Ehemaliger Flughafen

Vor zehn Jahren hoben die letzten Flieger von Tempelhof ab

Zehn Jahre nach der Schließung des Flughafens Tempelhof wird weiter über die Zukunft des Geländes gestritten. Neuer Volksentscheid?

Bauen oder nicht bebauen? Wohnungen auf dem Tempelhofer Feld werden wieder Thema

Bauen oder nicht bebauen? Wohnungen auf dem Tempelhofer Feld werden wieder Thema

Berlin. Der Fluglärm ist längst verebbt, nun kommt das Tempelhofer Feld im wahrsten Sinn zur Ruhe: Im Südosten haben sich vor Kurzem zwei Wachtelpaare niedergelassen, was sogar Naturschützer überraschte. Denn eigentlich sind diese Vögel kaum in der Stadt zu sehen. Die Feldlerchen vermehren sich, die Schmetterlinge auch. Gerade erst haben Schafe emsig Rasenpflege auf der 300 Hektar großen Grünfläche betrieben. Kita-Gruppen besuchten die 200 Tiere und Schäfermeister Knut Kucznik. Dem Brandenburger gefiel sein innerstädtischer Arbeitsort. „Das ist ein sehr friedliches Feld“, stellte er fest.

22 Heuschreckenarten gibt es hier, weit mehr als 300 Farn- und Blütenpflanzen sowie täglich ganz besondere weitere Spezies: unzählige Jogger, Kitesurfer und Fahrradfahrer. Statt einst Kerosin tropft heute höchstens Sonnenöl auf den Boden, statt Flugzeuge steigen bunte Drachen in die Luft. Am 30. Oktober wird es nun ein Jahrzehnt her sein, dass der Flughafen Tempelhof geschlossen wurde.

So harmonisch und konfliktfrei wie heute ging es nicht immer zu: Der Schließung des für die Berliner so bedeutenden Flughafens gingen harte, sehr emotionale Auseinandersetzungen über dessen Zukunft voraus. Und noch heute sind viele der damaligen Mitstreiter der Ansicht: Tempelhof hätte weiterbetrieben werden sollen. So meint Eberhard Diepgen (CDU), der frühere Regierende Bürgermeister Berlins: „Die Schließung des Flughafens Tempelhofs war voreilig. Die Entscheidung über den Standort für die notwendigen Kapazitäten im Berliner Flughafensystem war noch nicht getroffen.“ Auch viele Vertreter der Wirtschaft bedauern immer noch, dass Tempelhof nicht mehr für den stark gewachsenen Geschäftsfliegerverkehr zur Verfügung steht.

Die Berliner lieben das Tempelhofer Feld

Doch wer in diesem Sommer das Tempelhofer Feld erlebt hat, wie sehr die Menschen diese Freifläche annehmen, wie Kleingärtner dort ihre Tomaten züchten, Familien am Wochenende zum Grillen kommen und wie Kinder auf den alten Flugpisten Rollschuhfahren lernen, der sieht, dass die Schließung auch einen Nerv getroffen hat.

Die Berliner lieben das Tempelhofer Feld seit der Öffnung am 8. Mai 2010. Leonie Fahjen vom Team „Yoga on the move“, das seit Frühjahr 2017 Yogakurse auf dem Tempelhofer Feld anbietet, schwärmt: „Das Tollste ist, auf dem Rücken liegend die Entspannungsübungen Shavasana zu machen und nach oben in den weiten Berliner Himmel zu schauen.“

Trotz des Freizeit- und Naturschutz-Erfolges – ein gewisses Bedauern bleibt. Denn in der Schließung Tempelhofs lag die Hoffnung auf die Zukunft eines anderen Flughafens: des BER. Er sollte schon längst eröffnet haben. Ein Geburtsfehler, wenn man so will.

Der 30. Oktober 2008, an dem die Tempelhofer Fluggeschichte endete, war ein regnerischer Donnerstag. Um 22.17 Uhr startete an jenem Abend die letzte reguläre Linienmaschine, eine Dornier 328 der Cirrus Airlines, von Tempelhof aus in Richtung Mannheim.

Und wenig später, um 23.55 Uhr, hoben auf den Pisten des heutigen Tempelhofer Felds dann die letzten zwei Maschinen zeitgleich ab: Eine alte Ju 52 der Deutschen Lufthansa Berlin-Stiftung und der berühmte Rosinenbomber DC 3 des Air Service Berlin, mit dem die Alliierten einst während der Blockade durch die Sowjetunion die West-Berliner versorgten. Um Mitternacht gingen die Lichter auf den Landebahnen aus, die Leuchtbuchstaben „Zentralflughafen“ am Gebäude erloschen. Die Geschichte des Flughafens Tempelhofs endete nach 85 Jahren mit einer Abschiedsfeier, 800 geladenen Gästen – und lautem Protest.

„Es war ein sehr trauriger Tag“, erinnert sich Joachim Kiau. Der heute 72-jährige Tempelhofer hatte damals an die Protestierenden Trillerpfeifen verteilt. Der Flughafen war und ist für ihn eine Herzensangelegenheit. Kiau ist mit dem ältesten Flughafen Berlins groß geworden. Gegen die geplante Schließung kämpfte er in der „Initiative für den Flughafen Tempelhof“, kurz ICAT. Zusammen mit CDU, FDP und Wirtschaftsverbänden wollten sie den Verkehrsflughafen erhalten.

Warum das nicht gelang? Ein Rückblick: Die damalige rot-rote Landesregierung unter Klaus Wowereit (SPD) wollte den durch die Berliner Luftbrücke berühmt gewordenen Airport schließen, weil sie das Baurecht für den künftigen Hauptstadtflughafen gefährdet sah. Für alle stand damals fest, dass der neue Großflughafen – der heutige BER – in Schönefeld 2011 in Betrieb gehen sollte.

Im sogenannten Konsensbeschluss von 1996 hatten sich die drei Gesellschafter Berlin, Brandenburg und der Bund auf einen Single-Airport verständigt – und darauf, Tempelhof und Tegel nach dessen Eröffnung außer Betrieb zu nehmen. Doch der neue Hauptstadtflughafen wurde zur traurig-berühmten Dauer-Baustelle.

Auch ein Jahrzehnt nach der Schließung Tempelhofs ist der BER immer noch nicht betriebsbereit. Und Tegel muss mit einem Passagieraufkommen fertig werden, für das der kleine Flughafen im Norden der Stadt nicht konzipiert ist. Ursprünglich war Tegel für 2,5 Millionen Passagiere jährlich angelegt. In den ersten zehn Monaten dieses Jahres sind dort 17,5 Millionen Fluggäste gestartet und gelandet.

Und Tempelhof? Zuletzt flogen 2008 von dort 278.555 Fluggäste. „Die Auswirkungen auf die Passagierzahlen in Berlin waren gering“, sagt Flughafen-Sprecher Hannes Stefan Hönemann. „Bezogen auf die Gesamtpassagierzahlen hatte Tempelhof in 2008 nur noch einen Anteil von unter zwei Prozent.“

Bis zur letzten Minute gegen Schließung protestiert

Der Tempelhof-Befürworter Kiau hatte am 30. Oktober vor zehn Jahren die Parole ausgegeben: Bis zur letzten Minute sollte gegen die Schließung protestiert werden. Es war ein trotziger Aufruf. Denn die Befürworter eines Weiterbetriebs hatten ihren Kampf da schon längst verloren. Am 27. April scheiterte der Volksentscheid „Tempelhof bleibt Verkehrsflughafen“. Zwar stimmte mit 60,1 Prozent eine klare Mehrheit dafür, doch insgesamt gaben zu wenige ihre Stimme ab. De facto ein Sieg für Klaus Wowereit und die Linken, die damals in einer Koalition mit ihm regierten.

Beim letzten offiziellen Tempelhofer Flugtag blieben Mitglieder der Industrie- und Handelskammer (IHK) der Abschiedsfeier demonstrativ fern. Jan Eder, Hauptgeschäftsführer der IHK Berlin, bedauert heute noch, dass der Airport damals geschlossen wurde. „Tempelhof hätte eine Lösung für den Geschäftsreiseverkehr in der wachsenden Metropole sein können“, zeigt sich Eder überzeugt. Die Debatte über den Weiterbetrieb sei vor allem aufgekommen, weil dem Senat ein Zukunftskonzept für die Nachnutzung gefehlt habe. Ein Versäumnis bis heute.

Andreas Fleischer, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB) sagt: „Berlin hat den wirtschaftlichen Aufschwung der vergangenen Jahre auch ohne Tempelhof bewältigt.“ Entscheidend für die Stadt sei, dass es genügend Kapazitäten für den wachsenden Flugverkehr gibt. „Wir sehen jeden Tag, dass Tegel und Schönefeld längst an ihre Grenzen gekommen sind“, so Fleischer. Für die Wirtschaft sei es zwingend, dass der BER wie versprochen 2020 eröffnet.

Aber nicht nur das Ende des Flugbetriebs in Tempelhof war umstritten, auch die künftige Nutzung der Freifläche inmitten der Stadt. Im Mai 2014 stimmten fast 740.000 Berliner für das Gesetz der „Initiative 100% Tempelhofer Feld“ und damit gegen jegliche Bebauung. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) kämpfte einst als SPD-Fraktionschef erfolgreich für die Schließung des Flughafens – und als Stadtentwicklungssenator beim späteren Volksentscheid im Mai 2014 erfolglos für eine Randbebauung. Seine Bewertung der vergangenen zehn Jahre fällt daher zweischneidig aus.

„Der Flughafen Tempelhof wurde und wird mit der Luftbrücke verbunden, die sich 2018/2019 zum 70. Mal jährt“, sagt Müller. „Dass dieses Symbol für Freiheit nicht mit der notwendigen Schließung verschwunden ist, haben auch alle Kritiker inzwischen verstanden.“ In der Bevölkerung habe die Schließung des Flughafens, aber auch die Öffnung des Feldes eine große positive Resonanz gefunden, so Müller. Er fahre oft am Wochenende mit dem Rad übers Feld. Immer noch aber ist er dafür, die Ränder zu bebauen. Berlin braucht Flächen für Wohnungen und Gewerbe. „Der Fehler damals war, dass wir zu viel wollten“, sagt Müller.

5000 Wohnungen, Gewerbe und die Zentral- und Landesbibliothek sollten einst nach den Plänen des Senats unter Wowereit auf dem Tempelhofer Feld neu gebaut werden. Und was sollte nicht noch alles entstehen? Visionen gab es viele: Ein 1000 Meter hoher Berg mit Skiabfahrten, eine Seenlandschaft, der US-Kosmetikhersteller Ronald Lauder wollte im Flughafengebäude eine Luxus-Klinik einrichten. Inzwischen treibt das Land die Sanierung des denkmalgeschützten Gebäude voran, das die Nationalsozialisten 1936 bis 1941 errichteten. Der Mindest-Sanierungsbedarf wird auf rund 500 Millionen Euro geschätzt.

Wie so oft läuft es nun auf eine typisch Berliner Lösung hinaus: Die Kunst zieht ein. Der mit 1,2 Kilometern längste zusammenhängende Bau Europas soll zu einem Experimentierort und Quartier für Kunst werden. Derzeit gibt es mehr als 100 Mieter mit rund 2500 Beschäftigte – vom Polizeipräsidenten bis zur Tanzschule. Bis 2020 sollen das westliche Kopfgebäude und der Tower saniert und zu einem Ausstellungs- und Veranstaltungsort umgebaut sein. Auf dem Dach soll ab 2021/2022 eine Freiluft-Geschichtsgalerie informieren. In den beiden Jahren sollen auch die Bauarbeiten für den Umzug des Alliierten-Museums aus Dahlem in den Hangar 7 starten. In einem Hangar ist das Ankunftszentrum für Flüchtlinge untergebracht, derzeit leben dort rund 646 Menschen.

Formula E wird zum zweiten Mal ausgetragen

Der Flughafen Tempelhof wurde seit seiner Schließung auch für zahlreiche Veranstaltungen genutzt. 2011 hatte die Messe Bread & Butter den Anfang gemacht. Unvergesslich für Zehntausende Besucher und Nachbarn: das Musikfestival Lollapalooza, das erstmals im September 2015 auf dem Vorfeld stattfand. Im Frühjahr 2019 soll zum zweiten Mal das Formel-E-Rennen auf dem Gelände ausgetragen werden.

Für den Flughafen-Fan Joachim Kiau ist der 30. Oktober dennoch ein Tag der Trauer. Auch am kommenden Dienstag wird er wie jedes Jahr mit Mitstreitern von einst Kerzen vor das Denkmal am Platz der Luftbrücke stellen. Immer noch ist er überzeugt: „Es war ein großer Fehler, dass man den Flughafen damals geschlossen hat.“ Aber nachdem der Flugverkehr eingestellt war, hat er sich einem anderem Kampf verschrieben. Genauso leidenschaftlich. Bis heute. Er setzt er sich für das freie Feld und gegen jegliche Bebauung ein. Er sagt: „In Berlin gibt es kaum einen friedlicheren Ort.“ Selbst im Container-Flüchtlingsdorf nahe dem Columbiadamm, in dem derzeit rund 840 Menschen untergebracht sind, geht es laut Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (Lageso) überraschend konfliktfrei zu. Spätestens im vierten Quartal 2019 soll das Containerdorf verschwinden.

Dann wird die Diskussion über die künftige Nutzung der Freifläche noch intensiver geführt werden.

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