Natalie lacht vor Freude. Gerade hat die 25-Jährige gehört, dass die Rüdesheimer Straße von der „New York Times“ zum schönsten Ort Berlins und sogar zu einem der zwölf schönsten Kieze in Europa erklärt wurde. Der Autor Joshua Hammer, der selbst in Berlin lebt, weiß, dass seine Wahl manchen zum Staunen bringt. Denn die kleine Straße in Wilmersdorf zählt nicht gerade zu den hippsten Orten der Stadt. Dafür ist sie aber ein architektonisches Juwel, schreibt der 57-jährige Autor in einem ausführlichen Reisebericht (nur nach Anmeldung aufzurufen). Und gerade jetzt im April, wenn die Blumen in den Rabatten blühen, mag er es hier.
Dass ihr Kiez, in dem sie seit Kindertagen wohnt, eine Oase inmitten der Großstadt ist, hat Natalie immer gewusst. „Darum bin ich hiergeblieben, als ich in Potsdam mit dem Studium anfing“. Nun sitzt sie mit einer Freundin vor dem Brunnen und genießt die Frühlingssonne. Fast jede Bank ist an diesem Mittag besetzt. Der eine liest, der andere macht Musik, man trifft sich zum Plaudern oder um sich zu sonnen. Es ist ein Ort der Entschleunigung.
Kein hektisches Treiben
Die Ruhe des Platzes scheint sich über die ganze Rüdesheimer Straße zu ziehen. Die Cafés und Restaurants sind gut besucht, dennoch herrscht kein hektisches Treiben. Dass hier nicht allzu junges Publikum zu Hause ist, zeigt sich an der Mischung der Geschäfte: Optiker, Bäcker, Fleischer, Blumenladen, Reformhaus reihen sich aneinander, und Hörgeräte gibt es auch. Die meisten Geschäfte sind eigenständig. Gerade das mag Margot Herrforth, die seit 50 Jahren im Kiez wohnt – „ein anderer kommt für mich nicht in Frage“. Fast jeden Mittag trifft sie sich nach der Schule mit ihrem Enkel Noah in der Confiserie Emilia. Für sie gibt es dann einen Milchkaffee, für den 13-Jährigen einen Kakao und vier Pralinen.
Hier trifft sie Nachbarn aus dem Kiez. Die reden auch über den „Rheingauer Weinbrunnen“, das Weinfest, das im Mai wieder beginnt. Anwohner haben im vergangenen Jahr wegen Lärmbelästigung geklagt, aber sich nicht durchgesetzt. „Wäre auch schade“, sagt Natalie, „das ist doch ein Ort für alle.“





