Beim Wissenschaftsverlag Springer haben sie mal überlegt, nach Mitte zu ziehen. Das sei attraktiver, zentraler, kreativer, dachten sie. Inzwischen sehen die weltweit agierenden Experten für „Science+Business Media“ das anders. Ein Teil des Unternehmens, das es in Prenzlauer Berg versucht hatte, ist wieder an den Heidelberger Platz in Wilmersdorf zurückgekommen. „Hier ist es noch nicht so hip, dass es schon weh tut“, sagt Eric Merkel-Sobotta. Der belgische Amerikaner mit zwei Pässen ist als Vice President bei Springer für die Kommunikation zuständig und wohnt auch selbst in Wilmersdorf.

Als Vertreter eines in Berlin ansässigen Weltkonzerns, der mit 7000 Mitarbeitern jeden Werktag 30 wissenschaftliche Publikationen meist als E-Book auf den Markt wirft, ist Merkel-Sobotta ein wichtiger Zeuge bei dem Versuch, Charlottenburg-Wilmersdorfs Image zu verändern. Die Wahrnehmung soll nicht länger nur auf Shopping am Kurfürstendamm, neue Hochhäuser in der City West und komfortables Wohnen in Grunewald oder Westend beschränkt sein.

Unter dem Motto „CW – Creative World“ will Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD) seinen Bezirk als Standort für Unternehmen und Hochschulen positionieren und eine neue Willkommenskultur deutlich machen. „Der Wettbewerb zwischen Mitte und der City West pendelt sich gerade wieder ein“, sagt der Sozialdemokrat. Darum wolle er nun den Blick weiten auf das, was jenseits von Kudamm und Tauentzien im Bezirk passiert.

Meetings auf der Wiese am Rüdesheimer Platz

Das Bezirksamt hat vom Werber Ralf Zürn eine neue Kampagne gestalten lassen und dafür Firmen als Sponsoren gewonnen. Am Mittwochabend kamen 100 Gäste in die Räume der Berliner Bank an der Hardenbergstraße, um den Startschuss für das neue Netzwerk zu geben. Mit dabei sind Immobilienunternehmen, Hotels, Banken, die Betreiber markanter Bauwerke, aber auch die Vertretungen der Autokonzerne BMW und Audi. Insgesamt 17 Unternehmen spendeten 7500 Euro für die regionale Standortkampagne, Steuergeld aus der Bezirkskasse ist nicht im Topf. Dafür gibt es ein attraktiv gestaltetes, gedrucktes Bezirksporträt, die Startseite des bezirklichen Internetauftritts und 320.000 City-Cards, auf denen sich die Firmen präsentieren.

„Wer von Hippness und Kreativität in Berlin spricht, denkt zu Unrecht nur an Mitte, Friedrichshain oder Kreuzkölln“, sagt Werber Zürn, von dem die Initiative ausgegangen war. Charlottenburg-Wilmersdorf gelte hingegen als tradiert, gediegen und dem Neuen nicht so aufgeschlossen. Dass ändere sich aber, hat der Springer-Mann Merkel-Sobotta beobachtet. In seinem Wohnhaus in Wilmersdorf seien viele junge Familien aus Bulgarien, Spanien oder Irland eingezogen. Zudem gebe es keine Schwierigkeiten, Fachkräfte nach Berlin zu holen, die sich dann auch gerne im Berliner Westen niederließen.

Der Heidelberger Platz, wo im heutigen Springer-Gebäude 1951 die erste deutsche Fernsehsendung der Nachkriegszeit ausgestrahlt wurde, sei ja immer noch keine Schönheit. Dafür zögen die Mitarbeiter im Sommer zum Rüdesheimer Platz und hielten dort auf der Wiese Meetings ab. Auch für ein internationales Unternehmen sei lokale Verwurzelung wichtig. „Unsere Mitarbeiter sind auf ihren Kiez und ihren Bezirk stolzer als wir denken“, sagt Merkel-Sobotta.

Potenzial der Universitäen, Unternehmen und Forschungsinstitute

Für den Springer-Wissenschaftsverlag ist die Kampagne des Bezirks der erste Kontakt mit der Berliner Wirtschafts- und Wissenschaftsförderszene. Viele denken, der Verlag sei aus Heidelberg, sagt der Kommunikationschef. Dabei sei Springer 1842 in Berlin entstanden.

Besonders werben will der auch für Wirtschaftsförderung zuständige Bürgermeister mit dem Potenzial der Technischen Universität, der Universität der Künste sowie der umliegenden Unternehmen und Forschungsinstitute. Die Idee eines Campus Charlottenburg als Marke für eine der größten Konzentrationen von Forschung und Wirtschaft in der Stadt soll neuen Auftrieb bekommen. Aus Sicht des Springer-Wissenschaftsverlages ein lohnendes Engagement. Dort sind sie sehr interessiert daran, in Arbeitsgruppen mitzumachen, um junge Wissenschaftler als Autoren zu gewinnen. „Forschung ist auch kreativ, auch wenn Friedrichshain-Hipster das anders sehen“, sagt Merkel-Sobotta.