Abrissbirne

Am Bahnhof Zoo verschwindet eine der letzten Schmuddelecken

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Isabell Jürgens

Foto: Reto Klar

Beate-Uhse-Museum, Sexshops, Imbisse und Pfandleihen sind ausgezogen. Die 150 Meter lange Gebäudezeile an der Joachimstaler Straße ist nun bereit für die Abrissbirne. Ein Neubau soll das Niveau heben.

„Geschlossen!“ verkündet der handgeschrieben Zettel, der am Schaufenster des Joker-Casinos hängt. „Geschlossen!“ steht auch auf dem Schild am Schaufenster des Erotikkaufhauses World of Sex. „Wir sind umgezogen. Sie finden uns gegenüber auf der anderen Straßenseite“, teilt das Leihhaus am Zoo seinen Kunden per Aushang mit. Seit am vergangenen Sonnabend als letzter Mieter nun auch Burger King ausgezogen ist, steht die gesamte 150 Meter lange Gebäudezeile an der Joachimstaler Straße zwischen Hardenberg- und Kantstraße leer.

Vor dem heruntergekommenen Ensemble mit Aschinger-Haus und Leineweber-Haus – Unternehmen, die hier schon lange nicht mehr vertreten waren – richten Arbeiter die Baustellenzufahrt ein und bauen einen Fußgängertunnel auf. Schon in wenigen Tagen beginnt der Abriss des gesamten Häuserblocks. Die Zeiten der Sexshops, Wechselstuben und Imbissbuden an einer der letzten Schmuddelecken am Bahnhof Zoo sind damit endgültig vorbei.

„Der Abbruch beginnt am Humana-Flachbau an der Kantstraße, wir arbeiten uns von dort aus bis zur Hardenbergstraße vor“, sagt Christoph Reschke, Geschäftsführer der Hines Immobilien GmbH bei einem Rundgang durch die in den 50er- und 70er-Jahren errichteten Gebäude. Das US-amerikanische Unternehmen hat den Komplex erworben und will ihn nun in vier bis fünf Monaten abtragen lassen. Rund 130 Millionen Euro werde Hines in den Neubau investieren, informiert der Geschäftsführer.

Ein neues und feines Entree

Für diese Summe soll bis Herbst 2017 vis-à-vis vom Bahnhof Zoo ein völlig neues – und vor allem feineres – Entree in die City West entstehen. Für die meisten seiner bisherigen Mieter, darunter auch das Beate-Uhse-Erotikmuseum und das A&O-Hostel, wird es deshalb ein Abschied für immer sein. „Wir wollen das Niveau des Standortes auf eine andere Ebene heben“, beschreibt der Bauherr sein Vorhaben.

In den Neubau mit der weißen Fassade, für den das Architekturbüro Hascher Jehle den Entwurf geliefert hat, sollen im Erdgeschoss Modegeschäfte einziehen, darüber entstehen Büroräume. Allenfalls für Burger King soll es im Haus noch eine Zukunft geben. „Fast-Food-Gastronomie an der Ecke zum Bahnhof Zoo macht Sinn“, sagt der Investorenvertreter. Eine feste Zusage gebe es allerdings noch nicht, man sei noch in Verhandlungen.

Noch benötigt man viel Fantasie, sich die schöne neue Zukunft an der berüchtigten Schmuddelmeile vorzustellen. Düster ist es in den Räumen des ehemaligen Beate-Uhse-Erotikmuseums, obwohl draußen die Sonne scheint. Die Wände sind in dunklem Blau und Violett gestrichen, zudem dringt durch die mit schwarzen Folien verklebten Fenster kaum Licht.

Von den Decken hängen noch zahlreiche Kabelstränge. Rohre, Waschbecken und Teile der abgehängten Decke liegen auf dem nackten Betonboden. Die Abrissarbeiten im Inneren sind bereits weit fortgeschritten. Die Bauarbeiter, die die Demontage vorbereiten, hatten dabei wohl ihren Spaß: Das Wort „Kein“ und die Ziffer „1“ haben sie von der Glastür abgekratzt, die zu einem abgetrennten Bereich im ersten Obergeschoss führte. „Zutritt für Jugendliche unter 8 Jahren“ steht nun an der Tür, hinter der es bis zum Sommer vergangenen Jahres nicht jugendfrei zuging.

Beate-Uhse-Museum bereits seit August raus

Das Museum ist bereits im August ausgezogen. Es residierte fast 20 Jahre lang im Leineweber-Haus, das 1955 für das namensgebende Textilunternehmen errichtet worden war. Bislang hat es auch noch keine neuen Räumlichkeiten in Berlin gefunden. Mietverhandlungen mit dem Hauseigentümer an der Tauentzienstraße 4 schräg gegenüber dem KaDeWe scheiterten. Unternehmenssprecherin Doreen Schink teilte jedoch auf Anfrage der Berliner Morgenpost mit, man wolle sich sehr gern wieder in der Nähe der alten Räume mit einer Filiale niederlassen.

Der Weg vom Leineweber- ins Aschinger-Gebäude führt durch seltsam verbaute Arkaden an der Joachimstaler Straße, die durch die herausgerissene Leuchtreklame und leer stehenden Shops nun noch unfreundlicher wirkt als zuvor. „Arkaden wird es im Neubau nicht mehr geben, solche dunklen Nischen und Winkel ziehen unweigerlich unerwünschte Nutzungen nach sich“, sagt Reschke und weist in die Ecken, aus denen es streng nach Urin müffelt.

Faule Baukredite

Ähnlich trostlos und öde wie das Leineweber-Haus sieht auch das Aschinger-Haus im Inneren aus. Demontierte Bäder und Teeküchen sowie lange Flure, von denen vielen Zimmer abgehen, erinnern daran, dass hier bis vor zwei Jahren das Billighostel A&O untergebracht war. Auf dem Grundstück mit dem im Krieg weitgehend zerstörten Aschinger-Haus war Anfang der 70er-Jahre vom skandalumwitterten Berliner Bauunternehmer und Architekten Dietrich Garski das neue Aschinger-Haus als Büro- und Geschäftshaus errichtet worden. Der Mann, dessen faule Bankkredite in den 80er-Jahren platzten und damit einen ganzen Berliner Senat zu Fall brachten, hatte sein Büro in dem Gebäude. Bis Ende 2010 befand sich hier auch das legendäre Restaurant „Holst am Zoo“.

Ob es dem Nachfolgebau gelingen wird, den Bekanntheitsgrad des schäbigen Häuserblocks, den er ersetzen soll, zu erreichen, bleibt abzuwarten. Allzu groß wird die Trauer über den drohenden Abschied in der Nachbarschaft jedoch nicht sein. Der eigenwillige Nutzungsmix der um Schnellrestaurants und Wechselstuben ergänzten sündigen Meile wirkte zuletzt wie ein in die Jahre gekommenes Relikt aus West-Berliner Zeiten, als im Bahnhof Zoo noch Fernzüge hielten und der Berliner Bausumpf blühte. Dass die gesamte Zeile ihre besten Zeiten längst hinter sich gelassen hatte, war zuletzt unübersehbar – zumal mit dem „Waldorf Astoria“ und dem komplett erneuerten Bikini Berlin auch die Nachbarn deutlich edler geworden sind.