Alles am Fluss

In Berlins Neu-Venedig prallen zwei Welten aufeinander

Die Berliner Wohnsiedlung Neu-Venedig verdankt ihren Namen mehreren Kanälen und Brücken. Ursprünglich wurde sie als Kolonie für Wassersportler entworfen. Heute trifft hier Paddelboot auf Motorjacht.

Foto: ** / Reto Klar

Für viele Menschen ist Berlin hinter dem Müggelsee im Bezirk Treptow-Köpenick zu Ende. Aber da kommt noch Rahnsdorf und an dessen Rand: Neu-Venedig. Eine ganz eigene Welt ist diese Wohn- und Wochenendsiedlung, die in diesem Jahr ihren 80. Geburtstag feiert. Eigentlich sind es sogar zwei Welten, denn wie an kaum einem anderen Platz prallen hier Alt und Neu, schlichte Holzdatschen mit kleinen Ruderbooten und historisierende Villen mit aufgebockten Motoryachten davor, aufeinander. Viele der wuchtigen Boote passen gar nicht durch die schmalen Kanäle und unter den Brücken durch, die die sieben Inseln miteinander verbinden.

Die Kanäle und die 13 Brücken, die über sie führen, sind es, die der Siedlung ihren romantischen Namen gaben: Neu-Venedig. In der Tat ist dies ein Ort zum Träumen: Trauerweiden streicheln mit ihren Ästen die Wasseroberfläche, eine Entenfamilie schwimmt aus dem Schilf hervor, dahinter ein stolzes Schwanenpaar. Langsam, kaum hörbar gleiten Holz-Motorboote mit wenig PS auf dem Wasser entlang, unter einer kleinen geschwungenen Brücke hindurch, die so niedrig ist, dass sich der Bootsführer ducken muss. Der Bewuchs am Ufer der Kanäle ist stellenweise so dicht, dass man sich in einem Urwald wähnt.

Die Schönheit von Neu-Venedig lässt sich nur vom Wasser aus entdecken. Wer von der Fürstenwalder Allee in den Rialtoring abbiegt, sieht nur Wohnhäuser, viele erst nach der Wende gebaut. Ein buntes architektonisches Sammelsurium. Wer mehr über die Siedlung erfahren will, muss abbiegen in die kleinen, ungepflasterten Wege und kommt dabei fast automatisch zur etwas in die Jahre gekommenen Gaststätte Neu-Venedig. Hier treffen sich die Alteingesessenen zu Preisskat, Bier und „allerlei schmackhaften Speisen“ wie es auf der Seite des „Ausflugslokals“ im Internet heißt. Ausflügler finden aber nur selten den Weg hierher. Dabei ist dies der einzige Ort, der einen öffentlichen Zugang zum Wasser hat. Oft sitzt Norbert Wittkowski hier. Er ist der Vorsitzende des Vereins „Gemeinschaft der Wasserfreunde Neu Venedig“ und schon seit 50 Jahren hier. Der freundliche kleine Herr weiß alles über die Siedlung und ihre Entstehung.

Zwei Reichsmark für den Quadratmeter

Ursprünglich stand hier mal das Rittergut Rahnsdorf, umgeben von Sumpfwiesen. 1890 wurde das Gut an Köpenick verkauft, 1925 ein Bebauungsplan für eine Freizeitkolonie erstellt. Um Interessenten anzulocken, lud die Verkaufsgesellschaft Bewohner aus Mitte für 50 Pfennig zu Dampferfahrten in das sechs Hektar große Gelände ein, das damals erst „Neu-Kamerun“ hieß. Zunächst für zwei Reichsmark gab es den Quadratmeter, bald schon zogen die Preise auf 3,50 Reichsmark an. Preise, von denen heutige Käufer nur träumen können.

Aus ganz Berlin kamen Interessenten und bauten sich hier ein Sommerhäuschen. Und weil sie mit Kamerun nichts anfangen konnten, Venedig aber schon damals eine Stadt zum Träumen war, taufte man die Kolonie kurzerhand um. Auch die Familie Borchardt aus Mitte kaufte 1932 ein Grundstück am heutigen Drosselweg. Ihr ältester Sohn Tassilo Borchardt wohnt noch heute hier. Einen anderen Ort zum Leben kann sich der 76-Jährige auch gar nicht mehr vorstellen. „Sein Schlafzimmer liegt im zweiten Stock des schmalen Fachwerkhauses, das ein bisschen wie ein Hexenhaus anmutet. „Da hab ich immer den Blick frei auf den Canal Grande“, sagt er lachend. So heißt die kleine Wasserstraße nicht wirklich, die Kanäle haben ganz schlicht nur römische Ziffern zur Kennzeichnung, aber die Neu-Venezianer haben sich längst ihren eigenen kleinen Kosmos geschaffen.

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Tassilo Borchardt ist fast so alt wie die Gemeinschaft der Wasserfreunde, die sich hier niederließen. 1933 hat sie sich gegründet, drei Jahre später kam er zur Welt. Mit seinen zwei jüngeren Brüdern Wolf-Rüdiger und Ingo ist er hier groß geworden. Jeden Sommer hat er hier verbracht. „Anfangs sind wir in einer ausrangierten Badewanne herumgepaddelt, weil wir noch kein Boot hatten“, erinnert er sich. Inzwischen hat er insgesamt zehn Boote, die ordentlich aufgereiht in seinem Bootshaus liegen. Alle aus Holz, eher nostalgisch als groß.

Paddelboot neben Motorjacht

Die großen Motorjachten und die Villen mit Säulenvorbau und künstlichen Palmen auf der Terrasse, die es auch in Neu-Venedig gibt, sind nicht sein Geschmack. Er mag es lieber ursprünglicher. Aber dass zwei Welten hier aufeinanderprallen, liegt auch am heutigen Bebauungsplan. Inzwischen sind die etwa 150 Grundstücke im Außenring für Wohnhäuser freigegeben, während der Innenbereich mit 250 Grundstücken weiterhin eine Wochenendsiedlung ist. Borchardt gehört zu den wenigen, die hier dauerhaft wohnen. Heute bekommt man kein Dauerwohnrecht mehr, aber er lebt schon seit 1998 hier – als ihm seine Wohnung in Mitte zu teuer geworden war.

Zwei Welten gab es in Neu-Venedig auch nach dem Mauerbau. Den Datschenbesitzern aus den Westsektoren war der Zugang zu ihrem Wochenendgrundstück versperrt. Sie wurden enteignet, stattdessen entdeckten Betriebsdirektoren und Parteifunktionäre die Siedlung für sich. Der Stasi-Mief lag nach der Wende noch über der Siedlung. Auch Tassilo Borchardt weiß inzwischen, dass er hier bespitzelt wurde. Seine Stasi-Akte ist zwar nicht so dick wie die seiner Brüder, die früh in den Westen gegangen sind, aber offenbar gab es auch über ihn genug zu berichten.

Trubel ist erst im Herbst vorbei

Doch die meisten Funktionäre von früher sind längst weg, viele wurden verhaftet. So kam es nach der Wende noch einmal zu einem Umbruch. Aber Tassilo Borchardt nimmt das mit fast stoischer Gelassenheit. Er hat hier genug Freunde aus früheren Zeiten. Und die besucht er am liebsten mit dem Boot. Zu seinem Bruder Ingo, der sich vor 20 Jahren hier auch ein eigenes Grundstück gekauft hat, braucht er zwei Minuten auf dem Wasserweg. Zu Fuß dauert es 20 Minuten.

Einsam wird ihm nicht in seinem Haus, das er zusammen mit seinem Hund Lucky bewohnt. Und so richtig wohl fühlt er sich auch erst, wenn der ganze Trubel von Ausflugsbooten und Grillpartys im Herbst vorbei ist. Dann traut sich auch der Fischreiher wieder hierher und die Füchse streifen durch das Gebiet. Nur an kalten Wintertagen, wenn die Kanäle zugefroren sind, zieht es wieder ein paar Schlittschuhläufer hierher. Irgendwann frieren die Kanäle immer zu, weil das Wasser nicht tief ist. Ein richtiges Hochwasser hat Neu-Venedig zuletzt 1947 erlebt. Von den jüngsten dramatischen Wasserständen um Berlin herum blieb die Siedlung verschont.

Nach der Wende nach Italien

Heute würde Tassilo Borchardt nicht mehr wegziehen aus Neu-Venedig. Das musste er früher schon einmal. Im Krieg war die Familie wie viele andere hierhergezogen, um Zuflucht vor den Bombardements zu suchen. Der jüngste Bruder Ingo kam 1943 sogar bei einer Hausgeburt in Neu-Venedig zur Welt. Bis 1949 blieb die Mutter mit ihren drei Söhnen in der Siedlung der Vater war im Krieg gefallen. Doch dann ging es wieder zurück in die Stadt.

Einen Ort gab es aber immer in Tassilo Borchardts Leben, von dem er lange geträumt hat und von dem er dachte, er sei vielleicht noch schöner als Neu-Venedig. Ein Ort, zu dem er über Jahrzehnte nicht reisen konnte: Venedig. Erst nach der Wende besucht Tassilo Borchardt die Stadt, die seiner Heimat Namenspatin stand. Beeindruckt war er schon von ihr, aber geblieben ist er doch lieber in Neu-Venedig.