Randbebauung

Wirtschaft fordert Neubau am Tempelhofer Feld

Zehn Jahre nach der Schließung des Flughafens halten viele den Volksentscheid für nicht mehr zeitgemäß. SPD will Randbebauung prüfen.

Ob Schafe hüten, Sonnenuntergang oder Drachenfest: Die Berliner haben sich das Tempelhofer Feld als ruhigen Freizeit- und Erholungsort erobert

Ob Schafe hüten, Sonnenuntergang oder Drachenfest: Die Berliner haben sich das Tempelhofer Feld als ruhigen Freizeit- und Erholungsort erobert

Foto: Montage: BM; Foto: Reto Klar, Picture Alliance (2)

Berlin.  Der Ruf nach einer Randbebauung des Tempelhofer Feldes wird zehn Jahre nach Schließung des Flughafens und mehr als vier Jahre nach dem Volksentscheid für ein freies Gelände zunehmend lauter. „Wir brauchen eine neue Diskussion über die Zukunft des Tempelhof-Areals“, sagte Andreas Fleischer, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB), der Berliner Morgenpost. „Trotz der rasanten Entwicklung Berlins dort nur das Gras wachsen zu lassen, ist keine sehr kluge Entscheidung.“

Auch die Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) macht Druck. „Der Volksentscheid von 2014 zur Randbebauung ist nur denkbar gewesen, weil die Schließung des Flughafens von Beginn an keinem durchdachten Konzept folgte“, sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Jan Eder. Das Ergebnis behindere eine vernünftige Weiterentwicklung des Tempelhofer Feldes, die der Entwicklung der Stadt Rechnung trägt. Die Politik müsse zur Kenntnis nehmen, dass sich die Situation drastisch verändert habe, unterstreicht Eder. „300.000 Einwohner mehr als noch vor zehn Jahren suchen verzweifelt nach bezahlbarem Wohnraum. Eine Wirtschaft, die im selben Zeitraum um 20 Prozent gewachsen ist, sucht händeringend nach Flächen“, sagt der IHK-Hauptgeschäftsführer. Man könne die weitere Entwicklung der Stadt nicht auf der Faktenlage von 2008 diskutieren, als Wohnungen und Gewerbeflächen noch keine Mangelware waren. „Daher gehört die Randbebauung des Tempelhofer Feldes mit gemischten Wohnquartieren auf die politische Tagesordnung“, verlangt er.

Der frühere Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) fordert: „Wir sollten den Volksentscheid über die Nutzung des gesamten Feldes durch ein Gesetzgebungsverfahren im Abgeordnetenhaus überprüfen lassen.“ Am Rand des Flugfeldes wäre genug Platz. „Der enorme Bedarf an Wohnraum kann nur über große Flächen abgedeckt werden“, sagt Diepgen.

„Nirgends steht geschrieben, dass ein Volksentscheid 100 Jahre gilt“

Berlins Regierungschef Michael Müller (SPD) hatte jüngst erklärt, gegen Ende der Wahlperiode 2021 oder kurz danach werde das Thema wegen des wachsenden Drucks auf dem Wohnungsmarkt wieder eine Rolle spielen. „In einer Demokratie ist die Entwicklung grundsätzlich offen, und ich glaube, Tempelhof wird immer wieder in der Stadtgesellschaft diskutiert werden“, so Müller gegenüber der Berliner Morgenpost. Ob und wann über Möglichkeiten einer Randbebauung geredet werden muss, werde die Zeit zeigen, gibt sich Müller aber zurückhaltend.

Beim SPD-Landesparteitag am 16. und 17. November wollen die Sozialdemokraten aus Marzahn-Hellersdorf beantragen, die SPD im Abgeordnetenhaus solle sich für die Prüfung einer Randbebauung des Tempelhofer Feldes einsetzen. „Nirgends steht geschrieben, dass ein Volksentscheid 100 Jahre gilt“, argumentiert der SPD-Abgeordnete Sven Kohlmeier. Auch der Juso-Bundesvorsitzende Kevin Kühnert, zugleich Mitglied der Bezirksverordnetenversammlung in Tempelhof-Schöneberg, hält eine Randbebauung für sinnvoll. „Als Kommunalpolitiker, der Flächen für Kita, Sport und Freizeit finden muss, blutet mir schon ein bisschen das Herz, dass wir bis heute nicht an einem Punkt sind, das Feld zumindest in Teilen entwickeln zu können“, so Kühnert. Die Frage sei, ob man es sich auf Dauer leisten könne, nicht wenigstens auf einem Teil des Geländes Wohnungen, Kitas, Schulen oder Sportplätze zu bauen. „Die Debatte um das Tempelhofer Feld wird sicherlich noch mal aufgeschnürt – aber nicht von uns“, so Kühnert.

Der Anstoß könne nur aus der Stadtgesellschaft kommen. Sollte sich die Politik für die Bebauung entscheiden, plädiert der Verein „Mehr Demokratie“ dafür, dass Berlin das fakultative Referendum wie Hamburg einführt. Dies sieht niedrigere Hürden und Fristen bei einem erneuten Volksentscheid vor.

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