“. Auswärtige würden das für eine illegale Substanz zu einem relativ guten Preis halten. Einheimische dagegen halten sich schon beim Gedanken daran den Kopf. Denn es handelt sich hier um jenen berüchtigten Berliner Cocktail, der aus Weinbrand oder Rum, Würfelzucker und Kaffeebohnen besteht.

"Ich liebe Berlin"

„Ich will nur Dinge anbieten, die mit Berlin zu tun haben“, sagt Bach. Durch ihre Familiengeschichte und deren Stationen kann sie mit den Sprachen und Dialekten jonglieren. Sächsisch, Ostpreußisch, Österreichisch, Schwäbisch, Englisch und Russisch mischt sie ins Gespräch. Hinzu kommen zwei Jahrzehnte auf Tour. Zwischendurch gab es Engagements bei der „Kneifzange“, im „Kabarett Kartoon“ und bei den „Stachelschweinen“. Seit 2011 schiebt sie ab und an ein Programm nach Art der Komikerin Helga Hahnemann dazwischen.

Fast jeder Ort, an dem sie auftrat, habe eine Bühne für Mundart gehabt. „Ich dachte immer, warum haben wir das nicht“, sagt Bach. Denn sie hängt sehr an Berlin. „Ich liebe die Stadt, ich liebe den Dialekt, die falsche Grammatik, die Verweise auf das Französische, auf Jiddisch und was nicht noch alles.“ Sie zitiert den Aphorismus der 2015 verstorbenen Philantropin Anneliese Bödecker: „Die Berliner sind unfreundlich und rücksichtslos, ruppig und rechthaberisch, Berlin ist abstoßend, laut, dreckig und grau, Baustellen und verstopfte Straßen, wo man geht und steht – aber mir tun alle Menschen leid, die nicht hier leben können!“ Dies, so Bach, treffe die Berliner Situation recht genau. Der Musiker Peter Fox hat das vor inzwischen schon zehn Jahren noch komprimierter ausgedrückt. In „Schwarz zu blau“ singt er: „Guten Morgen Berlin, Du kannst so hässlich sein, so dreckig und grau, Du kannst so schön schrecklich sein.“

Auf ihrem Haus lastet nun eine Hypothek

Seit dem 1. September gibt es bei Bach nun außer dienstags täglich Programm. Ticketanfragen beantwortet sie selbst, die Feiertage Ende des Jahres seien bestens gebucht. Neben Bachs Auftritten spielt etwa Siegrid Grajek eine Claire Waldorf Hommage, die Red Shoe Boys liefern eine Travestieshow: Genres, die, wie es nicht zuletzt Erfolgsserie „Babylon Berlin“ wieder zeigte, zur DNA der Berliner Kleinkunst gehören. „Wer bei mir auftritt, muss schon mehr berlinern können, als hier und da mal ,Schrüppe’ und ,Icke’ zu sagen“, so Hausherrin Bach.

Ihr Theater „Berliner Schnauze“, so ihr Ziel, soll zu einer weit über Berlins Stadtgrenze bekannten Adresse werden, an der man jederzeit das volle Berliner Programm bekommt. „Mein Alleinstellungsmerkmal“, sagt sie und fügt hinzu, dass sie sich dafür allerdings noch weit mehr Online-Vermarktungskenntnis verschaffen müsse. Aber: „Wer sein Ziel verwirklichen will, muss auch Risiken eingehen.“

Für sie bedeutet dies, dass die „Berliner Schnauze“ erst einmal noch lange für rote Zahlen sorgen wird. Auf ihrem jüngst erst abbezahlten Haus im Brandenburger Eggersdorf, in dem sie mit ihrem kubanischen Mann lebt und so oft es geht ihre erwachsenen Söhne empfängt, lastet jetzt eine Hypothek. Aus der Ruhe scheint sie das nicht zu bringen. Vielmehr rüstet sie sich für die Zukunft. Bevor sie abends die Leute zum Lachen bringt, sorgt sie tagsüber für ein bisschen Sicherheit ihrer Bühne und aquiriert neue Tour-Termine für die Jahre 2019/20. Und hier und da wird sie dann nachsehen, wie die Kollegen dort Mundart-Theater machen.

Berliner Schnauze - MundArt und Comedy Theater, Karl-Marx-Allee 133, Friedrichshain, Tickets kosten 24 Euro, Tel. 030/42 02 04 34, und Eventim-light.com, www.playbach.de

Mehr aus Friedrichshain-Kreuzberg: