Das befürchtete Verkehrschaos durch den Schienenersatzverkehr der im Osten Berlins auf mehreren Linien unterbrochenen S-Bahn ist weitgehend ausgeblieben. „Da war rein gar nichts“, sagte eine Bahn-Mitarbeiterin am Alexanderplatz am Freitagvormittag. Die S-Bahn setzte dort auffallend viel Personal zur Information der Fahrgäste ein. Diese gelangten so recht unproblematisch vom Bahnhof zur Ersatzhaltestelle an der Grunerstraße. Dort fuhren die Busse vormittags in regelmäßigen Takten ab.
Ganz so rund lief es am Morgen nicht. Die Busse steckten zum Teil im morgendlichen Berufsverkehr fest, sagte ein Busfahrer. Erschwerend hinzu gekommen sei ein Unfall auf der Hauptstraße in Rummelsburg. Zwischenzeitlich hätten zwischen Ostkreuz und Ostbahnhof nicht alle Fahrgäste im Bus Platz gefunden. In diesen Fällen habe der nachfolgende Bus jedoch bereits gewartet und diese aufnehmen können, sagte er. Am Alexanderplatz ankommende Busse waren auch am Vormittag brechend voll. Der Betrieb lief zu dieser Zeit aber äußerst flüssig und unproblematisch.
Ähnlich sah es bei der U-Bahnlinie U5 aus. Die BVG hatte den Takt wegen des Schienenersatzverkehrs seit dem Morgen erhöht. Vormittags fuhren die Bahnen so alle vier statt fünf Minuten. Die am Alexanderplatz ankommenden Züge waren daher voll. Der Verkehr lief aber reibungslos.
Der Weg von der östlichen in die westliche Innenstadt ist kompliziert geworden. „Hier nich!“ knurrt der Wachmann vor dem Flatterband am S-Bahnhof Warschauer Straße einen Mann an, der mit seiner Tochter in den Zug nach Charlottenburg steigen möchte. Ein paar Touristen schauen verwirrt in ihre Smartphones, wie sie denn wohl ohne S-Bahn von Friedrichshain nach Mitte kommen.
Also weiter zum U-Bahnhof Warschauer Straße. Aber dort wartet die nächste unliebsame Überraschung. Schienenersatzverkehr. Die U-Bahn pendelt nur über die Spree bis zum Schlesischen Tor. Und das nur im 10-Minuten-Takt. Auf der Kreuzberger Seite muss man schon wieder raus aus dem Zug. Auf der Straße warten hundert Leute auf den Ersatzbus. Irgendwann biegt der dann um die Ecke. Dicht gedrängt geht es damit zum Halleschen Tor. Immerhin: Die Reisenden kommen an.
Der Grund für die Probleme: Seit dem Freitagmorgen und bis zum 12. November gibt es auf allen Ost-West-Verbindungen der Stadtschnellbahn erhebliche Einschränkungen. Vor allem am bevorstehenden Wochenende müssen sich Zehntausende Fahrgäste einen anderen Weg suchen. Grund ist eine Vollsperrung auf dem wichtigsten Knoten im Berliner S-Bahnnetz, dem Ostkreuz. Mit täglich 1500 Zughalten und 123.000 ein-, aus- oder umsteigenden Reisenden gilt der Kreuzungsbahnhof als die am stärksten frequentierte Bahnstation in Deutschland.
S-Bahn hofft auf mehr Pünktlichkeit und Stabilität
Während die Ringbahnzüge auf der oberen Bahnhofsebene weiter ungestört fahren können, ist der Zugverkehr auf den Ost-West-Linien S3, S5, S7, S75 und S9 bis zum 6. November komplett unterbrochen. Auch danach gibt es zwischen Lichtenberg/Karlshorst sowie Ostbahnhof und Alexanderplatz teils erhebliche Einschränkungen im Zugverkehr. Zwar richtet die S-Bahn für alle Linien einen Ersatzverkehr mit Bussen ein, der ist aber lang und zeitraubend. So müssen etwa die SEV-Busse für die S3 zwischen Karlshorst und Alexanderplatz pendeln. Wegen der deutlich längeren Fahrzeit empfiehlt das Verkehrsunternehmen seinen Kunden daher, den gesperrten Bereich möglichst weiträumig zu umfahren (siehe Grafik).
Hintergrund der neuerlichen Sperrung am Ostkreuz sind wieder umfangreiche Bauarbeiten. Zwar hatte die Bahn bereits im vorigen Herbst die 2006 begonnene Erneuerung und Modernisierung des Bahnhofs für abgeschlossen erklärt. Doch ein besonders wichtiges Element, der viergleisige Ausbau der S-Bahnstrecke zwischen Ostkreuz und Ostbahnhof, fehlt noch.
Bislang stehen der S-Bahn auf dem stark befahrenen Abschnitt lediglich zwei Gleise zur Verfügung. Jede Störung in diesem Bereich, jede kleine Zugverspätung hat große Auswirkungen auf den gesamten S-Bahn-Betrieb in der Stadt. Ab dem Fahrplanwechsel am 9. Dezember sollen es dann vier Gleise sein, jeweils zwei pro Richtung. „Jetzt erfolgt der letzte Schliff. Für die Fahrgäste der S-Bahn entsteht die lang ersehnte Einbindung des dritten und vierten Gleises in Richtung Innenstadt. Das bringt deutlich mehr Fahrplanstabilität und auch die Möglichkeit, die S75 wieder mit vollem Programm ans Ostkreuz heranzuführen“, sagte dazu Christian Welzel, Projektleiter Ostkreuz von der Bahntochter DB Netz AG.
Auch nächstes Jahr wird am Ostkreuz gebaut
S-Bahn-Kunden beklagen seit Jahren die oft mangelhafte Pünktlichkeit des nach der U-Bahn zweitwichtigsten Nahverkehrsmittels der Stadt (täglich rund 1,4 Millionen Nutzerfahrten). Zwar liegt die Berliner S-Bahn nach einer jüngst veröffentlichten Statistik des Bundesverkehrsministeriums im Deutschlandvergleich bei der Pünktlichkeit hinter Rostock und Hamburg auf dem dritten Platz. Als verspätet gilt bei dieser Studie eine Zugfahrt allerdings erst dann, wenn sie mehr als sechs Minuten vom Plan abweicht. Nach den Verkehrsverträgen für die Berliner S-Bahn, die wie die Hamburger S-Bahn über ein eigenes, von anderen Bahnen ungestörtes Gleisnetz verfügt, werden aber bereits Fahrplanabweichungen ab vier Minuten als unpünktlich gewertet.
Vertraglich verpflichtet hat sich die S-Bahn, bei mindestens 96 Prozent ihrer Fahrten ohne Verspätung zu verkehren. Diesen Wert konnte sie etwa im Vorjahr lediglich in zwei Monaten erreichen. Die Länder reagierten als Besteller der Leistung darauf mit Strafabzügen in Rekordhöhe, allein Berlin behielt knapp 27 Millionen Euro ein. Die Bahn kündigte im Sommer daraufhin ein millionenschweres Qualitätsprogramm an. Das zeige Wirkung, sagte der Bahn-Bevollmächtige für Berlin, Alexander Kaczmarek. So habe die S-Bahn im September mit einer Quote von 96,1 Prozent erstmals in diesem Jahr die Vorgabe übertroffen. „Und hätte es nicht die Sperrung wegen des Erdogan-Staatsbesuches gegeben, wären wir sogar noch etwas besser gewesen“, so Kaczmarek.
Am Ostkreuz wird übrigens auch nächstes Jahr noch gebaut. Dann soll der wichtigste S-Bahnhof der Stadt endlich das Empfangsgebäude an der Sonntagstraße bekommen – inklusive der von vielen Reisenden vermissten Toiletten.
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