Touristen

Berlin ist voll - Zwei Millionen Besucher zu Ostern erwartet

Ostern ist laut „Visit Berlin“ eines der besucherstärksten Wochenenden im Jahr. Diesmal erwarten die Berlin-Werber zwei Millionen Hotelgäste, Tagesbesucher und sogenannte Sofa-Touristen.

Foto: Reto Klar

Sie hat heute schon ein Graffiti und einen quietschgelb bemalten Mülleimer fotografiert. „Berlin ist cool, hier könnte ich alles fotografieren“, sagt die elfjährige Ida. Über das Osterwochenende ist sie mit ihren Eltern und ihrer 14-jährigen Schwester Lotte aus Köln in die Stadt gekommen. Vor zwei Jahren waren sie schon mal hier, „aber da waren die Kinder noch zu klein“, sagt ihre Mutter Karen Albers. Natürlich müssen sie deshalb noch einmal die typischen Touristenattraktionen abklappern. Nur Sonnabendabend wollten sie mal ohne die Töchter Cocktails in der Monkey Bar trinken, auf dem Dach des Bikini Hauses in Charlottenburg.

Die Tourismus-Werber und Hoteliers sind zufrieden: An diesem langen Wochenende brummt die Stadt. Zwei Millionen Gäste werden zu Ostern in Berlin erwartet. Dazu zählen neben Hotelgästen auch Tagesbesucher aus dem Umland und die sogenannten „Sofa-Touristen“, die bei Freunden oder Verwandten wohnen. Familie Albers ist im Südwesten Berlins bei einer Freundin untergekommen. In ein Hotel wären sie ungern gegangen, lieber „im echten Berlin“ leben. “Aber das mit Airb’n’b ist ja mittlerweile so eine Sache”, sagt Karen Albers. Friedenau sei schön, grün und ruhig, aber der Weg ins Zentrum der Stadt sei ziemlich weit, findet Karen Albers. Am Donnerstag sind sie mit der S-Bahn nach Mitte gefahren, am Freitag mit dem Auto. Aber auch das dauert seine Zeit.

Ostern sei traditionell eines der besucherstärksten Wochenenden im Jahr, sagte Burkhard Kieker, Geschäftsführer der Tourismus-Gesellschaft „Visit Berlin“ der Berliner Morgenpost. Berlin sei eine der Hauptattraktionen in Deutschland und bei jeder Wetterlage gut aufgestellt und attraktiv. Das hätten in Europa nur sehr wenige Städte zu bieten, betonte Kieker. Aber in der Hauptstadt gibt es schließlich auch eine Menge zu entdecken.Auf der Liste von Ida und Lotte standen: Brandenburger Tor – Ida hat unzählige Selfies mit der Quadriga im Hintergrund geschossen – Fernsehturm, Potsdamer Platz und Checkpoint Charlie. Auch wenn ihre Eltern all das schon kennen, ist das für sie okay, denn es ist immer wieder spannend von A nach B zu spazieren und dabei die einzelnen Stadtteile zu entdecken. “Vor allem in Mitte ändert sich ja ständig etwas”, sagt Vater Markus Werner.

Nachhall des Mauerfall-Jubiläums

Sonnabend ist ein guter Tag: Das Wetter ist etwas beständiger als zuvor. Donnerstag flüchteten sie vor dem Sturm in die „Mall of Berlin“. „Dort sieht es aus wie in der Mall in Düsseldorf“, sagt Karen Albers ernüchtert. Deshalb freute sie sich auf die kleinen Läden in Prenzlauer Berg.

Auffällig sei, dass sich mehr Touristen als in vergangenen Jahren schon früh entschieden hätten, Ostern in Berlin verbringen zu wollen, sagte „Visit Berlin“-Geschäftsführer Burkhard Kieker. Er sieht hier einen „deutlichen Nachhall“ des Mauerfalljubiläums im vergangenen November. „Viele Menschen haben die Feierlichkeiten im Fernsehen verfolgt und gesagt, in diese Stadt möchte ich auch“, beobachtete er. Die Hauptstadt- und Orientierungsfunktion sei mittlerweile sehr wichtig für Berlin. „Wir sind keine normale Touristenstadt, wir sind das Schaufenster für Deutschland. Die Leute sagen: Wenn ich wissen will, wie dieses Land tickt, muss ich nach Berlin fahren“, sagte Kieker. Die Mehrheit der Besucher plane ihren Aufenthalt in Berlin nicht minutiös sondern lasse sich eher treiben. Es sei ihnen wichtig, ein paar Tage am Leben der Berliner teilzunehmen, denn Berlin gelte inzwischen als Stadt, in der das Wesentliche passiert.

Auch wenn viele die Attraktionen der Stadt offenbar eher „im Vorübergehen“ mitnehmen, sind sie doch für das Marketing wichtig. Die Visit Berlin-Internetseite, auf der die aktuellen Highlights dargestellt werden, sei in den vergangenen Wochen sehr oft geklickt worden, sagte Katharina Zierenberg, Sprecherin der Tourismus-Gesellschaft. Dazu zählen die Festtage der Staatsoper, das Udo-Jürgens-Musical „Ich war noch niemals in New York“ im Theater des Westens und zwei Ausstellungen im Martin-Gropius-Bau: „Zero“ mit Werken der größten internationalen Künstlerbewegung der Nachkriegszeit sowie „Jahrhundertzeichen“ mit Stücken des 19. und 20. Jahrhunderts aus dem Tel Aviv Museum of Art.

Hotel bestens ausgelastet

Wie viele Hotelübernachtungen über Ostern in Berlin zusammenkommen, kann erst nach dem Fest seriös bilanziert werden. Eines ist aber schon klar: Von den rund 135.000 Betten in Hotels und Pensionen sind die meisten belegt. Hostels seien seit Freitag so gut wie ausgebucht, berichtete Zierenberg. In den Kategorien zwei bis vier Sterne gebe es noch Zimmer für Kurzentschlossene, allerdings nicht mehr in allen Häusern. Das „Adlon“ zum Beispiel meldete auf Nachfrage der Morgenpost eine Auslastung von etwa 80 Prozent. „Wir sind sehr zufrieden“, sagte Sprecherin Sabina Held. Knapp die Hälfte der Gäste komme aus Deutschland, etwa 15 Prozent aus den USA. Auch im Adlon sei der Anteil der längerfristigen Buchungen zu Ostern in diesem Jahr außergewöhnlich hoch.

Das Hotel „Ellington“ an der Nürnberger Straße sei nahezu ausgebucht, berichtete Direktorin Tina Brack. Und beim Osterbrunch Sonntag und Montag gehe „nichts mehr“. In ihrem Haus seien viele Buchungen erst in dieser Woche eingegangen, sagte Brack. Die meisten Gäste kämen aus Deutschland. Offenbar hätten sich viele angesichts des eher schlechten Wetters für einen Städtetrip und gegen ein paar Tage an der See entschieden. In beiden Hotels ebenso auffällig wie erfreulich: Die meisten Besucher reisten bereits am Gründonnerstag an und bleiben vier Nächte.

Im Februar stellte Visit Berlin die kostenlose App „Going Local“ vor, einen digitalen Reiseführer, der Berlin-Besucher in die Kieze locken soll. Er richtet sich vor allem an diejenigen, die Brandenburger Tor, Zoo und Reichstag schon kennen und neue Seiten an Berlin entdecken wollen. „Unsere App ist ein großer Erfolg“, sagte Burkhard Kieker. Im ersten Monat habe man bereits 10.000 Downloads registriert.

Tipps für die Kieze

In dem mobilen Führer werden 60 Kieze in allen zwölf Berliner Bezirken vorgestellt. Enthalten sind mehr als 600 persönliche Tipps in den Kategorien „Unbedingt ansehen“, „Verborgene Orte“ und „Essen und Trinken“. Zudem bietet die Anwendung pro Bezirk eine Tour an, die als Video verfügbar ist und die Atmosphäre des Stadtteils vermitteln soll. Auch Berliner attestieren der App, dass sie hilfreiche Tipps gibt und etliche Orte vorstellt, die noch nicht „abgeklappert“ sind.

Wie Visit Berlin-Sprecherin Katharina Zierenberg ermittelte, interessieren sich die meisten Nutzer der App für Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg und Charlottenburg-Wilmersdorf. Die meistbesuchten Kieze seien Savignyplatz, Kurfürstendamm, Rathaus Pankow, Moritzplatz und Oranienstraße, die meistbesuchten Orte das Bikini Berlin am Breitscheidplatz, die Heckmann-Höfe an der Oranienburger Straße (Mitte), in Kreuzberg das Ritter Butzke an der Ritterstraße, der Viktoriapark und die Markthalle IX an der Eisenbahnstraße sowie die Arminius-Markthalle in Moabit. Die Zahl der Tipps wächst ständig, weil Nutzer eigene Empfehlungen anbieten, vor allem für Cafés und Restaurants. Diese werden alle von einer Redaktion geprüft und bei Eignung aufgenommen.

Am ersten Mai-Wochenende wird Berlin wieder voll

Tourismus-Werber Burkhard Kieker erwartet auch am ersten Mai-Wochenende sowie zu Himmelfahrt und Pfingsten jeweils Millionen Berlin-Besucher. Pfingstsonnabend wird außerdem noch das Formel-E-Autorennen am Flughafen Tempelhof ausgetragen. Das werde stark nachgefragt und passe gut zu Berlin, sagte Kieker. Doch auf den Erfolgszahlen ausruhen will er sich nicht. Gleich nach Ostern geht er wieder auf Marketing-Tour – nach Shanghai.

Ida und ihre Familie spazieren bei strahlend blauem Himmel an der Bernauer Straße entlang. Lotte weiß, dass hier mal die Mauer stand, wie das damals wirklich war, kann sie sich aber nicht vorstellen. „In Geschichte haben wir da schon ein bisschen drüber gesprochen.“ Ida schießt ein Foto von dem Wachturm und der Kapelle der Versöhnung. Später wollen sie noch eine Tour durch den Flughafen Tempelhof machen und sich die aktuelle Ausstellung im Willy-Brandt-Haus ansehen. „Ob wir das alles überhaupt noch schaffen?“, fragt Vater Markus Werner.

„Am Ende der Reise werden wir doch froh sein, wieder zurück ins beschauliche Köln zu kommen, da kann man alles mit dem Rad zurücklegen“, sagt Karen Albers. Trotzdem, das Hippe in den verschiedenen Ecken der Hauptstadt fasziniert sie. „Köln ist dagegen sehr dörflich.“ Immer dann, wenn sie in ihrer Heimat einen Mann mit Bart und Brille sehen, denken sie an Berlin: „Berliner Bärte“, nennen sie diesen Stil. Und wo findet man die meisten Berliner Bärte? „In Prenzlauer Berg!“, sagen sie. Also von der Mauergedenkstätte weiter Richtung Norden. Aber erst mal gibt es eine Currywurst bei Konnopke.