Sie bringt graue Betonwände zum Sprechen: Urban Art. Mit Spraydosen und Pinseln werden Wände und Mauern zu bunten Kunstwerken. Ab heute ist die internationale Street-Art-Szene für vier Tage zu Gast im Yaam am Spreeufer. Wer bei Street Art an mit Graffiti beschmierte S-Bahn-Waggons denkt, stößt bei den Künstlern auf ein anderes Selbstverständnis. „Graffitis zerstören die Stadt, wir wollen sie mit unseren Bildern verschönern“, sagt Alesh One. Er gehört zum Künstlerkollektiv Urban Art Clash und organisiert das Street Art Meeting.

Der gebürtige Tscheche begann seine Karriere in Prag und kam dann nach Ost-Berlin. Die Stadt wurde zu seinem Zuhause. „Es gab mal in Spanien einen riesigen Skandal. Nonnen verkauften Kinder ohne Zustimmung der Eltern an gut situierte Familien. Da habe ich dort ein kritisches Bild an ein katholisches Schwesternhaus gemalt“, erzählt Alesh One. Daraufhin wurde er des Landes verwiesen.

Street Art ist zu einem großen Geschäft geworden

„Nach diesem Vorfall habe ich gemerkt, dass man mit Street Art wirklich etwas bewirken kann – seitdem möchte ich der Gesellschaft mit meinen Bildern einen Spiegel vorhalten“, sagt er. Am Anfang seiner Karriere habe er nur Graffitis gesprayt – das sei so ein Ego-Ding gewesen. Überall den eigenen Namen sehen, Revier markieren. Sein Großvater hatte ihm Fotos von bemalten U-Bahnen in New York gezeigt. Das hatte ihn inspiriert. Er gestaltete Jacken von Breakdancern mit Graffiti und konnte so sogar seit dem ersten Tag seiner Karriere davon leben. Von Graffiti hat er sich mittlerweile entfernt. Auf dem Gelände des Yaam schauen Dutzende Augenpaare in knalligem Grün grimmig von einer Wand, sein neustes Werk.

Die Branche wird umhüllt von einem Nimbus des Illegalen. Scheue Nachtgestalten, die im Schatten der Dunkelheit mit tief heruntergezogenen Kapuzen losziehen und fremde Häuser als Leinwände nutzen. Die Realität heute sieht anders aus. Längst ist Street Art zu einem großen Geschäft geworden. Werke des sozialkritischen Branchen-Superstars Banksy brachten bei Auktionen sechsstellige Summen ein.

Das Berlin der Wendezeit war ein Mekka für Straßenkünstler

Berlin spielt für die Szene eine zentrale Rolle. „Gerade nach der Wende gab es hier viele leere Häuser und ziemlich viel Mauer, ein Mekka für Street Artists“, sagt Alesh. Es herrschte Chaos. Der Vibe lebe bis heute, trotz Lofts und Spreeausverkauf. Dass sich die Stadt mit der Zeit verändere, findet er normal – daher auch das Thema „Evolution“ beim Street Art Meeting. „Der ganze Hype, den die Stadt umgibt, basiert auf dieser Subkultur. Die Regierung sollte die alternative Szene daher auch mehr unterstützen“, sagt Alesh. Max Weber, Betreiber des Yaam und ebenfalls Street Artist, sitzt daneben und schüttelt bei den Ausführungen zum Ausverkauf mit dem Kopf.

Seit Jahren gibt es für die Strandbar nur noch Ungewissheit. Betriebsgenehmigungen werden für nicht länger als drei Monate erteilt. „Das Rohe, was Berlin ausmacht, ist doch längst Geschichte“, sagt Weber zynisch. Doch er harrt aus, will weitermachen. Auf welchem Gelände, das wird sich dann zeigen. In der diesigen Oktober-Luft mischt sich der Geruch von Holzkohle und Gras. Handgemalte Schilder preisen afrikanische und karibische Spezialitäten. Von der East Side Gallery ist das Yaam nur einen Katzensprung entfernt. Gruppen von jungen Touristen sitzen vor den provisorischen Holzhütten. Jeder Quadratzentimeter der die Strandbar umgebenen Mauern ist mit großflächigen Bildern verziert. Im Rahmen des Street Art Meetings werden Künstler aus aller Welt die Wände vor Publikum neu bemalen.

Die Künstler sind in dieser Hinsicht nicht so zart besaitet. „Ich bin natürlich nicht glücklich, wenn mein Werk von der Straße verschwindet, aber damit muss man einfach rechnen, wenn man öffentlich arbeitet“, sagt Caro „Geduldig“ Pepe. Die 33-jährige Argentinierin malt sowohl im Studio als auch auf der Straße. Sie liebt den Dialog, der mit den Menschen entsteht, wenn sie draußen arbeitet. Sie betont, dass sie nichts Illegales mache. Sie werde gefragt, ob sie an bestimmten Stellen malen könne. Nacht-und-Nebel-Aktionen sind nichts für sie. Schließlich habe sie ihren Spitznamen „Geduldig“ nicht ohne Grund. Pepe nimmt sich viel Zeit für ein Werk.

Gute Gelegenheit, die scheuen Künstler zu beobachten

„Meine Bilder beschäftigen sich alle mit dem gleichen Charakter. Ein Mädchen mit nur einem Auge. Das soll den häufig einseitigen Blick auf die Dinge verkörpern“, sagt Pepe. Durch dieses Mädchen könne sie ihr Innenleben auf eine Wand bringen. Sie bezeichnet sich selbst als hoffnungslose Romantikerin. Politisch seien ihre Werke nicht. „Hier ist alles ziemlich reguliert im Vergleich zu Buenos Aires. Dort malt jeder einfach irgendwo, und es gefällt allen“, sagt Pepe. In ein paar Monaten gehe sie erst einmal wieder zurück nach Argentinien.

Auch die Künstlerin Paola Delfin nennt ihre Bilder eher „girly“ als politisch. Die Mexikanerin malt derzeit auf verschiedenen Festivals in Europa. Ihre Spezialität sind Frauen. Gerade hat die 24-Jährige direkt am Eingang des Yaam zwei Frauen gemalt, deren Haare miteinander verwoben sind. Auch sie wird in den kommenden Tagen noch weiter die Wände des Yaam verschönern. „Die Street Artists hier in Berlin sind wie eine kleine Familie. Man kennt sich“, erzählt Alesh One. Beim Street Art Meeting will er möglichst viele unterschiedliche Künstler zusammenbringen und einem Publikum präsentieren. Eine gute Gelegenheit, den scheuen Künstlern einmal beim Malen über die Schulter zu blicken.