8.30 Uhr, Friedrichshain, Revaler Straße. Die Sonne scheint. Stühle werden vor die Cafés gestellt, Aschenbecher, Kissen. Das „Open“-Schild am Spätkauf war nie aus, wirkt gegen die Sonne nur nicht mehr so grell wie nachts. Autos, Stau, aufgerissene Fahrbahn, Fahrradfahrer fluchen, Ampel rot, Ampel grün. An der Tramstation stehen Menschen geduscht, gekämmt, gekleidet. Kinder mit ihren genervten Eltern, die klingen, als würden sie alle dieselbe Platte abspielen: Bleib stehen, komm jetzt, beeil dich!
Am Ende einer langen Nacht
An der Ecke vor der Sparkasse sitzen Obdachlose, trinken Schnaps und halten den Kunden die Tür auf. Auf der anderen Straßenseite kommt eine Gruppe Endzwanziger belustigt vom RAW-Gelände Richtung Warschauer Straße gelaufen. Sie sind laut. Von Weitem hört man schon, dass sie Englisch sprechen. Irgendwie ungehalten, wenn auch harmlos, setzen sie ihre Sneaker- und Plateausohlen Schritt für Schritt voreinander, die Rucksäcke hängen den Mädchen über die Schultern, sie tragen bauchfrei. In der Hand selbst gedrehte Zigaretten, Bierflaschen und Club Mate mit abgepulten Etiketten. Nicht dass man so was sagen könnte, ohne es zu wissen, aber sie alle sehen irgendwie nach dem Mief einer Nacht voller Alkohol, Tanzschweiß und Rauch aus.
Touristen in Funktionskleidung wollen gerade das ehemalige Reichsbahnausbesserungswerk betreten, als ihnen die Gruppe entgegenkommt. Mal schauen, was da so los ist, schließlich steht darüber im Reiseführer ja: einmalig, kulturbeladen, facettenreich. „I told you, that’s Berlin“, ruft ein älterer Herr seinen Freunden zu und zeigt auf die Jugendlichen. Ja, das ist Berlin. Wenn man in dieser Stadt geboren ist, dann nimmt man diese „wilde“ Mischung nicht mehr wahr. Man ist übersättigt, weil man das alles schon kennt. Vielleicht ist es eine Art Selbstschutz, um sich der ständigen Reizüberflutung zu entziehen.
Und doch ist das Areal auch für viele Berliner ein Ort, den es so in der Stadt und in dieser reinen Form nicht mehr gibt. Eine Grauzone, die unbewacht scheint und in der man sich trotzdem sicher fühlt. Wie ein Dorf des geballten Vergnügens in einer Stadt, in der sich sonst so viel verläuft. Seit den 90er-Jahren liegt das RAW-Gelände still, also die Schienen. Denn seither steht diese Immobilie für Party- und Kiezkultur und steht daher so gar nicht still. Die 52.000 Quadratmeter mit den Backsteinruinen und teilsanierten Gebäuden beherbergen Klubs, Kneipen, Cafés, Tanzstudios, Skatehalle, Konzerthäuser, Imbissbuden. Man kann sich schnell verlaufen, aber auch viel entdecken.
Immer wieder gibt es Berichte von Streitigkeiten zwischen den zahlreichen Betreibern auf dem Gelände und den alle paar Jahre wechselnden Investoren. Von kapitalistischen Menschen ist die Rede, die diesmal alles verändern werden. Mietpreiserhöhung, neuer Wohnraum, Bürokomplex, noch ein Einkaufszentrum – Gentrifizierung. Es lässt die Kreativen dieser Metropole, die mal so günstig war und vergleichsweise immer noch ist, nicht ruhen. Viele trauen nicht den Sätzen wie dem erst kürzlich von den neuen Eigentümern, der Unternehmerfamilie Kurth aus Göttingen, abgegeben: Die DNA des RAW solle erhalten bleiben. Wenigsten gibt es nicht den totalen Umbau - zumindest vorerst.
16 Uhr, immer noch Sonne. Die ersten Kleinbusse mit Musikern, die im „Cassiopeia“ heute auftreten werden, fahren ein. Man winkt sich zu, man kennt sich. Auf gestapelten Lieferpaletten sitzen etwas entrückt wirkende Gestalten mit Energydrinks. Sie sehen aus, als würden sie auf jemanden warten, obwohl die Klubs gerade nur für Soundcheck und Getränkelieferungen öffnen. Die wenigen Touristen mit Stadtplan und Rucksack sind es sicher nicht, auf die sie warten. Ihr Zielpublikum wird erst am späteren Abend eintreffen: Feiervolk, das heute Nacht lange durchhalten wollen.
Im „Haubentaucher“ gegenüber, einem neuen Biergarten, der nur zwischen Außenmauern eines Hauses liegt, laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. In Liegestühlen vor einem Imbissladen liegen Leute, trinken Kaffee. Hinter den Containern, in denen Vintagemöbel zum Verkauf stehen, versammeln sich gerade Punks. Sie sind da, um das Musikvideo der Band Kotzreiz zu drehen. Die Kulisse: rauer Asphalt, Mauern voller Graffiti – Rappernamen, bunte Bilder, Gesichter. Jeder lässt jeden gewähren.
Genau wegen solcher kreativen Freiräume kamen Menschen aus dem Westen des Landes nach Berlin. Als die Mauer fiel, bewegte sich die Masse in den Ostteil der Stadt, an die Orte, wo noch nichts geregelt war und deshalb umso mehr gemacht werden durfte. Kunst, Musik, Tanz und alles, was es sonst so mit sich bringt, auch das Ungesunde.
Freidrehen ohne Limits
22 Uhr, es ist dunkel, das Areal mit Lichtern der einzelnen Locations schummerig beleuchtet, die Nacht wird sicher lang. Es hat sich gefüllt. Vor fast jeder Tür eine Schlange. Haschisch, Marihuana, Ecstasy? Jeder Zweite in der Menge flüstert, nuschelt, brabbelt diese Worte mit einem kleinen Fragezeichen in der Stimme, als wäre es ein Gebet, immer in der Hoffnung, dass es von irgendwem erhört wird. Am Eingang kleben optimistische und gleichermaßen ironische Sticker: Drogenverbot.
Manche nennen das RAW-Gelände den „Technostrich“. Ungeachtet dessen, dass in manchen Klubs auch Rock, Alternativ und Hip-Hop gespielt wird, kann man den Begriff als Sinnbild für eine Kultur sehen, die an diesem Ort noch freidrehen kann ohne Limits. Getränkekisten, Musik, Menschen in tanzender Ekstase – vor ein paar Jahrzehnten brauchte man nicht mehr als das. Natürlich ist das heute anders. Und trotzdem spürt man diesen Grundtenor noch immer auf dem unprätentiösen Areal in Friedrichshain. Vielleicht als letzte Instanz für dieses Lebensgefühl, das doch so typisch für Berlin sein soll?




