Als Dieter Kramer 1968 nach Kreuzberg zog, hatte er das Gefühl, die Zeit sei hier stehen geblieben. Kreuzberg war immer noch ein Arbeiterviertel, die Spuren der Wirtschaftskrise und des Zweiten Weltkriegs waren überall präsent. Die meisten Häuser waren heruntergekommen, die Mieter meist arm, viele alt. Das war auch in der Lübbener Straße nicht anders, wo der Fotograf eine Parterrewohnung im Hinterhof gefunden hatte.
Dass sich die Bevölkerung und das Stadtbild in den folgenden Jahren so rasant ändern würden, hätte er damals nicht geglaubt. Aber was er dann um sich herum, insbesondere im ehemaligen Postzustellbezirk 36, dem SO 36, erlebte, war für Kramer so spannend, dass er immer wieder zur Kamera griff und die Veränderungen in den vergangenen 45 Jahren dokumentierte.
Sein Fokus lag dabei vor allem auf der Baugeschichte, schließlich war er auch lange als Ausstellungsgestalter im Bereich Städtebau und Stadtentwicklung tätig. Jetzt präsentiert Kramer seine umfangreiche Bildersammlung in einem Buch, das am Montag erscheint.
Hausbesetzer und Abrissbirne
Viele seiner Fotos sind Gegenüberstellungen nach dem Prinzip Vorher–Nachher. Und zugleich sind sie Dokumente der jüngsten Geschichte, des Bezirks. Die Teilung der Stadt, der Zuzug türkischer Familien in Folge des Anwerbeabkommens, behutsame Modernisierungen und Kahlschlagsanierungen, die Hausbesetzerszene, all das hat er festgehalten.
Dazu gibt es auch noch eine große Sammlung älterer Fotos, die Kreuzberg um die Jahrhundertwende zeigen. Interessant dabei: Viele Straßen haben sich dort, wo es keine Kriegszerstörungen gab, bis in die 60er-Jahre hinein kaum verändert, sondern erst danach ihr Gesicht verändert.
Erst dann begannen die Stadtentwickler sich für den Bezirk zu interessieren, vor allem verkehrstechnisch: Geplant war, Kreuzberg durch ein Autobahnnetz zu zerschneiden. Der Oranienplatz sollte ein Autobahnkreuz werden, auf dem sich Nord- und Südtangente treffen sollten. Umgesetzt wurde das Vorhaben letztlich nicht, aber die Abrissbirne kreiste trotzdem über ganze Häuserblöcke, die dann durch Betonburgen ersetzt wurden. Zum Beispiel am Kottbuser Tor, am Wassertorplatz oder am Mehringplatz. Kramers Fotos von den Baustellen dieser Zeit muten teils an, als wären sie 1945, direkt nach einer Bombennacht, aufgenommen.
„Schlacht am Fraenkelufer“ am 12. Dezember 1980
Allerdings nicht überall, wo er geplant war, fand der Abriss dann auch tatsächlich statt. Ein Beispiel dafür waren die Admiralstraße und das Fraenkelufer. Abgesehen von der Farbe der Häuser ist der Blick von der Admiralbrücke heute kaum ein anderer als 40 Jahre zuvor. Auch diese Bilder stellt der Fotograf gegenüber.
Einen wesentlichen Anteil am Erhalt der Häuser hatte die Hausbesetzerszene. Sie hat durchaus für viel Aufruhr und Krawalle gesorgt, durch ihre Beharrlichkeit aber auch so manchen Abriss verhindert. Als „Schlacht am Fraenkelufer“ haben sich die heftigen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Besetzern am 12. Dezember 1980 eingebrannt, der viele Demonstrationen und weitere Hausbesetzungen folgten. 1983 gab es schließlich eine erste Einigung zwischen Senat und Hausbesetzern.
Doch Kramers Buch zeigt nicht nur zweifelhafte Bauprojekte der 70er-Jahre. Der Vergleich des Straßenbildes von 1970 und heute dokumentiert auch, wie grün der Bezirk in den vergangenen Jahrzehnten geworden ist. Vor 40 Jahren gibt es noch kaum Bäume an den Fußgängerwegen, weil in der Kriegs- und Nachkriegszeit jedes verfügbare Holz im Ofen gelandet war. Neupflanzungen erfolgten erst deutlich später und lassen heute so manches bauliche Experiment hinter reichlich Grün verschwinden.
Teurer Brunnen für einen Sommer
Grün und eine Oase für die Kreuzberger sollte auch das Gelände des ehemaligen Görlitzer Bahnhofs werden. Nachdem der Personenverkehr 1951 eingestellt wurde, siedelten sich hier Kohlen- und Schrotthändler an. In der Mitte der vier Hektar großen Anlage lagerten noch in den 70er-Jahren tonnenweise Briketts als Senatsreserve. Kramer hat all das in seinen Bildern festgehalten.
Und wieder waren es die Anwohner selber, die dafür kämpften, aus dem Schrottplatz einen Stadtpark zu machen. Mittelpunkt der Grünanlage und ein Erinnerungsort für die türkischstämmigen Kreuzberger sollte der Pamukkale-Bau werden – benannt nach den weltberühmten Kalksinterterrassen nahe der gleichnamigen Kleinstadt in Anatolien. Gedacht war er als eine Art Amphitheater mit Brunnen. Dazu wurden 1996 insgesamt 1500 Tonnen Kalkstein eigens aus Portugal angefahren.
Zeitreise durch einen bunten Kiez
1998 wurde die Anlage eröffnet und begeistert gefeiert. Doch schon wenige Monate später zeigten sich erste Risse in den Steinen. Erst da stellten Gutachter fest, dass portugiesischer Kalksein keinen Frost aushält. Zehn Jahre später musste der Brunnen schon wieder abgerissen werden.
Noch viel mehr Geschichten aus dem Kiez erzählen Kramers Fotos – vom Brand des Bolle-Supermarktes an der Wiener Straße, vom Wandel des Spreeufers, vom Ende der Kreuzberger Fabriken, von Grenzern und Mauerspechten. Kramers Buch schickt den Betrachter auf eine Zeitreise durch einen bunten Kiez.
Der Bildband „Kreuzberg 1968 – 2013“ von Dieter Kramer erscheint am Montag im Nicolai-Verlag, 29,95 Euro. Am 23. Oktober stellt der Fotograf sein Buch ab 19.30 Uhr im Friedrichshain-Kreuzberg-Museum, Adalbertstraße 95a, vor.










