Noch arbeiten die Stahlbauer auf ihren Gerüsten, die wie Schwalbennester an zwei der vier Beine des Berliner Funkturms angeklammert sind. Doch spätestens Ende dieser Woche müssen sie fertig sein. Dann sind fünf Wochen Schließzeit für das Wahrzeichen um. Gesperrt bleiben Ausflugsturm und Restaurant aber bis zum 16. September.

Grund: Zur Internationalen Funkausstellung (IFA) vom 6. bis zum 11. September wird auch der Open-Air-Bereich unterhalb des Funkturms gebraucht. Die Elektronikfirma, die dort ihren exklusiven Bereich hat, beginnt mit den Aufbauarbeiten einige Wochen vor dem Start. Deshalb ist mit dem jährlichen Rhythmus der IFA seit 2005 der Funkturm jedes Jahr etwa zehn Wochen lang gesperrt. Früher war dies anders, denn damals fand die Elektronikmesse nur alle zwei Jahre in Berlin statt.

Die jährliche Rostsanierungskur für den Berliner Funkturm erfolgt seit 1999. Der Stahl aus den 20er-Jahren hat mindere Qualität. „Aber sie reicht bis heute aus und ist auch sicher“, versichert Bauleiter Horst Hartig. Auch in diesem Jahr bedeutet die Sanierung wieder, dass an dem 400 Tonnen schweren Stahlgerüst zwei Knoten ausgetauscht werden müssen. Keine Kleinigkeit angesichts der Größe dieser Knoten, aber auch angesichts ihres Alters.

MG-Geschosse inklusive

Die Verbindungspunkte der horizontalen und vertikalen Träger sind fast 90 Jahre alt, außerdem können sie bis zu 2,50 Meter groß sein. „Wir sanieren pro Jahr im Sommer meistens zwei dieser Turmstielknoten. Gearbeitet wird von oben nach unten. Etwa 25 Knoten sind inzwischen gemacht“, berichtet Hartig weiter. Oberhalb des Restaurants gibt es 28 dieser Knotenpunkte, die alles zusammenhalten, unterhalb des Restaurants sind es 20, die dafür aber auch immer größer werden.

Und überraschende Fundstücke gibt es bei den Arbeiten: 20-Millimeter-Geschosse aus Maschinengewehren finden die Handwerker bei den Reparaturen. Der Funkturm habe im Zweiten Weltkrieg unter MG-Feuer, vermutlich aus Flugzeugen, gestanden und sei in den 50er-Jahren zunächst nur notdürftig repariert worden, weiß Hartig.

„Ein schöner und sehr interessanter Arbeitsplatz“, sagt Schlosser Carsten Gawantka, der mit seinen Kollegen die alten Teile der Knoten austauscht. Teilweise aus Sicherheitsgründen sogar angegurtet. Keine einfache Sache, denn vor der Demontage der rostigen Nieten und Bleche an diesen Verbindungspunkten muss eine Hilfskonstruktion den Knoten umspannen und sichern.

Glück mit dem diesjährigen Sommerwetter

Sie wird mit einem 300-Tonnen-Kran auf 94 Meter Höhe, wo sich das kleine Arbeitsgerüst befindet, hochgebracht und dort verschraubt. Dann erst kann die eigentliche Sanierung beginnen. Probleme gibt es auch, wenn die rostigen Nieten sich im Laufe der Jahrzehnte unter dem Einfluss des Wetters mit dem Blech so stark verbunden haben, dass sie einzeln aufwendig ausgebohrt werden müssen.

Lothar Schmidt, Geschäftsführer und Technikchef der Messe-Berlin-Tochter Capital Facility, freut sich, dass alle Arbeiten gut im Zeitplan sind. Im Gegensatz zum vergangenen Jahr haben sie dieses Mal auch Glück mit dem Wetter gehabt: „Wir wählen die Sommerzeit, weil wir bei diesen Arbeiten nur tagsüber arbeiten können und die Tage im Sommer am längsten sind“, berichtet Schmidt.

Mit den schweren Lasten in dieser Höhe auf ein Gerüst zu müssen, sei bei Regen aus Sicherheitsgründen nicht zu verantworten. Ohnehin begleite ein Sicherheits- und Gesundheitskoordinator die Arbeiten an dem Berliner Wahrzeichen, das jeder Autofahrer, der über die Avus in die Stadt hineinfährt, schon von Weitem sieht.

Betriebsferien in der veranstaltungsschwachen Zeit

Während die Monteure auf dem Funkturm sich um den Stahl kümmern, sammeln Kollegen von ihnen auf dem Dach der Halle 11 gerade den Kieselbelag ein. „Der ist heute so bei Flachdächern nicht mehr üblich, die neuen Dachbahnen aus Bitumen enthalten den Kiesel bereits“, erläutert Technikchef Schmidt.

Das etwa 30 Jahre alte Dach sei undicht gewesen und werde gerade erneuert. Diese Arbeiten würden mit der Sommerschließzeit des Funkturms koordiniert. Sonst hätte das Funkturmgelände auch wegen des großen Kran-Einsatzes gesperrt werden müssen. An der Halle 17 der Berliner Messegesellschaft wird zudem gerade die Fassade erneuert.

Das Restaurant im Funkturm legt die Betriebsferien nicht in die Weihnachtszeit, wie es viele Firmen tun, sondern in die veranstaltungsschwache Zeit während des Sommers. In diesem Jahr erhält das Restaurant, das sich in 55 Meter Höhe befindet und einen wunderbaren Rundumblick über ganz Berlin bietet, einen neuen Teppich.

Kleine Rostnarben an den Wänden der Plattform

Der Teppich muss wegen der starken Beanspruchung alle paar Jahre ausgewechselt werden. Und das ist gar nicht so einfach. Denn er ist denkmalgeschützt. „Das bedeutet, dass er mit den Farben und dem Muster extra angefertigt werden muss“, sagt Schmidt. Dafür ist die 50er-Jahre-Wandvertäfelung immerhin relativ strapazierfähig.

Die frische rutschfeste Farbe auf der Aussichtsplattform ist gerade erst trocken geworden. Die kleinen Rostnarben, die an den Wänden vereinzelt aufgeblüht sind, wird der Maler, der gerade das Eingangshäuschen mit frischer Farbe auf Vordermann bringt, ganz zum Schluss noch beseitigen. „Eisenglimmersilber“ mit dem Ton DB 701 heißt die Farbe, mit der der Funkturm gestrichen ist.

Rost an der fast 90 Jahre alten Stahlkonstruktion zu entfernen und Korrosionsschutz aufzutragen gehört zum Standard während der Sommersanierung. Kontrolliert bei einer großen Inspektion wird auch der Aufzug aus dem Jahr 1964. Er läuft auf Batteriebetrieb. Immer wenn er unten ist, lädt er sich im sogenannten Ladeschuh auf. Auf seinem Dach transportieren die Arbeiter auch Lasten nach oben, die nicht in die Kabine passen.

Ab 17. September ist der Funkturm wieder geöffnet

Während der Sanierung fährt er zwei Meter pro Sekunde nach oben, später sind es dann wieder vier Meter pro Sekunde. Wenn der Wind mal wieder überraschend im Herbst und Winter zu stark bläst, müssen die Gäste die Nottreppe nehmen. Sonst würde der Aufzug zu sehr ins Schwanken kommen. Von dieser Treppe aus wird auch die Beleuchtung des Wahrzeichens angebracht.

„Mit unseren neuen LED-Strahlern können wir den Funkturm wie einen bunten Harlekin leuchten lassen“, sagt Technikchef Schmidt. Gesteuert würde das Farbenspiel unten vom Laptop aus. Normalerweise leuchtet das Wahrzeichen in Weiß, zur Grünen Woche dann Grün und zur Funkausstellung in Magenta (Purpur).

„Der Funkturm ist in bester Verfassung, auch nach der Sanierung wird er fünf Tage die Woche inspiziert“, versichern Schmidt und Hartig am Ende der Besichtigung. Wer sich überzeugen möchte: Ab 17. September ist das silber glänzende Wahrzeichen fürs Publikum wieder geöffnet.