Berliner Perlen

Wenn ein Kreuzberger die Vergangenheit zum Klingen bringt

Was etwas kaputt geht, dann landet es heutzutage meist im Müll. Oder in ganz seltenen Fällen bei Peter Dorscheid. Der Berliner repariert und verleiht alte Fernseher, Radios und Musikanlagen.

Foto: JÖRG KRAUTHÖFER / Jörg Krauthöfer

Das Schaufenster wirkt magnetisch auf Passanten. Sie gehen erst daran vorbei, zögern, bleiben kurz stehen, ihr Blick bleibt an einem der Gegenstände hinter dem etwas staubigen Glas hängen. Aus einer Ecke reckt sich dem Betrachter der silberne Trichter eines Grammofons entgegen, weiter hinten liegen Knöpfe, Regler, Radios aus den 30er-Jahren und Musikanlagen aus den 70er-Jahren.

Wer sich in den Laden hineintraut, steht bald im organisierten Chaos. Gelbe Zettel kleben auf Reihen von Plattenspielern, dutzende Fernseher stehen in einem Holzregal an der Wand. Hinter dem Tresen lagern in Kästen von verschiedener Größe allerlei Schrauben, Kabel und andere kleinere Teile. Es riecht wie auf einem Dachboden. Im Zentrum des Raums steht die Werkbank, an der Peter Dorscheid einer Arbeit aus dem letzten Jahrhundert nachgeht.

Der Mann von Grundig

"Peters Werkstatt" steht an der Fassade des Gebäudes an der Skalitzer Straße 54B. Das Geschäft sieht aus, als habe es da ein Stück Berliner Geschichte irgendwie in die Gegenwart geschafft. Peter Dorscheid allerdings ist kein Berliner. Er kommt aus Osnabrück. Dort machte er eine Ausbildung zum Radio- und Fernsehtechniker, für einen Beruf also, den es schon lange nicht mehr gibt.

In seiner Heimat hielt es den heute 62-Jährigen nicht lange. Gleich nach dem Abschluss seiner Lehre sei er "eine Weile von hier nach dort getingelt", sagt er mit norddeutschem Dialekt. Wie viele andere spülte es ihn auf der Flucht vor der Wehrpflicht nach West-Berlin. Das war 1975, zu einer Zeit, in der man als Radio- und Fernsehtechniker in Berlin händeringend gesucht wurde. "Es gab ja einen richtigen Fachkräftemangel", sagt Dorscheid, den man bei der Firma Grundig kurz nach seiner Ankunft ohne zu zögern einstellte. Knapp zehn Jahre blieb er bei dem Technik-Konzern.

Dreimal kündigte er seinen Job. Das erste Mal, um seinen Meister zu machen, das zweite Mal, um für ein Jahr durch Südostasien zu reisen. Als er Grundig 1983 das dritte Mal verließ, meinte er es ernst. "Die Atmosphäre dort war einfach schlecht", sagt er heute. Doch was ihn wohl am meisten störte, war der Umgang der Mitarbeiter mit gebrauchten Stücken. "Da hieß es meistens nur: Gehen Sie doch in den Nebenraum, da haben wir unsere Neuware". Dabei hatten die alten Geräte durchaus einen Wert – nicht nur einen emotionalen. Manche Verstärker aus den 70er-Jahren müssen laut Dorscheid erst jetzt, immerhin 40 Jahre nach ihrem Verkauf, zum ersten Mal repariert werden.

Technik aus vergangenen Jahrzehnten

Er verschrieb sich der Wiederinstandsetzung dieser Technik und eröffnete eine 50 Quadratmeter große Werkstatt in Kreuzberg. Es dauerte zwei Jahre, bis ihn der Vorbesitzer seines heutigen Geschäfts zum Nachfolger machte. "Am Anfang verkaufte ich noch neue Geräte", sagt Dorscheid. Vor allem Fernseher und Radios. Doch immer weniger Menschen bezogen Technik vom Fachmann. "Inzwischen geht man ja in Elektromärkte oder sogar in den Supermarkt, um sein TV-Gerät zu kaufen", sagt der Techniker.

Kundschaft blieb aus, die Hersteller verlangten Mindestverkaufsraten, nach und nach taten sich Lücken in Dorscheids Regalen auf. Inzwischen ist diese Leere gefüllt. Mit Radios aus den 40er-Jahren, Fernsehern der vergangenen Jahrzehnte und wunderschönen Verstärkern, die Dorscheid aus alten Zigarrenschachteln baut. Rund 200 Fernseher vermutet Dorscheid in seinem Keller. Zu Hause dagegen gibt es kein TV.

Nachdem er den Verkauf eingestellt hatte, verlegte er sich ganz auf Reparaturen. Als einer der wenigen Fachmänner auf diesem Gebiet arbeitet er nicht bloß für Privatkunden, sondern auch für Film und Fernsehen. Als Anfang der 90er-Jahre zunehmend Filmschaffende nach Berlin kamen, begann Dorscheid mit der Instandsetzung technischer Requisiten. Inzwischen gehört dieser Teil seines Jobs zum Alltag. "Dieser Fernseher", sagt er und deutet auf ein weinrotes Modell aus den 70er-Jahren, "stand schon viermal in Kurt Krömers Show."

Den Großteil seines Geschäfts machen aber immer noch Reparaturen aus. Manchmal muss nur eine neue Nadel auf den Arm eines Plattenspielers gesetzt werden, manchmal dagegen müssen die Geräte komplett restauriert werden.

Ein Kostenvoranschlag kostet 20 Euro, je nach Auftrag kann der Preis einer Reparatur einige 100 Euro betragen. Dorscheid hat genug zu tun. So viel, dass sein Arzt ihm rät, weniger zu arbeiten.

Zukunft ungewiss

Er will sich ja daran halten. Aber auch in den kommenden Jahren werden Passanten dem Anblick seines Schaufensters nicht widerstehen können und ihm hoffnungsvoll Nachschub in den Laden tragen. Ein Techniker, der sein Werk irgendwann fortsetzt, ist zudem scheinbar nicht zu finden. Seine beiden Söhne seien in anderen Berufen tätig, und alle, die irgendwann seinen Job erlernten, haben inzwischen umgelernt. Was bleibt dem Elektro-Schrauber von Kreuzberg da übrig, als weiter zu machen?

Peter's Werkstatt, Skalitzer Straße 46b, Kreuzberg, Tel. 618 65 49, www.peterswerkstatt.de, geöffnet von Dienstag bis Freitag, 10 bis 18 Uhr

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