Berlin-Kreuzberg

Flüchtling stirbt nach Messerstecherei in besetzter Schule

Auf dem Gelände der besetzten Gerhart-Hauptmann-Schule in Kreuzberg ist es erneut zu einer Messerstecherei gekommen - diesmal endete sie tödlich. Auch am Abend kam es zu einer Auseinandersetzung.

Foto: Steffen Pletl

Was schon seit Monaten befürchtet wurde, ist jetzt eingetreten. Bei einer gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen Bewohnern der von Flüchtlingen besetzten Gerhart-Hauptmann-Schule in Berlin-Kreuzberg ist ein Mensch ums Leben gekommen.

Am Freitagmittag wurde ein 29-jähriger Marrokaner durch Messerstiche so schwer verletzt, dass er noch am Tatort starb. Der mutmaßliche Täter, ein 40-Jähriger aus Gambia, konnte in der Nähe der Schule festgenommen werden. Ein blutverschmiertes Messer, vermutlich die Tatwaffe, hatte er noch in der Hand.

Die Bluttat ereignete sich um kurz nach 12 Uhr in einem Nebengebäude des Schulkomplexes an der Ohlauer Straße. Mehrere Zeugen hatten die Auseinandersetzung, in der der Täter plötzlich zustach, mitbekommen. Ein herbeigerufener Mitarbeiter des in der Schule eingesetzten Sicherheitsdienstes alarmierte gegen 12.20 Uhr Feuerwehr und Polizei. Kurz darauf traf der Notarzt ein, seine Bemühungen, das Opfer zu retten, blieben allerdings vergeblich. Der 29-Jährige starb noch im Rettungswagen, verblutet durch seine Stichwunde im Bauchbereich.

Während Notarzt und Rettungskräfte sich noch um das Opfer bemühten, suchten Polizeibeamte die Umgebung der Schule ab, da der Täter, von einem Sicherheitsdienstmitarbeiter verfolgt, zunächst geflüchtet war. Dank Beschreibungen von Zeugen entdeckten die Beamten den Mann schon kurze Zeit später noch in der Nähe des Tatortes und nahmen ihn fest. Das blutverschmierte Messer, dass er bei sich trug, wurde sichergestellt und der Kriminaltechnik zur weiteren Untersuchung übergeben.

Schulgelände abgeriegelt, Straße gesperrt

Inzwischen hat die 6. Mordkommission die weiteren Ermittlungen übernommen. Konkrete Hinweise über die Motive und Hintergründe der Tat gibt es bislang allerdings noch nicht. Die Befragungen von Zeugen und weiteren in der besetzten Schule lebenden Personen gestalteten sich überaus schwierig, hieß es am Nachmittag. Der Grund seien Sprachprobleme und wohl auch ein „gehöriges Misstrauen der Bewohner gegenüber der Polizei“, sagte ein Beamter. Nach ersten Erkenntnissen soll sich die Tat in einem Duschraum des Nebengebäudes abgespielt haben, einer der Männer soll seinem Kontrahenten dabei den Zugang zur Dusche verweigert haben, wird als mögliches Motiv angegeben.

Neben den Beamten der Mordkommission und den Experten der Spurensicherung rückte kurz nach Bekanntwerden des Vorfalls auch die 13. Einsatzhundertschaft der Bereitschaftspolizei an. Das Schulgelände wurde abgeriegelt, die Ohlauer Straße zwischen Wiener und Reichenberger Straße vollständig gesperrt. Die Sperrung wurde allerdings am Nachmittag wieder aufgehoben. „Wir haben in der Vergangenheit wiederholt die Erfahrung gemacht, dass die Polizeiarbeit vor Ort von Unterstützern der Flüchtlinge behindert wurde“ begründete Polizeisprecher Stefan Redlich die umfangreichen Absicherungsmaßnahmen. Abgesehen von einigen Personen, die vor der Absperrung Parolen gegen die Berliner Polizei skandierten, blieb es am Freitag allerdings ruhig.

Wowereit und Henkel schockiert

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) forderte die Bewohner der besetzten Schule zum Umzug in ein neues Quartier auf. „Dieses Gewaltverbrechen an der Gerhart- Hauptmann-Schule macht mich betroffen“, teilte Wowereit am Freitag mit. „Auch wenn die Polizei noch die genauen Umstände der Tat ermitteln muss, wird an diesem Vorfall auf tragische Weise deutlich, dass die Zustände in der Schule und ihrem Umfeld verändert werden müssen. Die Bewohner der Schule sollten daher das Angebot des Senats für eine anderweitige Unterbringung annehmen.“

Von einem „schockierenden Gewaltvorfall“ sprach Innensenator Frank Henkel (CDU) am Freitag in einer ersten Reaktion. Die traurige und tragische Entwicklung führe vor Augen, dass dringend eine Lösung für die besetzte Schule gefunden werden müsse, so Henkel. Er appellierte an Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) und den Bezirk, gemeinsam die Suche nach einer solchen Lösung voranzutreiben. Wie auch Polizeisprecher Redlich verwies Henkel nochmals darauf, dass die Schule seit Langem einen polizeilichen Brennpunkt darstelle.

„Das ist eine ganz furchtbare und deprimierende Nachricht“, kommentierte Sascha Langenbach, der Sprecher des Bezirksamtes Friedrichshain-Kreuzberg. Es sei aber der falsche Zeitpunkt, daraus irgendwelche politischen Forderungen abzuleiten. Aus der schrecklichen Tat sollten auch keine Rückschlüsse auf die Gesamtheit der Flüchtlinge gezogen werden, mahnte Langenbach an. Wie berichtet, kann Sozialsenator Mario Czaja (CDU) den 200 Flüchtlingen in der Hauptmann-Schule voraussichtlich sehr bald eine andere Unterkunft anbieten. Dafür sei man in abschließenden Vertragsverhandlungen, hatte der Senator im Morgenpost-Interview erklärt. Das Bezirksamt hoffe, dass Czajas Angebot zustande komme, sagte Langenbach. Die Schule soll friedlich geräumt werden, wenn sich die Asylbewerber zum Auszug bereiterklären. Für Freitagabend war ein Treffen der Flüchtlinge mit Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) anberaumt. Um daran teilnehmen zu können, brach Behördensprecher Langenbach seinen Urlaub ab.

Der CDU-Kreisvorsitzende Kurt Wansner forderte erneut die sofortige Räumung der Schule und die Unterbringung der Flüchtlinge in einer anderen Unterkunft. „Oder wollen wir auf den nächsten Toten warten?“, fragte Wansner. Indirekt forderte er zudem Bezirksbürgermeisterin Monika Hermann (Grüne) zum Rücktritt auf. „Wenn sie Anstand hätte, würde sie von sich aus zurücktreten“, sagte Wansner. Die Bürgermeisterin entgegnete daraufhin noch am Freitag, sie sehe keinen Anlass für einen Rücktritt.

Nur wenige Stunden nach der tödlichen Messerstecherei in der von Flüchtlingen bewohnten ehemaligen Schule kam es am späten Freitagabend zu einer erneuten Gewalttat unter Bewohnern. Sieben Polizeifahrzeuge sowie ein Rettungswagen der Feuerwehr rückten kurz vor Mitternacht an, um einen Streit zu klären. Ersten Ermittlungen der Polizei zufolge soll ein Handy-Diebstahl der Auslöser für die Schlägerei gewesen sein. Ein Bewohner erlitt Schnittwunden im Gesicht und an den Armen verletzt. Ärztliche Hilfe lehnte der blutende Mann jedoch ab.